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Bayreuth : Vorab-Festspiele?

  • -Aktualisiert am

Gebändigtes Frühwerk? Finale im ersten Akt der Oper «Rienzi» von Richard Wagner in Bayreuth Bild: dpa

Bayreuth kümmert sich erstmals um Wagners „Rienzi“. Mit Christian Thielemann als Dirigenten versucht es den Schreihals zu bändigen.

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          Richard Wagners Wille bleibt Gesetz. An dem Bannfluch, den der Meister in einer späteren Lebensphase über sein Opernfrühwerk verhängte, ist auch hundertdreißig Jahre nach seinem Tod nicht zu rütteln. Nur 2008, während der Schlacht um die Festspielleitung in der Nachfolge Wolfgang Wagners, war das kurze Zeit anders: Alle Bewerberteams schrieben sich damals ins Konzept, man wolle auch den drei Wagnerschen Jugendopern „Rienzi“, „Das Liebesverbot“ und „Die Feen“ künftig eine dauerhafte Heimstatt auf der Bayreuther Bühne bieten. Nachdem sich Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier als neue Herrinnen am Hügel etabliert hatten, war davon freilich keine Rede mehr. Erst jetzt, zum zweihundertsten Geburtstag des Urahns, lösten sie das Versprechen halbwegs ein: In Kooperation mit der Oper Leipzig werden gleich alle drei Frühwerke binnen drei Tagen auf die Bühne gestemmt - nur ist es nicht die des Festspielhauses.

          Bei diesem „Festival vor dem Festival“ - die eigentlichen Wagner-Festspiele beginnen, wie jedes Jahr, erst am 25. Juli - sollte man genau hinschauen: Als Veranstalter firmieren nämlich keineswegs die Bayreuther Festspiele, sondern die „BF Medien“, eine von Katharina Wagner ins Leben gerufene Veranstaltungs- und Verwertungs-GmbH, in Zusammenarbeit mit Oper und Gewandhausorchester Leipzig. Das Logo der Festspiele taucht lediglich verschämt auf den Eintrittskarten auf. Sollte Wagners charakteristische Signatur hier nicht allzu offiziell posthumen Segen geben zum Jugendwerk-Revival? Erst recht nachdenklich stimmt der Veranstaltungsort: Die Oberfrankenhalle ist eine Multifunktionsarena von 1988 mit bis zu sechstausend Plätzen, in der neben Popkonzerten unter anderem Spiele der Basketball-Bundesliga stattfinden. Für die Wagner-Aufführungen ist die Halle jetzt in eine Opernspielstätte verwandelt worden. Mit Hilfe von Sponsoren, mit erkennbar gewaltigem Aufwand und mit allenfalls mäßigem Erfolg.

          Schlechte Akustik

          Als Hauptgrund, warum man die Frühwerke nicht im Festspielhaus spielen könne, wird neben Wagners Bann meist die diffizile Akustik des verdeckten Grabens genannt, die für die pastose Orchestrierung der späten „Ring“-Dramen und des „Parsifal“ optimal, bei den frühen romantischen Opern dagegen mit Einbußen in der Obertonbrillanz verbunden ist. Die Akustik in der Oberfrankenhalle ist nicht einmal diffizil, sie ist einfach schlecht. Trotz zusätzlicher Reflektoren über dem ebenerdigen Orchestergraben klingt das Gewandhausorchester, von der Mitte des Parketts aus gehört, stumpf und breiig, es gibt kaum Streicher- und überhaupt keine Holzbläserfarben, nur Blech und Pauke sind schrecklich gut zu hören. Zwar greift Christian Thielemann, der wie ein Volkstribun gefeierte Dirigent der den Reigen eröffnenden „Rienzi“-Premiere, immer wieder mäßigend ein; das unzureichende Klangbild kann aber auch er nicht retten. Hätte man im Festspielhaus den Graben überbaut, wäre das Ergebnis vermutlich überzeugender ausgefallen. Zumal dann auch die Sänger eine Chance gehabt hätten.

          So müht sich das Ensemble, angeführt von den Protagonisten Robert Dean Smith (Rienzi), Daniela Sindram (Adriano) und Jennifer Wilson (Irene), nach Kräften, doch die Stimmen wirken allesamt zu klein, namentlich Dean Smith klingt unter diesen Bedingungen nicht wie ein charismatischer Volks(ver)führer, sondern stellenweise kläglich. Und die biedere Steh-Theater-Regie von Matthias von Stegmann hilft ihm auch kein bisschen.

          Händeringen, Knien und Schmachten

          Dabei böte die Dreiecksgeschichte um den römischen Tribun Cola di Rienzo, der durch seinen Freiheitswillen erst die Liebe des Volkes erringt, sie dann im Kampf mit korrupten Adelscliquen durch einen Gnadenakt zur falschen Zeit wieder verspielt und schließlich im brennenden Kapitol umkommt, genügend Stoff für packende Bilder, emotionsgeladene Szenen, für „große Oper“, durchaus im Sinne der Tradition, in die sich Wagner mit diesem genialisch-überbordenden Fünfakter von 1840 stellte. Stattdessen reiht von Stegmann Standardkonstellation an Standardkonstellation, der Leipziger Opernchor sucht, wuchtig singend, Halt in der altbekannten Halbkreis-Phalanx, und es ist ein Händeringen, Knien und Schmachten bei den Solisten, als hätte man in Bayreuth schlagartig vergessen, wie sehr man selbst einmal Anteil hatte an der szenischen Erneuerung der Wagner-Darstellung im zwanzigsten Jahrhundert.

          Bleibt, wieder einmal, nur die Leistung des Dirigenten zu rühmen. Thielemann hilft dem Werk mustergültig über die zahllosen Schwachstellen hinweg, all die uneigentlichen Weber-, Spontini-, Bellini- und Meyerbeer-Anleihen, unter denen dann unversehens Wagnersches Theatergenie durchblitzt. Die Kürzungen sind trotz der Spieldauer von rund hundertsiebzig Minuten (zuzüglich zwei Pausen) beträchtlich; doch ist man dankbar, dass das Spektakel unter diesen Umständen nicht noch länger dauert. Eine Rehabilitation des „Rienzi“, die nicht zuletzt Wagners Tribut an die „Grand Opéra“ stilgerecht herausarbeiten müsste, steht in Bayreuth weiter aus.

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