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200 Jahre Richard Wagner : Das unwiderstehliche Böse

Zwischen den Fankurven: Richard Wagner Bild: AP

Es ist Unsinn, es geht einfach nicht, Wagners Musik von Wagners Leben und den schrecklichen Schriften abzutrennen. Sprechen wir also, zum 200. Geburtstag, von der Musik.

          Wieder wurden die alten Kriegsbeile ausgegraben. All diese lieben, wurmstichigen Achtundsechziger-Argumente über die wahre Art, Wagner zu lieben. Wagner und wir. Unsere Droge. Verführung, Vergewaltigung, Rausch, Schuld, Sühne. Sie fallen schon fast von selbst auseinander, diese Argumente, denn keine der Waffen, mit denen wissende Wagnerfreunde gerade wieder um sich schlagen, ist neu. Wie könnte, was vor dreißig und vierzig Jahren diskutiert und widerlegt wurde, heute durch fleißiges Repetieren wieder zu scharfer Munition werden? Trotzdem dampft, klagt, grunzt, heult, droht und denunziert es sich immer wieder ganz herrlich, mit dieser apokalyptischen Traummusik im Ohr. Warum das so ist? Das frage ich mich schon lange nicht mehr. Ich frage mich, wie lange das noch so weitergehen soll.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Man wiederholt sich. Wir wissen, was wir wissen. Gerade wurde Wagner wieder von einem witzigen Bildredakteur mit schwarzem Filzstift ein Hitlerbärtchen angemalt. So etwas kostet nichts, bringt dem Artikel aber ruck, zuck! jede Menge Klicks. Gerade wurden wieder, in einer „Tannhäuser“-Generalpause, drei nackte Statisten mit Platzpatronen liquidiert. So etwas bringt ein Theater und den Regisseur zuverlässig in die Schlagzeilen. Und wieder schlagen sich die Opernfreunde weltweit mit denen herum, die auf der richtigen Seite der Geschichte stehen; die einen rufen Zensur, die anderen nach einem Arzt, und beide Parteien tun dies natürlich im Namen einer „künstlerischen Verantwortung“, als wüsste jeder, was das ganz genau ist. Als könne man eine k. V., gesund und naturrein wie laktosefreier Biokäse, bei Edeka um die Ecke besorgen.

          Das schwärzeste C-Dur

          „Wie antisemitisch darf ein Künstler sein?“ hieß Band 5 der „Musik-Konzepte“, der 1978 herauskam. Die korrekte Antwort damals wie heute lautet: gar nicht! Niemand darf. Am wenigsten Richard Wagner, mit seinen heidnischen „Heil Dir, Sonne“-Rufen in schwärzestem C-Dur oder mit diesem geil aufbrandenden Posaunengeknatter im alles über den Haufen rennenden Walkürenritt oder mit dem klirrenden „Wacht auf“-Chor aus den „Meistersingern“ oder dem Unschuldstralala des wilden Kindes, das sich ein unbesiegbares Schwert schmiedet, um Drachen und Zwerge zu töten. Ja, einen „Totschlagehelden“ hatte Thomas Mann den Siegfried aus „Siegfried“ einmal genannt, den er halb liebte, halb unappetitlich fand. Mann gehörte, wie schon Nietzsche, zu jener Sorte von fünfzigprozentigen Wagnerliebhabern, die irgendwo zwischen den hundertprozentigen Wagnerliebhabern und den hundertprozentigen Wagnerhassern herumstehen und sich Sorgen machen. Sie lieben Wagners Musik über alles, andererseits distanzieren sie sich von Wagners Denk- und Lebensweise. Heute macht diese Gruppe deutlich die Mehrheit aus. Dabei ist, in der Theaterpraxis, Wagner schon lange kein „Fall“ mehr. Er gehört zu den meistgespielten, meistgehörten Musikautoren. Und die Kaste der rabenschwarzen Wagnerianer, die früher, vor dreißig, vierzig Jahren, noch als das Lieblingsfeindbild linker Wagnerkritik durch die Wagnerliteratur spukte, die hat sich längst aufgelöst im Wohlgefallen eines weltumspannenden Wagnerfanclubs, der keine Parteien mehr kennt.

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