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Richard-Wagner-Festspiele : Frischer Wind in Bayreuth

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Ein Herz, eine Seele und ein neues Image: Eva Wagner-Pasquier (l.) und Katharina Wagner leiten die Bayreuther Festspiele Bild: AP

Seit der Ernennung von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier zu den neuen Leiterinnen besitzen die Richard Wagner Festspiele unverkennbar ein neues Image. Doch die Konzentration darauf ist unnötig und birgt Gefahren.

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          Alle ein bis zwei Tage bieten die Bayreuther Festspiele zurzeit einen neuen Filmschnipsel als Podcast auf ihrer Homepage an, brisante „News“ vom Grünen Hügel, auf der Internetseite auch „Hintergrundinformationen“ genannt. Man erfährt, dass Bühnenarbeiter bis zu zehn Tonnen Kulissen innerhalb von fünfundzwanzig Minuten auf- und abbauen, kann dem Hauptvorhang beim Auf- und Zugehen zuschauen oder dem liebevoll als „Schrubb-Trupp“ einvernommenen Reinigungspersonal beim Putzen („Macht aber noch Spaß, oder?“).

          Pünktlich zur Eröffnung ihrer ersten Festspielsaison am kommenden Samstag hat die neue Leiterin Katharina Wagner gemeinsam mit dem Festspielfotografen Enrico Nawrath auch einen opulenten Bildband herausgebracht. Unter dem Titel „Backstage Bayreuth“ widmet er sich ganz dem Proben- und Verwaltungsalltag des berühmten Festivals. Neben Bildern aus den Werkstätten, der Maske und den technischen Eingeweiden der Bühne werden auch die Karteikästen des Kartenbüros und die trostlosesten Küchen- oder Kaffeeecken des Hauses gezeigt. Ziel des Buches, das mit der „Gier“ des Publikums nach dem „Blick hinter die Bühne“ rechnet, sei es, „den Mythos begreifbar zu machen“, schreibt die Autorin in ihrem Vorwort.

          Tiefgreifende Veränderungen

          Seit der Ernennung von Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier zu den neuen Leiterinnen besitzen die Richard Wagner Festspiele unverkennbar ein neues Image, auf dessen augenscheinlichste Merkmale die Halbschwestern nicht müde werden hinzuweisen: eine neue Website, ein neues Logo, der Einbezug neuer Medien wie „public viewing“ oder Internetübertragungen und eine offensive, mit Probenbesuchen, Pressegesprächen und Interviewangeboten werbende PR-Strategie. Daran, dass Politiker wie der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Bernd Neumann oder der bayerische Staatsminister für Kunst Wolfgang Heubisch - so jüngst in der Bayerischen Vertretung in Berlin - an einem international renommierten Festival wie dem Bayreuther vor allem den Markt- und den kulturellen Symbolwert betonen, ist nichts Verwunderliches. Dass es jedoch eine der beiden Leiterinnen selbst ist, die von ihrem Festival bereitwillig als „Marke“ spricht, die es neu zu „positionieren“ gelte, vermittelt den Eindruck, der grundlegende Unterschied zwischen dem künstlerischen Auftrag des Unternehmens und dem legitimen Interesse an seiner kommerziellen und medialen Verwertung trete überhaupt nicht mehr ins Bewusstsein.

          Das passiert freilich augenblicklich nicht nur in Bayreuth. Die Berliner Philharmoniker haben sich einen ehemaligen Fernsehproduzenten zum Intendanten erkoren, von dem sie sich Fortschritte auf einem Feld erhoffen, das ohnehin bereits bestens bestellt ist: auf dem der Außenwirkung und der medialen Multiplikation ihrer Bedeutsamkeit. Und auch im mehrfach überbuchten Bayreuth müsste die Imagefrage auf der Prioritätenliste keineswegs an oberster Stelle stehen.

          Dass Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier noch keine substantiellen Neuerungen durchsetzen konnten, ist ihnen nicht vorzuwerfen: Künstlerisch gab es für sie bislang kaum eine Chance der Einflussnahme. Doch der Wirbel, der jetzt um den „frischen Wind“ gemacht wird, der auf dem Grünen Hügel wehe, verdeckt die eigentlich eingreifenden Veränderungen, die man in der Tat als einen Paradigmenwechsel bezeichnen könnte: Der Festspiel GmbH steht nun nicht mehr ein wie monoman und patriarchalisch auch immer regierender Festspielleiter als Alleinherrscher vor, es sind die Geldgeber selbst: die Vertreter der öffentlichen Hand (Bund, Freistaat Bayern, Bezirk Oberfranken, Stadt Bayreuth) und die finanzkräftige mäzenatische Gesellschaft der Freunde von Bayreuth. Das macht nicht nur die Tarifverhandlungen komplizierter, die sich bis einen Tag vor der Festspieleröffnung hinzogen (siehe auch: Bayreuther Festspiele: Kein Premierenstreik auf dem Grünen Hügel), sondern es bedeutet auch einen Einschnitt in die künstlerische Autonomie der Festspiele.

          D er Gefahr einer Fremdbestimmtheit ausgesetzt

          Schon der regelwidrige Eingriff der öffentlichen Hand in das torpedierte Nachfolgeverfahren im vergangenen Jahr, als Staatsminister Neumann und der damalige bayerische Kunstminister Thomas Goppel die Inthronisierung Katharina Wagners kurzerhand zu ihrer Sache machten, ließ sichtbar werden, wie eng man die Zukunft Bayreuths mit Wahlkampfinteressen verknüpft. Dass die neuen Festspielleiterinnen in ihrem ersten gemeinsamen Zeitungsinterview (siehe auch: Schwesterherz! Katharina Wagner und ihre Schwester Eva Wagner-Pasquier im Gespräch) sich mit Geplauder über Nagelstudios, Naturlocken und Abendgarderobe aufhalten, weckt keine großen Hoffnungen darauf, dass sie den neuen Gesellschaftern im Zweifelsfall Paroli bieten werden.

          Mit den Berliner Philharmonikern und den Bayreuther Festspielen haben sich die beiden exponiertesten Institutionen künstlerischer Autonomie in Deutschland partiell der Gefahr einer Fremdbestimmtheit ausgesetzt. Während in Bayreuth künftig die öffentliche Hand regiert, hat das traditionell selbstbestimmte Berliner Orchester sich seiner Entscheidungsmacht zwar nicht förmlich begeben. Ob die von dem neuen Intendanten Martin Hoffmann erwarteten PR-Strategien ohne Einbuße mit den künstlerischen Zielen zu vereinen sein werden, ist aber einstweilen offen.

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