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„Salome“ in Salzburg : Logik eines Albtraums

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Strauss ist bezichtigt worden, dem Hörer durch Reizharmonien, Klangballungen, nervöse Kontrapunkte und verzerrte vokale Gesten den „Genuss der Qual“ zu verschaffen. Dem Dirigenten Franz Welser-Möst an der Spitze der blendend disponierten Wiener Philharmoniker ist zu danken, dass die ausgepichten instrumentalen Details wie etwa der Oktavaufschwung der Klarinette zu Beginn und die folgenden irritierenden Konfigurationen, die oszillierenden Klangchiffren für die Mondnacht und das Wehen der Wüstenwinde, die Klangfarbenwechsel beim Auftritt des Jochanaan, die Ekstasen der Liebeslust-Schreie („Ich will deinen Mund küssen“) und der Erotizismus des Tanzes nicht zu Wonnen der Gewöhnlichkeit herabgewürdigt werden. Das Spiel des Orchesters ist ein Wunder an textueller Klarheit und reicher farblicher Valeurs.

Vortrefflich das Sänger-Ensemble. Prächtig, mit welch blühenden und amourösen Tönen Julian Prégardien als Narraboth Salome schon vor ihrem ersten Erscheinen als erotische Imago sichtbar werden lässt. Herodias ist mit dem dramatischen Mezzosopran Anna Maria Chiuri ebenso glänzend besetzt wie Herodes mit dem Tenor John Daszak. Das Modell für den zwiespältigen Charakter des Tetrarchen hat Strauss in Wagners Mime gefunden. Wie Mime ist auch Herodes allzu oft von sogenannten Charakter-Tenören gesungen worden: grell und greinend. Der englische Tenor hält sich hingegen an die Maxime, dass Herodes zwar mit falscher Stimme singen soll, dass aber die Stimme selber nicht falsch sein dürfe. Daszak kann verführerisch schmeicheln und dabei eklig wirken. Damit wird er dem neurasthenischen Charakter des Herodes auf faszinierende Weise gerecht. Für den Jochanaan brachte Gábor Bretz eine wahre Stentorstimme mit der klanglichen Physiognomie eines Fanatikers mit.

Für Salome hat sich Strauss eine Sängerin mit dem Körper einer Siebzehnjährigen und der Stimme einer Isolde erträumt. Er selber hat angeboten, das Riesenorchester – 109 Musiker – zu verschlanken, um der lyrischen Silberstimme von Elisabeth Schumann die hybride Partie zu ermöglichen. Als Ideal, an dem alle Salome-Interpretinnen seit langem gemessen werden, gilt Ljuba Welitsch. Wie das Singen der bulgarischen Sopranistin, dokumentiert durch einen Mitschnitt aus der Met von 1949, war das von Asmik Grigorian ein Anschlag auf die Nerven der Hörer.

Die Tochter des einst weit bekannten litauischen Tenors Gegam Grigorian entspricht in ihrem Aussehen der Imago, die von Narraboth beschworen wird: Sie ist schlank und schön und bewegt sich mit tänzerischer Grazie. Ihre silbrige Stimme brennt in einer Weise, wie Eis brennen kann. Sie ist fein koloriert und dynamisch bemerkenswert variabel. Ihre hohen Töne haben metallische Leuchtkraft, die ihr Komplement findet in sanft flutenden und voll tönenden Piani. Bei den Wiederholungen der vexatorischen Forderung „Ich will den Kopf des Jochanaan“ überzeugt sie auch deklamatorisch: durch ein trotziges vokales Agieren. Ein grandioses und denkwürdiges Körper- und Seelengemälde. Man möchte einen Vers von Nietzsche zitieren, der sagt: „Licht wird alles, was ich fasse, Kohle alles, was ich lasse, Flamme bin ich sicherlich.“

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