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Strauss-Festival in Garmisch : Volksfest für konzentriertes Hören

Volksfest mit Picknick: Freiluftkonzert im Innenhof von Kloster Ettal. Jetzt kommen auch die Einheimischen zu Richard Strauss. Bild: Dario Suppan

Poesie der Zwischentöne: Felicity Lott und Asmik Grigorian zeigen in Garmisch-Partenkirchen, wie man Richard Strauss singen muss.

          Bezaubernd ist sie heute wieder, ganz wie vor dreiundvierzig Jahren, als sie zum ersten Mal die schöne, kluge, souverän verspielte Gräfin Madeleine in „Capriccio“ sang, dem funkelnden Meisterspätwerk von Richard Strauss. Dame Felicity Lott steht im weißen Sommerkleid mit blauen Blumen, das blonde Haar im Nacken hochgesteckt, im Olympia-Saal von Garmisch-Partenkirchen und trocknet sich die Augen: „Ich hab geweint. Entschuldigen Sie.“ Im Abschlusskonzert ihres Meisterkurses mit jungen Sängerinnen und dem Pianisten Julian Riehm hatte Anna Schors wenige Minuten zuvor Gustav Mahlers Lied „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ gesungen: sehr persönlich, mit durchdringender Intensität und schönheitstrunkener Schwermut, so dass sich niemand gegen das Ergriffensein wehren konnte. „Ich pack schnell meinen Müll zusammen, dann gehen wir hinter die Bühne, da ist es kühler“, sagt Felicity Lott.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir unterhalten uns darüber, was ihr Richard Strauss bedeutet, der hier in Garmisch-Partenkirchen 42 Jahre lang gelebt hat, hier 1949 starb und seit dreißig Jahren mit dem Richard-Strauss-Festival gefeiert wird. „Ich bin ihm so dankbar“, schwärmt sie, „er brachte mich überall auf der Welt hin.“ Madeleine hat sie gesungen, dann sowohl Octavian als auch die Marschallin im „Rosenkavalier“ und vor allem Lieder. Bei Wolfgang Amadeus Mozart müsse man präzise sein und beim Phrasieren gut zielen. „Aber Strauss gibt der Stimme Raum zum Ausschwingen und ist zugleich so dicht an der gesprochenen Sprache.“

          Strauss-Torte im Schaufenster der Konditorei Krönner in Garmisch-Partenkirchen zum Richard Strauss-Festival 2019

          Ja, bestätigt sie, Strauss sei fast ein Enzyklopädist der weiblichen Stimme, der zwischen Begehren und Berechnung, zwischen Zärtlichkeit und Zynismus, Weisheit und Nervosität, Intelligenz und Raserei alles erschlossen habe. „Seine Frauenfiguren in den Opern sind einfach wunderbar: vielschichtig und nah am richtigen Leben. Aber das ist natürlich auch das Verdienst seiner Librettisten, besonders von Hugo von Hofmannsthal.“ Mit den jungen Sängerinnen beim Meisterkurs des Richard-Strauss-Festivals habe sie besonders an einem gearbeitet: „Text, Text, Text! Wenn man das Gedicht nicht versteht, begreift man das ganze Lied nicht. Alle Nuancen, alle Doppelbödigkeit – gerade bei Strauss, der so ironisch sein konnte – sind bezogen auf den Text. Unsere Zeit ist aber so klangfixiert. Klang und Lautstärke – darauf kommt es den meisten an. Poesie entsteht jedoch im Leisen, in den Zwischentönen“.

          Blick über Garmisch-Partenkirchen zur Alpspitze im Wettersteinmassiv.

          „Poesie“ ist das Motto, das der Dirigent Alexander Liebreich, seit zwei Jahren künstlerischer Leiter des Richard-Strauss-Festivals, über die diesjährige Saison gesetzt hat. Ein Glücksfall ist es, dass er Asmik Grigorian, die im vergangenen Sommer Richard Strauss’ „Salome“ in Salzburg zur Sensation machte, für ein Freiluftkonzert im Hof von Kloster Ettal gewinnen konnte. „Mein Leben hat sich seitdem eigentlich nicht groß verändert“, erzählt sie, „ich habe nur eine größere Freiheit der Wahl gewonnen, damit aber auch eine größere Verantwortung für meine künstlerische Leistung.“ Sie singe Strauss sehr gern, auch eine dramatische Partie wie Salome, aber sie wolle die großen lyrischen Partien in den Opern von Peter Tschaikowsky auch weiterhin singen. „Dazu brauche ich Dirigenten, mit denen ich Strauss lyrischer als üblich singen kann. Strauss braucht das übrigens auch. Mit Franz Welser-Möst in Salzburg ging das“. Und hier, in Ettal, geht es auch. Liebreich wendet sich als Dirigent seines Orchesters, des Rundfunk-Sinfonieorchesters Prag, so achtsam Grigorians Stimme zu, zielt so schön auf Nuancen, statt auf Kraft, dass sie eine Hymne wie „Zueignung“ nicht auftrumpfend singen muss. Wir hören den scheu vorgebrachten Dank eines Menschen, der sich in seiner Fehlbarkeit angenommen weiß. Genau davon spricht der Text. Und Grigorian gibt ihm eine Stimme voller Wärme, Zärtlichkeit und Schmelz, die an die großartige Elisabeth Söderström zurückdenken lassen, die – ganz wie Grigorian es heute ist – eine Tschaikowsky- und Rachmaninow-Interpretin wie gleichermaßen eine Strauss-Sängerin von Rang war.

          Matthew Sadler bläst in der Kriegsgräbergedenkkapelle oberhalb von Garmisch-Partenkirchen während einer Musikwanderung des Richard-Strauss-Festivals 2019

          Alexander Liebreich gelingt es zusammen mit Dominik Šedivý vom Richard Strauss-Institut, das Festival langsam neu auszurichten. Lange hatte hier Brigitte Fassbaender hervorragende künstlerische Arbeit geleistet – aber das Festival blieb unter sich. Die Einheimischen, die Bewohner des Werdenfelser Lands, identifizierten sich nicht damit. Jetzt, mit Bergkonzerten auf dem Wank und auf der Zugspitze, mit musikalischen Wanderungen zum Kramerplateau, geführt von Alois Lösl, mit den Freiluftkonzerten in Ettal, kämen plötzlich die Leute, die sich dreißig Jahre lang nicht haben sehen lassen, erzählt die Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer, die im Gemeinderat sehr um die Fortführung der Finanzierung des Festivals hat kämpfen müssen. Šedivý ergänzt, dass die Einheimischen erzählten, sie würden die Natur, die sie alltäglich umgibt und die Strauss eine so wichtige Inspirationsquelle war, durch die Konzerte in ihrer Schönheit noch einmal neu und viel intensiver erleben.

          Populär und eingängig ist es dabei keinesfalls, wenn der phantastische Cellist Jean-Guihen Queyras am Abschlussabend mit dem Rundfunk-Sinfonierorchester Prag unter der Leitung des hellwachen, überaus gewandten Dirigenten Cornelius Meister die sinfonische Dichtung „Don Quixote“ von Strauss spielt. Das Stück mit seinen komplexen thematischen Verästelungen verlangt konzentriertes Zuhören. Und die resignative Weisheit, dass man sich lächerlich macht, wenn man in einer pöbelhaften Welt noch ritterlich sein will, verlangt ja durchaus Empfänglichkeit und Einsicht. Es gibt aber ergriffenes Schweigen nach dem Schluss, dann Jubel und Bravorufe für Queyras, bevor mit der „Mondscheinmusik“ aus „Capriccio“, dieser weißen Rose auf dem Trümmerhaufen Europas, komponiert mitten im Zweiten Weltkrieg in Garmisch, das Festival still, erschütternd still zu Ende geht.

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