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„Richard II.“ in Hamburg : Der König ist ein Geisterseher

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Als wäre er dreißig Mann: Sven-Eric Bechtolf als „Richard II.” Bild: Friedemann Simon

Dieser eine Mann ist hier ein ganzes, großes Theater: Der Schauspieler Sven-Eric Bechtolf spielt in Hamburg das „Solo eines Königs“. Shakespeares Stück „Richard II.“ wird zum grandiosen Ein-Mann-Drama.

          Der König stirbt hier nicht. Keine „freche Hand befleckt mit Königs Blut des Königs Land“. Der König hat hier auch keine zärtliche Frau, die von ihm gerissen wird. Keinen alten Onkel John Gaunt, der ihm auf dem Sterbebett den Untergang prophezeit und dessen Ländereien er kurzerhand einsackt. Keine opportunistischen Lords, die zu ihm halten. Keine oppositionellen Herzöge, die von ihm abfallen. Keinen Gegenspieler, seinen Vetter Bolingbroke, nachmaligen Heinrich IV., den er einst verbannte, der jetzt mit einem Kriegsheer das Land erobert und nach der Krone greift. Er hat auch kein Heer von zwölftausend Mann, die ihn - Judasse! - alle verlassen, wogegen, sagt der gesalbte König, Jesus Christus unter zwölfen immerhin elfe hatte, die ihn nicht verrieten. Er hat nichts von dem dramatischen Personal um sich herum, das Shakespeares frühes Königsdrama „Richard II.“ von 1595 einem König spendiert, auf dass aus einer historischen Figur, die 1399 abgesetzt und 1400 ermordet wurde, ein Drama für alle Zeiten werde (unser Stück).

          Der König hat hier nur sich. Sein Drama ist er selber. Und wenn er am Ende nicht stirbt, denn es ist ja keiner da, der ihn ermorden könnte, so vergeht er doch: in ein Nichts. Das er sein und werden will. Sagt er. Mehr ein existentialistischer, weniger ein historischer König. Also doch sehr nahe einem Stück für uns heute. Die Bühne des Hamburger Thalia Theaters ist eine leicht gekippte Ebene, im Hintergrund begrenzt von einer Wand, die von Lichtstreifen durchzogen oder insgesamt dunkel leuchtet, schmutziges Wolkengrau, einmal sogar eine Burg wie eine Fata Morgana zeigt. Der Schauspieler Sven-Eric Bechtolf spielt hier unter Regiemitarbeit der jungen Cornelia Rainer das „Solo eines Königs“. Das Stück „Richard II.“ als Ein-Mann-Drama.

          Kein Pardon gegen sich selbst

          Bechtolf, der in seiner sensibel-kompakten virilen Arroganz (übersetzt heißt dies: Hochmögenheit) an jeder Figur, die er spielt (ob Könige, ob Dorfrichter, ob Glühlampenfabrikanten), mit jenem sonorvirtuosen Aristokratenton, der kein Pardon gegen sich selbst kennt, die Nuancen abschmeckt, die alles Leiden in Genuss verwandeln, zeigt hier einen großen Selbstgenießer. Weniger Selbstdarsteller als vielmehr Selbsthersteller. Der alle Rollen, alle Figuren, alle Intrigen, alle Schmerzen, alle Finten, alle Morde und Hinterhältigkeiten und Verrätereien (von sich und von anderen), alle betrogene Liebe und Herrlichkeit auf sich und seinen eminenten Eleganzkopf nimmt, dem noch ein verschwitzter Haarkranz zur Krone wird.

          Bechtolfs König trägt eine Art Fechterweste über einer weißen, an den Fesseln geknöpften Hose: Dieser Herr hier führte zu Machtzeiten das Florett, nicht das Schwert. Am Anfang wälzt er sich die schräge Ebene herunter, erbricht ein wenig Blut und befiehlt seiner Seele, hoch hinaufzufliegen zu den Himmeln, wo Engel, nicht Menschen für ihn kämpfen. Denn Richard sitzt fest im Kerker, aller Macht und der Krone entkleidet. Den öffentlichen, den gesalbten, geheiligten, charismatisch glänzenden Körper des Königs hat Richard verloren (Heinrich IV. ist gekrönt), den geschundenen, erniedrigten, blutenden, staubigen Körper des Subjekts Richard hat er weder anzunehmen noch zu begreifen gelernt. So bleibt ihm die Frage-Lektion: Wer bin ich?

          Er kennt nur sich

          Dem Richard, von allen Königen Shakespeares der weichste, werden das Königtum und das Wort „König“ zu einem Spielball und gleichzeitig zu einer Ungeheuerlichkeit. Er, der letzte englische König „von Gottes Gnaden“, während seine Nachfolger alle sich selbst (durch Waffen) ermächtigen, geht mit seiner Legitimität um wie mit einem ungenierten Privatbesitz: Er kennt nur sich. Und verwechselt alles um sich herum mit sich. Nimmt und gibt und verpfändet, was ihm passt. Als alles von ihm abfällt, bleibt ihm nur die hilflose, aber wunderbar poetische Klage, die um Spinnen, Gewürm, Nattern, wild belebte Steine bittet, die alle aus der Natur aufstehen sollen, um für ihn zu kämpfen. Samt den Engeln Gottes. Er beantwortet die „Wer bin ich?“-Frage subjektivistisch mit seinem Zeigefinger, der auf ihn selbst zeigt. Er macht sich zum Einen und Allem. Insofern liegt schon in Shakespeares Stück die Lizenz zum großen Solo.

          Bechtolfs grandioser Solist Richard beantwortet die „Wer bin ich?“-Frage kurioserweise dadurch, dass er sie kollektiv angeht. Er zeigt nicht auf den Richard drinnen, sondern spielt all das in irrer, peinigender Lust und Laune, was außerhalb von Richard liegt. Er sieht sozusagen die Geister, die er nicht rief. Und er tanzt und spielt mit ihnen. Und genießt sich tänzerisch, wenn er mit ihnen spielt. Er nimmt den alten Gaunt, der ihm das „Land als Totenbett“ prophezeit, auf sich und seinen Körper, verwandelt sich in einen zittrigen, wütenden Greis. Er küsst sich ekstatisch und wirr die Hände, als er sich die Schmeichler vergegenwärtigt, die um ihn waren. Er zerrt aus dem Bühnenuntergrund eine riesige, dunkelblaue Samtrobe, mit Gold bestickt, die er als Krönungsmantel sich umlegt und in der er zynisch und asig grinsend Gericht hält über die Aufrührer Mawbray und Bolingbroke. Er legt sich ein Kettenhemd um und ist der letzte verlassene Krieger seiner Sache, der zu den Spinnen und Molchen und Steinen spricht. Er steigt herab. Erniedrigt sich. Übergibt die unsichtbare Krone an den unsichtbaren Bolingbroke, in den er sich zugleich verwandelt.

          Nie wechselt Bechtolf nur die Rollen. Immer kommen die Rollen und deren Wortsplitter zu ihm. Die er in genussreicher, panisch-virtuoser Hast anzieht und überstreift wie Ich-Ersatzhäute über blutig bloßliegenden Nerven. Im Wahnsinn kommt ihm in den Sinn, sein Ich in den tausend Splittern zu suchen, die der Spiegel, den er wegwarf, ihm zeigt.

          Abgesehen davon, dass Bechtolf glänzend spricht, wunderbar gliedert, Wort für Wort, Pointe für Pointe, Schmerzensarie für Schmerzensarie auswortmuzisiert, macht er zu jedem Moment vergessen, dass man eigentlich an die dreißig Leute auf der Bühne vermissen müsste. Dieser eine Mann ist hier ein ganzes, großes Theater.

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