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„Rheingold“ in Genf : Wagners Seele singt wieder

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Freia will mit dem ganzen Handel nichts zu tun haben. Sie traut weder der Schwester noch dem Schwager noch den Brüdern über den Weg. Immer wieder versucht sie, zu fliehen oder sich in einer Kiste zu verstecken. Als sie dann, von den Riesen als Geisel genommen und entführt, im letzten Bild noch einmal zurückkehrt, ist sie ein zerbrochenes Spielzeug: ihr Kranz zerrissen, das weiße Flatterbatikkleid befleckt, der Blick leer. Wie ein Stück Holz legt sie sich lang: ein Opfertier, das von Kopf bis Fuß zugeschüttet wird mit dem Schatz aus dem Rhein, bis auch der letzte Funke Leben verschwunden ist.

Vorbei der Sperrmüll-Spuk

Alle Götter tragen, als sie erstmals auftreten, antike Masken. Sie wohnen in luftigen Zelten. Sie kommen lautlos aus der Tiefe des Raums herbeigeschwommen, wie auf einem Lacktablett werden sie von Jürgen Rose serviert, eine Spezialität des Hauses, ausgeliehen bei den alten Griechen und nunmehr überflüssige, ja, eigentlich nutzlos gewordene Figuren: Hier, im „Rheingold“, sind sie noch ein letztes Mal aktiv. Danach heißt es: herumsitzen, Däumchen drehen, auf das Ende warten.

Dorn und Rose sind alte Theaterhasen. Sie verstehen ihr Handwerk. Sie wissen nicht nur, Figuren zu führen, sie wissen auch, wie man Geschichten erzählt. Und sie führen auch ihre Zuschauer gerne mal an deren Erwartungshorizont-Nase herum. Dreist werden Konventionen zitiert, gleich zu Beginn, beim Vorspiel, breitet sich der halbe Sperrmüll der „Ring“-Rezeption der letzten dreißig Jahre aus, da kommen und gehen bekannte Gespenster um, allesamt weich umflort von wehenden Brechtgardinen: halb ernst, halb komisch und alles geklaut.

Die flotten Rollschuhgirlies auf dem Grunde des Rheins sind ein Zitat aus der Bayreuther Kinderoper, die kopflosen herumsausenden Lemuren oder die feuerrote Neonlinie, die sich rund um das Bühnenportal kräuselt und den Mythos einfasst, könnten von Achim Freyer stammen, und die blitzrasch vorbeiflimmernden Videofetzen, die nachrichtlich in Schwarzweiß von Krieg, Geld, Ausbeutung und anderen alltäglichen Sündenfällen der Jetztzeit künden, könnten von Kupfer, Castorf oder jedermann/überall sein. Aber dann kracht es. Aus dem Schnürboden fällt eine große weiße Kiste. Sie springt auf. Die Nornen hüpfen raus. Vorbei der Sperrmüll-Spuk. Das Spiel beginnt.

Ironisch, sparsam, verspielt

Es ist dies die gute alte Theaterhasen-Trickkiste, immer wieder, wenn es kitzlig werden könnte, greifen Dorn und Rose hinein. Als der Nibelung sich den Tarnhelm aufsetzt, verschwindet er wirklich pünktlich in diesem Moment - eine Lichtspiegelung: Nur noch der Stuhl ist sichtbar, auf dem er saß. Und wann haben wir zum letzten Mal eine so giftgrüne Kröte gesehen, einen so putzigen Riesenwurm? Kriecht quer übers Dach, eine fette Raupe Nimmersatt und fletscht die spitzigen Beißerchen. Und als Loge (Corby Welch) so tut, als sei er enorm erschrocken, da faucht dieses Fabelpapiertier ihn nochmal extra an, im Verschwinden eine klitzkleine Rauchwolke ausspuckend.

Leicht und banal wie eine Etüde wirkt dieses erste „Ring“-Teil-Stück von Rose und Dorn. Ironisch, sparsam, verspielt. Die Figuren wie für die Vorstadtbühne entworfen, ein Märchen für Erwachsene. Tatsächlich sind ja auch im „Rheingold“, diesem vorzeitgrauen Auftakt zur Tetralogie, zunächst nur Zwerge, Riesen und Götter unterwegs, der Mensch mit seinen Missetaten steht hier noch gar nicht auf dem Waschzettel. Noch geht es nicht, wie später, um die großen Tagesthemen: um Krieg, Mord, Inzest, Liebe, Tod und so weiter. Erst mal musste nur ein Häufchen Gold geklaut und verflucht werden. So kommt das Böse in die Welt. Und auf das, was daraus folgen wir sind wir jetzt schon gespannt. Die Kosten für das Hotelbett der Rezensentin übrigens trug diesmal das Theater.

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