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Revue „Fritz!“ in Potsdam : So schnell spielen die Preußen nicht

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Schräge Vögel unter sich: Rita Feldmeier als Alter Fritz und Roland Kuchenbuch als Soldatenkönig im Adlerkostüm Bild: dpa

Zu dessen dreihundertstem Geburtstag zeigt Potsdam ein „Theaterspiel für den König von Preußen“. Doch „Fritz!“ zieht lediglich bekannte Klischees durch den brachialdramatischen Kakao.

          Viel Dampf, viel Ehr’? Keineswegs, denn obwohl es auf der Bühne des Hans Otto Theaters Potsdam mächtig wolkt, ist die Uraufführung von „Fritz!“ nichts für die Geschichtsbücher geworden. Das Auftragswerk entstand zum dreihundertsten Geburtstag des Alten Fritz. Geschrieben hat es Uwe Wilhelm, sonst vorwiegend mit Kinodrehbüchern beschäftigt. Vom Zyniker, Misanthropen, Frauenverächter, Wegbereiter Hitlers bis zum Philosophen auf dem Thron, der als Komponist, Dichter, Architekt dilettierte, sind hier die bekannten Klischees gebündelt, um sie durch den brachialdramatischen Kakao zu ziehen.

          Der Kakao ist in der Regie von Tobias Wellemeyer zwar eine angedickte Nebelsuppe, was die Sache aber nicht besser macht. Das „Theaterspiel für den König von Preußen“ erzählt aus der Perspektive von dessen früherem Privatsekretär und Vorleser Henri de Catt. Der kleine, inzwischen halbwegs in Ungnade gefallene und von Geldnöten geplagte Schreiber ist im Begriff, ein Stück über seinen einstigen Dienstherrn zu verfassen.

          Als wäre „Sans Souci“ ein Nachtclub

          Und so liefert Uwe Wilhelm eine sprunghafte Form von Theater auf dem Theater, in der sich Zeiten und Räume, Ursachen und Wirkungen unbekümmert mischen. Wellemeyer fabriziert daraus eine einfältige Revue mit schaumgebremstem Rhythmus, in deren Zentrum - der alte Fritz scheint inzwischen eine weibliche Paraderolle geworden zu sein - die Verwandlungskünstlerin Rita Feldmeier steht. Im Abendkleid zu Dreispitz und Gehstock zeigt sie eine energisch souveräne, charmant zackige Königsikone, die für fabelhafte Gesangseinlagen sorgt.

          Auf der Drehbühne kreist eine Gerüstkonstruktion, die vorne in roten Neonbuchstaben den Namen von Friedrichs Sommersitz trägt, als wäre „Sans Souci“ ein Nachtclub, während sich hinten die heutig möblierte Küche der de Catts befindet, in der sich die schmutzigen Teller stapeln. Raphael Rubino als wohlgenährter de Catt sieht mit schwarzer Vollrandbrille und braunem Cordanzug wie die Karikatur eines linksliberalen gegenwärtigen Dichterlings aus, während ausgerechnet der Thronfolger, der spätere Friedrich Wilhelm II., als Lebemann und Genussmensch populär, in eine Art SS-Uniform gesteckt wurde, die Eddie Irle mit sinnloser Schneidigkeit trägt. Roland Kuchenbuch hüpft als rabiat strenger Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. im Flatterkostüm eines roten Adlers an der Grenze zur Peinlichkeit über die Bühne. Patrizia Carlucci verletzte sich in der Premiere und spielte ihre Rolle als Opernsängerin Ulrike de Catt mit dick bandagiertem Bein.

          Eine energisch souveräne, charmant zackige Königsikone, die für fabelhafte Gesangseinlagen sorgt: Rita Feldmeier

          Requisiten und Dekorationsteile wie ein Thronsessel, ein hochgepolsterter Lotterbettkäfig oder ein Pappkarton mit abgeschlagenen Köpfen werden schnell herein- und wieder weggetragen. Aufgestellte Scheinwerfer ersetzen Kerzenlicht, Würstchen oder Bananen dienen als pubertär sexualisierte Genussmittel, die drei vor Servilität vibrierenden Minister unterdrücken nur schwer den Hitler-Gruß. In Filmeinblendungen exerziert der junge Friedrich mit nacktem Oberkörper, treibt’s mit seinem Kammerdiener und auch mit einer sächsischen Gräfin. Wilhelm und Wellemeyer lassen wirklich nichts aus, bis es irgendwann genug ist. Doch ein gutes Ende finden sie nicht, bloß ein geschwätziges.

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