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Retrospektive des Multikünstlers Tomi Ungerer : Liebe braucht die List wie die Lust

„Warten auf Godot mit blick aufs Meer”, 2009: Die Unschuld der Fleischeslust ist Ungerers Glücksversprechen Bild: dpa

Die Plastikkörper geköpfter Barbiepuppen werden auf Fitnessmaschinen aus Bastlermüll geschnallt; ein Schraubenpaar macht eine Kehrschaufel zum Katzenkopf: Die Retrospektive des Multikünstlers Tomi Ungerer in Schwäbisch Hall beeindruckt mit wenig bekannten Werken.

          Weicher Strich, sanfter Schwung, satte Farben, ein herzerwärmendes Idyll. Man sieht sofort: ein Blatt von Tomi Ungerer. Linien wie geätzt, zackige Konturen, mageres Schwarzweiß, eine Satire, die das Blut gefrieren lässt. Ein Blatt von Tomi Ungerer, das sieht man sofort.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall zeigt die bislang größte Werkschau des elsässischen Zeichners. Aus einem Gesamtwerk, das Werner Spies auf 30 000 bis 40 000 Blätter schätzt, hat man in Zusammenarbeit mit dem Musée Tomi Ungerer in Straßburg mehrere hundert Arbeiten ausgewählt. Besonderes Gewicht liegt auf zwei weniger bekannten Nebenkomplexen, den Collagen und den Skulpturen. Sehr viele dieser Werke sind erst in den letzten zwei Jahren entstanden. Die beiden Nebenlinien verlaufen parallel. Das Werkzeug des Bildhauers Ungerer ist der Leim, die Objekte sind Assemblagen, aus Fundstücken zusammengesetzt: Die Plastikkörper geköpfter Barbiepuppen werden auf Fitnessmaschinen aus Bastlermüll geschnallt; ein Schraubenpaar macht eine Kehrschaufel zum Katzenkopf.

          Wir erkennen die Hand des Zeichners, auch wo sie weder Feder noch Pinsel geführt hat. Die Lust an der Pointe treibt den Objektkünstler an; er setzt auf den augenfälligen Effekt, den in die Luft gezeichneten Umriss. Organisches und Mechanisches, Unbelebtes und Beseeltes, Stumpf und Prothese tauschen die Formen in einem Musterbuch der Singularitäten. Eine Hekatombe von Unterwäschemodellen aus dem Versandhauskatalog bedeckt die Blöße des weißen Papiers: Mit Schere und Klebstoff kann Ungerer kritzeln. Andersherum gesehen: Die Montage von Versatzstücken gehört zu den einfachsten Übungen des Witzzeichners und des Werbegrafikers. Und in beiden Metiers waren Ungerer die schönsten Erfolge vergönnt, weil er das Einfache nicht gescheut hat.

          Der ganze Mensch ist nicht mehr als die Summe seiner Weichteile

          „Bonduelle ist das famose Zartgemüse aus der Dose“

          Die schiere Fülle des in Schwäbisch Hall Aufgeblätterten lässt etwas ahnen von Ungerers Fähigkeit, sich durch Abwechslung zu stimulieren, etwas liegen zu lassen, um etwas ganz anderes anzufangen. Es fällt aber, wenn man in diesem Kosmos der Polymorphie spazieren geht, auch das Komplementäre ins Auge. Werkphasen und Stilformen Tomi Ungerers sind gerade dort verwandt, wo sie sich unterscheiden wie Tod und Leben, Befriedigung und Zufriedenheit, der Faden, den keine Maus abbeißt, und das dicke Katzenfell.

          Das Cover einer Schallplatte mit jüdischem Liedgut unter dem Motto „Gefilte Fisch: Gefilte Liebe“ zeigt auf senfgelbem Grund eine Dame, die auf dem Schoß eines in blauen Kissen versinkenden Herrn sitzt und ihn füttert. Die schwarzhaarige Kalorienbombe aus dem Osten ist nackt, der Herr hat die schwarze Anzughose heruntergelassen, die behaglich gewölbten Bäuche reiben sich aneinander. Die Unschuld der Fleischeslust ist das Glücksversprechen Tomi Ungerers. Es gibt sie auch in der autoerotischen Variante, etwa in der Bonduelle-Kampagne von 1976. Famoser als der Ungerer zur Illustration aufgegebene Slogan „Bonduelle ist das famose Zartgemüse aus der Dose“ ist nur die zarte Kursive, in der er diesen Satz schreibt - und natürlich das Bild des Hühnchens, das eine geöffnete Dose in die Höhe stemmt, um sich die feinen jungen Erbsen zum Terrinenbad über den Rücken laufen zu lassen.

          Nostalgie ernährt ihren Mann - und ihre Gegenstände

          Alfred Jarrys König Übü für das Theater Dortmund ist eine der vielen Wappenfiguren dieses Hedonismus im Geiste oder besser nach dem Geschmack von Heines Zuckererbsen für jedermann. Dem besonders leutseligen Monarchen stecken Schnecken in sämtlichen Körperöffnungen, Kürzel einer Zeichenkunst, die im Selbstgenuss ihre Erfüllung findet. Der ganze Mensch ist nicht mehr als die Summe seiner Weichteile. Man sieht dem König an, worum man in Ungerers Traumland beneidet wird: um einen dicken Bauch - nur dass es in diesem Land gar keinen Neid mehr gibt, weil jeder sich königlich satt essen kann.

          Gibt es eine grafische Formel hinter dem Zauber von Tomi Ungerers „Großem Liederbuch“? Die Bauern, die im Märzen die Rösslein anspannen und im Oktober Ringelreihen tanzen, sind wohlgenährt. Ludwig Richter hatte da offenbar etwas weggelassen. Nostalgie ernährt ihren Mann - und ihre Gegenstände: Ungerers Biedermeier ist eine Zeit der properen Wonne, sein Altdeutschland auf den zweiten Blick ein Schlaraffenland. Uns ergreift, wir wissen, wie, irdisches Behagen. Zum „Großen Liederbuch“ bietet die Ausstellung eine große Zahl von Skizzen, Bleistift oder Tusche auf Transparentpapier. Leider wurden sie in ein fensterloses Kabinett neben dem Filmvorführraum gehängt, aus dem ständig Lärm herüberquillt. Dabei blickt man doch aus dem Panoramafenster der Kunsthalle über das Tal auf eine Stadt, die so in Ungerers Buch stehen könnte.

          Die Figur des Unheils ist die reiche, emanzipierte Frau

          Die Gegenwelt zur besungenen, besonnten Heimat ist das kalt ausgeleuchtete verfluchte Land jenseits des Atlantiks. 1971 verließ Ungerer New York, wo er als Werbezeichner und Kinderbuchautor seinen Weltruhm begründet hat. Mit „The Party“ hatte er 1966 seine New Yorker Apokalypse publiziert: Als das Endstadium des Puritanismus erweist sich der freudlose Genuss der in Jahrhunderten aufgetürmten Reichtümer, die Übertragung der Prinzipien der innerweltlichen Askese auf die Bewirtschaftung der Lust.

          Die Figur des Unheils ist die reiche, emanzipierte Frau. Auf den Cocktailparties des Skelett-Verlags oder der Anwaltskanzlei Tod, Tod, Tod und Partner sucht sie ihre Beute. Auch sie will das Objekt ihrer Begierde mit Haut und Haar verspeisen. Aber wohin mit dem Mann, wenn sie ihn zerkaut hat? Den Magen hat sie sich herausoperieren lassen. Die Büstenhalter laufen spitz zu wie die Heckflossen der Straßenkreuzer. Ungerer liefert anatomische Studien zu einem innerweltlichen Inferno: Alles Schwellen der Formen ist abgetötet, gespannt und festgezurrt fressen sich die Linien ins fortgehungerte Fleisch. Die Harpyien haben Ungerer nach dem Abschied von Amerika verfolgt. Aus dem heitersten Himmel taucht sie plötzlich wieder auf, die hagere Frau, die ihre Beine wie die Autotür öffnet und die Vagina dentata sehen lässt. Verführung ohne List ist in Ungerers Augen offenbar eine Sackgasse der Evolution und ein Rezept für Unfruchtbarkeit. Wenn dagegen die Katze sich nach der Maus ausstreckt, ist das ein Liebesbeweis.

          Auf Ungerers Skizze zum Lied des Rattenfängers von Hameln bildet die Wellenlinie des langen Umhangs die verführerische Flötenmelodie nach. Das kindliche Publikum besteht naturgemäß aus drallen Persönchen; ein besonders fröhliches kugelrundes Mädchen schwingt sogar einen Löffel. Den Ausstellungsbesuchern, die in Tomi Ungerers Welt hineingezogen werden, ergeht es wie den kleinen Augenschmausern: Wir müssen alle hinterdrein.

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