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Uraufführung in München : Die Einsamkeit der Langstreckensäufer

Möglichst viel reden, um die innere Leere zu übertönen: In Simon Stones Tankstelle am Stadtrand Münchens tummeln sich jede Menge Auslaufmodelle der Gegenwart. Szene aus „Unsere Zeit“ Bild: Birgit Hupfeld

Sind unserer Gesellschaft Glaube, Liebe, Hoffnung abhanden gekommen? Simon Stone eröffnet mit „Unsere Zeit“ die Spielzeit am Münchner Residenztheater.

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          Wenn das fossile Zeitalter zu Ende geht, werden dann Tankstellen noch das Gleiche sein wie heute? Nahversorger, die das ganze Jahr über Tag und Nacht geöffnet haben, Benzin, Ladestation, Zigaretten, Kaffee, Snacks, Backwaren, Lebensmittel, Zeitschriften, Waschraum, Toiletten. Oder ist auch die Tankstelle bald ein Relikt aus der guten alten Zeit? Das dürfte einer der Gründe gewesen sein, warum der australische Dramatiker und Regisseur Simon Stone sein neues Stück „Unsere Zeit“ dort angesiedelt hat.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Blanca Añón hat ihm dafür im Münchner Residenztheater den perfekten Glaskasten gebaut. Vertraut bis den letzten Winkel, birgt „E-tanken“ einen Supermarkt, eine Paketabholstation, ein Stehcafé. Zwei Monitore zeigen den Zuschauern das Geschehen aus dem Blickwinkel von Überwachungskameras, obendrein dreht sich diese Anlaufstelle für verlorene Seelen um die eigene Achse, auch die hässliche Rückseite mit Abfalltonnen und Toiletten kommt ins Spiel, nicht nur die Schauseite mit Schnittblumen, Stehtisch und Kasse. Unverblümt zoomt die Kamera auf die bunte Warenwelt und überträgt Großaufnahmen von Chipstüten und Eisbechern, die Bilder sollen als ironische Brechung zum Bühnengeschehen gelesen werden. Am Kühlschrank entscheiden sich wichtige Glaubensfragen – trinkst du Augustiner oder Tegernseer? In jedem Fall trinken so gut wie alle Kunden viel zu viel, und geraucht wird ohne Unterlass. Auch das etwas, was in den guten alten Zeiten an Tankstellen weniger gern gesehen war.

          Der Zuhälter und seine Escortlady

          Simon Stone hat sich „frei nach Motiven Ödön von Horváths“ an die „theatrale Analyse unserer Gegenwart gemacht, so weit der Programmzettel: Fünfzehn Personen, die meisten irgendwo zwischen zwanzig und vierzig, Kinder unserer Gegenwart, suchen einen Halt im Leben und sind dafür bereit, sich selbst zu verkaufen. Das Stück folgt diesen Aufstiegs- und Fallgeschichten vom letzten Augusttag des Jahres 2015 bis in den Frühherbst 2021. Also von Kanzlerin Merkels „Wir schaffen das!“-Diktum bis zum Long-Covid-Gefühl dieser Tage. Inkludiert sind alle Debatten der vergangenen Jahre, Rassismus, MeToo, weiße alte Männer, Kolonialismus, Flüchtlingswelle, Gesundheitsdiktatur, Afghanistan.

          In Stones Tankstelle treffen Menschen verschiedener Herkunft, Hautfarbe und sozialen Status aufeinander, nur dass sie sich hier untereinander in Beziehung setzen oder bereits stehen. Der Münchner Strizzi Konrad (Simon Zagermann), der die Tankstelle leitet, kann die Augen und bald auch die Hände nicht von der neuen Aushilfe Ulli (Antonia Münchow) lassen. Immer einen flotten Anmachspruch auf den Lippen, hat er doch so viel Herz, den illegalen Kurden Hawal (Delschad Numan Khorschid) bei sich aufzunehmen. Weniger gnädig ist er dem verwirrten Propheten Massimo (Nicola Mastroberardino) gegenüber, den ein Schicksal an diesen Ort fesselt – der Tod seiner Tochter in der Waschstraße gleich nebenan. Der Kriminaler Stanislaw (Oliver Stokowski) trifft hier im Nebenberuf als Zuhälter die Escortlady Julia (Liliane Amuat), um seine Provision zu kassieren.

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