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René Polleschs „Cavalcade“ : Degeneration Golf in Nordkorea oder so

  • -Aktualisiert am

Diskurs unter Affen: Birgit Minichmayr und Martin Wuttke Bild: dpa

René Polleschs Affendiskurstheater „Cavalcade“ wird im Wiener Akademietheater als giftiger Cocktail aus Britney Spears und Sigmund Freud uraufgeführt.

          2 Min.

          Ein Sperrholz gewordener Albtraum ist dieser Senkrechtstarter-Düsenjet mitten auf der Bühne des Akademietheaters. Neben dem Flugzeug ist kaum noch Platz für was anderes. Die neueste Uraufführung eines Schwurbeltextes von René Pollesch mit dem wie gewohnt sinnfreien Titel „Cavalcade – or: Being a Holy Motor“ beginnt gleich mit der Landung dieses dröhnenden Knalleffektaeroplans. Da ist es eigentlich sehr bedauerlich, dass diese ziemliche Meisterleistung der Bühnentechnik, entworfen von Bert Neumann, später nur dazu dienen wird, das alte Klischee von Frauen, die nicht einparken können, zu verfestigen.

          Wahlweise kann man sich, wie so oft bei Pollesch-Inszenierungen, freilich auch dafür entscheiden, die Darstellung so eines Vorurteils fein dialektisch als dessen Entlarvung zu verstehen. Der an sich notwendige dritte Schritt, die Synthese aus den beiden Positionen, unterbleibt jedoch stets. An fehlender Zeit liegt das nicht, auch wenn dieser Abend wieder einmal kurz, aber durchaus nicht knackig zu werden verspricht. Knapp fünfundsiebzig Minuten avisiert der Programmzettel, und diese Zusage wird tatsächlich eingehalten, obgleich phasenweise ein anderer Gemeinplatz, nämlich über die Relativität der empfundenen Zeit, bestätigt wird. Einstein steht aber nicht im Zentrum dieser Aufführung, sondern, zumindest für ein halbes Stündchen möchte man das glauben, Sigmund Freud.

          Heiliger Motor im Sinkflug: Ignaz Kircher und Martin Wuttke sehen Birgit Minichmayr landen

          Nach der Punktlandung der Maschine vor dem Abbild eines belebten Straßenzuges in New York schließt sich der psychedelisch glitzernde Vorhang – die Theaterleitung wäre gut beraten, eine Epilepsiewarnung auszugeben, der Vorhangeffekt ist fast so schlimm wie es Stroboskoplichtblitze sind –, und Martin Wuttke, jetzt noch in lächerlichem Brokat-Bolero und Schuhen mit dezimeterhohen Absätzen und Ignaz Kirchner in einer Art rotem Schlafanzug treten an die Rampe, zünden sich Zigaretten an und reißen alte Witze.

          Bald aber wandert das Gespräch zur Traumanalyse, das heißt vielmehr, Wuttke plappert drauflos, Kirchner lauscht. Dann gesellt sich den beiden Herren Birgit Minichmayr im kleinen Schwarzen hinzu und illustriert die Geschichte von der verspätet eintreffenden Schauspielerin, die erfährt, dass die Vorstellung wegen des Todes des Hauptdarstellers abgesagt wurde. Also doch nicht zu spät!

          Und was hätte Freud dazu gesagt? Werden wir nie erfahren, denn spätestens jetzt lernt man die beiden Schlüsselwörter des Abends kennen, die man noch sehr oft zu hören bekommt: toxisch und hysterisch. Nun, mit Hysterie hat sich der Doktor Freud ja schließlich eingehend beschäftigt, das passt schon irgendwie. Die nordkoreanische Führung lag bei ihm jedoch nie auf der Couch. Umso öfter tauchen skurrile Details aus dem selbsternannten Arbeiter-, Bauern- und Künstlerparadies nördlich des 38. Breitengrades dafür bei René Pollesch auf.

          Golf im Orchestergraben

          Kim Jong Il zum Beispiel eröffnete den ersten Golfplatz des Landes mit einem sensationellen 19-Schläge-Spiel, und das bei regulär 18 Löchern. Auch diese Meldung wird von Minichmayr, Kirchner und Wuttke zur Genüge breitgetreten, bis sie selbst zu Golfschlägern greifen und Putten, was das Zeug hält. Das Zeug ist in diesem Fall der mit kleinen bunten Bällen gefüllte Orchestergraben, der damit an die Kinderaufbewahrungsfolteranlagen eines notorischen schwedischen Möbelhauses erinnert.

          Ab und an tauchen die drei Helden des Abends in den Bällen unter, um in anderer Verkleidung, irgendwann auch mit Affenmasken angetan, aus der Kulisse wieder aufzutreten. Mal zaubert Minichmayr, in hellblauem Dienstmädchenkleid, wobei die Montur eines Piloten ihr doch viel besser gestanden hätte, zu den viel zu lauten Takten von Britney Spears („Toxic“, was sonst?) den Jet nach oben. Dann wieder droht Wuttke an, ihr „eine in die Schnauze zu schlagen“, oder sie verbraten selbdritt Zitate aus Filmen der Marx-Brothers. Oder doch Abbott und Costello?

          Man kommt nicht mehr so ganz mit, und es ist ja auch egal. Turbulente Szenen wechseln mit zum Gähnen langweiligen Wiederholungen und vorgetäuschter Tiefsinnigkeit, diesmal verstärkt durch Zitate von Žižek. Ach, von Slavoj Z., dem Philosophen? Nein, von einer Almut Žižek. Sehr komisch! Also leider wieder ein typischer Pollesch.

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