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Neues Stück von René Pollesch : Wir sind doch auch gegen Inlandsflüge

Was vom Kapitalismus übrigbleibt: Fabian Hinrichs im goldenen Ganzkörperdress mit Mitgliedern der Palast-Compagnie Bild: William Minke

Kann das denn sein, dass alle kein Zuhause haben? René Pollesch zeigt im Berliner Friedrichstadtpalast sein neues Stück „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“.

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          Ich war, heißt es in Roy Orbisons Lied „God Loves You“ von 1972, jemand, den niemand beachtete, ein komischer Siegertyp, der ständig verlor – „a funny kind of winner, losing all the time“. Auf der „weltgrößten“ Bühne, der des Berliner Friedrichstadtpalastes, gibt Fabian Hinrichs so einen. Im goldenen Ganzkörpertrikot, das vom Kostüm eines Varietétänzers übriggeblieben ist, erzählt er im Monolog siebzig Minuten lang, wie es sich anfühlt, wenn einen keiner will. Von schwerster Kindheit, prügelndem Vater, ekelhaftem Kinderarzt, trostlosem Heranwachsen, Selbstmordversuch mit sechs. Als ich vier war, als ich elf war, als ich drei war: immer nur Einsamkeit, immer nur Verlogenheit und die Klage, es könne doch nicht sein, dass alle kein Zuhause haben.

          Doch, kann schon sein, lässt uns Autor und Regisseur René Pollesch in seinem Stück „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ wissen. Am Ort der Tanzshow „Vivid“ entleiht er von ihr nicht nur das Motiv vom Auszug eines Kindes in die Bühnenberühmtheit, sondern auch das Ballettensemble und viele Versatzstücke: vom Stroboskoplicht, dem Lichtsichelkopfschmuck und den über die Bühne schwingenden Schaukeln bis zur sinnlose Auftritte ermöglichenden Showtreppe und der insektenhaften Neonbrücke. Mit all dem inszenieren Hinrichs und Pollesch die Frage „Wer vergnügt sich im Vergnügungslokal?“

          Das Publikum tut es. Und woran vergnügt es sich? Daran, dass es immer einen gibt (Dieter Bohlen), der noch trauriger, noch absurder ist als man selbst. Oder darüber, dass Hinrichs den „Tatort“, in dem er selbst auftritt, neben Zalando, Netto und dem Friedrichstadtpalast als weiteres Beispiel für die Sinnleere unserer Gesellschaft anspricht. Oder über kleine lokale Volkstheaterwitze mit Honecker, auf den sich Kohl einfach draufgesetzt hat. Die „Mindeststandards der Teilhabe“ am Lachen über die anderen sind nicht unerreichbar. Réne Pollesch ist dabei eine Art Jacques Offenbach des Spätkapitalismus, der dem gelebten Misslingen ständig neue Revuen abgewinnt, die sich ihrerseits aus Schlagerkitsch und Kritikkitsch zusammensetzen. Hinrichs konditionsstarkes Lamento, eine Art Medley aus Polleschs Werk, beklagt die Wirtschaftsordnung. Aber eine andere könne man sich auch nicht vorstellen. „Wir sind doch auch gegen Inlandsflüge“, wird der Lufthansa-Chef zitiert, und der Saal bricht in ein Lachen aus, das übertönt, dass im Saal wie auf der Bühne manche gegen Vieles sind, an dem sie ebenfalls verdienen.

          So weit, so bekannt, Aporien des Dagegenseins im Dabeisein eben, in einer Stadt, die den Kapitalismus mehr so vom Hörensagen kennt. Neu ist die Form des Tanztheaters, die Pollesch hier wählt. Funktioniert hat sie nicht. Wer die Einlagen des Ensembles für „sagenhaft“ oder „sorgsam choreographierten Ballettzauber“ hält, wie erste Kritiken, hat den Boléro, der hier zitiert wird, wohl noch nicht einmal auf Youtube gesehen. Über eine A-Cappella-Chorusline mit Hinrichs hinaus ist dem Theatermann zu den Tänzern nicht sehr viel eingefallen. Wie sie ihrem Beruf sonst am Friedrichstadtpalast nachgehen müssen, spielt keine Rolle, sie sind nur ein bunter Rahmen für einen bekannten Text. Das ist, bei aller traurigen Witzigkeit des Textes, in einer Kunst, in der es Michael Laub, Jerome Bel und Christoph Marthaler gibt, doch zu wenig und war eine verpasste Gelegenheit.

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