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René Polleschs Abschied : Wo geht ihr denn jetzt hin?

  • -Aktualisiert am

Der Amigo (Martin Wuttke) in der Raumkapsel: traurig Bild: Lenore Blievernicht

In vollem Lametta: René Pollesch verabschiedet sich mit „Dark Star“ gewohnt diskursfreudig von der Berliner Volksbühne. Und das Publikum will ihn eigentlich nicht gehen lassen.

          Die sich nun ihrem Ende entgegenneigende Intendanz von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne ist eng verbunden mit dem Autor und Regisseur René Pollesch, der hier seit 2001 mit zahlreichen Produktionen stilprägend wirkte – ob früher oft im Prater, der kleinen Spielstätte im Bezirk Prenzlauer Berg, oder dann auf der Hauptbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. In seinen formal hochdynamischen und diskursiven, inhaltlich aktuell-politischen, kapitalismuskritischen Stücken vermochte er, selbst auf den ersten Blick, sperrige Themen wie Stadtentwicklung oder die Deregulierung des Arbeitsmarktes wunderbar anregend und amüsant aufzubereiten – bis hin zu dem abendfüllenden Monolog mit Fabian Hinrichs „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang“. Binnen kurzem etablierte sich Pollesch, anders als im gediegeneren Umfeld etwa von Wien, Zürich oder Hamburg, zum Liebling der denkfreudigen, hippen, urbanen Theatergemeinde. So überraschte es nicht, dass sich nach „Dark Star““, der letzten, für seine Verhältnisse mit zwei Stunden ziemlich langen Premiere, der ganze übervolle Saal erhob und begeistert applaudierte. Allzu viel Enthusiasmus oder finale Klatschmärsche waren nicht unbedingt die Spezialität des eher coolen Volksbühnen-Publikums, aber bei René Pollesch wurde diesmal gern eine Ausnahme gemacht. Dabei war es gar nicht sein stärkstes Stück und nicht seine stärkste Inszenierung, doch wen kümmert das schon, wenn es ans herzzerreißende Abschiednehmen geht?

          Frei entlang an John Carpenters filmischer Science-Fiction-Parodie „Dark Star“ (1974) erzählt, lässt Pollesch in dieser Uraufführung das eingeschworene Ensemble aus Christine Groß, Milan Peschel, Trystan Pütter und Martin Wuttke durch den Weltraum irren, irgendwo wild diskutierend landen, über die Freuden des Wellenreitens in Kalifornien fabulieren und beim heutigen Internetsurfen nicht aufhören. In roten Strampelanzügen zu Cowboyhüten, die von den Männern als „Die drei Amigos“ bereits in früheren Produktionen getragen wurden, wie in bunt gemusterten Einteilern, die später alle inklusive der Souffleuse Tina Pfurr tragen (Kostüme: Nina von Mechow), erinnern sie sich an die Hippie-Kultur, diskutieren über den „Kältetod des Universums“, mahlen Kaffeebohnen und klagen, dass „kein Außen mehr“ existiert: „Es gibt nur ein exaltiertes Ich auf der Suche nach einem Wir-Gefühl.“ Was die vier so treiben, ob aufgeregt im Liegestuhl oder locker in der Schwerelosigkeit ihrer Raumkapsel, ist meist lediglich per Liveübertragung zu verfolgen, da sie sich hinter, manchmal auch auf einem länglichen Podest oder in ihrem Flugkörper verbergen (Bühne: Barbara Steiner). Da wie dort hauen sie sich die Theoriebrocken geballt um die Ohren und watschen einander in einer besonders komischen Szene unzählige Male krachend ab.

          Die Leinwand wird besenrein hinterlassen

          Wovon „Dark Star“ genau handelt, ist hier nicht wichtig, solange der Eindruck überwiegt, dass die Erde unbewohnbar ist wie das All und offenbar höchstens in der Geborgenheit eines autonomen, wehrhaften Ufos zu ertragen, wie die Castorf-Volksbühne den Protagonisten eines war. Trystan Pütter hat den spektakulärsten Auftritt, als er, an einem Seil vom Plafond hängend, auf einem Surfboard hereinschwebt und wie ein bekiffter Wellenreiter durch die Lüfte fliegt.

          Manchmal gibt es die Zigaretten- und Diskursschwaden auch nur in der Liveübertragung

          Als Autor wie als Regisseur überwindet René Pollesch noch einmal die physische und die intellektuelle Schwerkraft und reißt einen Kosmos auf, in dem alles möglich ist, aber nichts unhinterfragt bleibt. Zwischen Einlagen mit Hippiemusik und West-Coast-Sound fragt Martin Wuttke sarkastisch: „Ist das nicht von Baudrillard: Die Saison 2017/18 findet nicht statt? Wie kommt das jetzt bloß in meinen Kopf?“ Das bezieht sich natürlich auf den ab Sommer amtierenden neuen Intendanten Chris Dercon, mit dem man absolut nichts zu tun haben will, zumal alle Welt die Schauspieler, die sich andernorts Engagements organisieren müssen, fragt: „Wo geht ihr denn jetzt hin?“ Sie wissen es selbst nicht, höchstens, dass sie so schnell kein vergleichbares anderes Raumschiff aufspüren werden. Mit den Worten „Don’t look back“ wird der Bühnenbildner Bert Neumann zitiert, ein enger Arbeitspartner von René Pollesch, der im Juli 2015 starb.

          Am Schluss, wenn alle verbalen Schlachten geschlagen, alle Backpfeifen verteilt, alle Joints geraucht und alle Pointen verschossen sind, ist auf der hell erleuchteten Bühne wie im Saal nurmehr das glitzernde Lametta zu sehen, mit dem Neumann dereinst die Volksbühne ausgekleidet hatte. Die Leinwand vor dem Rundhorizont ist plötzlich fleckenlos weiß und ohne jede Spur der filmischen Action, die sie erst vor wenigen Augenblicken bedeckt hatte. Man könnte auch sagen: Sie ist besenrein. Und während die Beach Boys fröhlich von „Good Vibrations“ singen, schimmert und schillert der leere Raum mit der blitzblanken Projektionsfläche in melancholischer Verletzlichkeit und Schönheit. Bertolt Brecht hätte geschrieben: „Das Chaos ist aufgebraucht. Es war die beste Zeit.“ Was folgte, waren großer Jubel und Standing Ovations, das Feld räumen wollte lange niemand.

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