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Pollesch-Premiere in Hamburg : Hier wird die hohe Western-Schule zelebriert

  • -Aktualisiert am

Das ist der Gipfel: Szene aus René Polleschs Hamburger Inszenierung Bild: Thomas Aurin

Ein hemmungsloses Kuddelmuddel von Begriffen und Bedeutungen: René Pollesch inszeniert „J’accuse!“ am Hamburger Schauspielhaus als Loblied auf anarchische Kontextfreiheit in der Kunst.

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          Wer sich so einen Berg auf die riesige Bühne des Schauspielhauses Hamburg stellt, will die Welt weder erklären noch verbessern, sondern einfach nur spielen. Dieser mit allerlei Strichmännchen und Tierbildern und Flüssen und Symbolen im Stil farbenfroh restaurierter Höhlenmalereien verzierte und Pappmaché gewordene Schabernack ist gewaltig und zugleich verträumt, wie ein überdimensionales Sahnehäubchen, welches auf irgendeinem köstlichen, nicht sichtbaren Backwerk verrutscht ist. Die Bühnenbildnerin Barbara Steiner hat dieses kuriose Ungetüm für die Uraufführung von René Polleschs neuestem, von ihm selbst inszenierten Projekt „J’accuse!“ entworfen. Es ein Stück zu nennen wäre nicht passend, denn Pollesch schreibt oft und auch diesmal eher Versatzstücke, deren disparate Sujets er eben gerade nicht verbindet.

          So hat sein „J’accuse!“ mit Emile Zolas berühmtem Brief zur Dreyfus-Affäre eigentlich nichts zu tun und leiht sich von diesem höchstens den Gestus der leidenschaftlichen Anklage, ohne auf die historischen Tatsachen Bezug zu nehmen. Für Sophie Rois indes ist es wieder einmal eine gute Gelegenheit, mit pathetischen „Ich klage an!“-Ausbrüchen die vokale Omnipotenz und Grandezza etwa einer Maria Callas zu beschwören, was ihr mit verrauchter Stimme und opernhafter Attitüde ganz wunderbar gelingt.

          Stroh-Sombreros und machohafte Posen

          Dabei steckt sie wie ihre vier Mitspielerinnen anfangs in festen Schuhen und einer Latzhose aus Jeansstoff, weil sie gemeinsam einen Freizeitpark besuchen, der dem Wilden Westen nachempfunden ist und in dem sich neben Menschen ausgewachsene Roboter tummeln. Letztere können von den Möchtegern-Cowboys straflos abgeknallt werden und sind doch nicht tot, sondern bloß zeitweilig außer Betrieb. Ähnlich geht es in Michael Crichtons Science-Fiction-Film „Westworld“ (1973) zu, in dem die Dinge natürlich aus dem Ruder laufen und die Maschinen renitent werden und an den sich Pollesch hier inhaltlich mehr oder weniger anlehnt.

          Da weht ein Hauch Ironie durch die Luft: Szene aus Polleschs „J’accuse“
          Da weht ein Hauch Ironie durch die Luft: Szene aus Polleschs „J’accuse“ : Bild: Thomas Aurin

          Der Bühnenspielberg wird bestiegen oder er wird im Kreis gedreht oder er dekonstruiert sich selbst, indem er seine Rückseite – nackte verschraubte Verstrebungen und viel leere Luft – zeigt. Sein Gipfel hebt sich zwischendurch gern vom Zentralmassiv ab und schwebt eigenständig durch die Gegend, als ginge ihn der Rest nichts weiter an. Die hinreißend vergnüglichen Schauspielerinnen zelebrieren die hohe Western-Schule, ballern herum, fordern einander zum Duell, werfen drohende Blicke unter ihren Stroh-Sombreros hervor. Sie reden sich mit Männernamen an und probieren genießerisch machohafte Posen aus.

          Eine völlig übermütige Saloonschießerei

          Polleschs „J’accuse!“ musste wegen der Pandemie monatelang verschoben werden. Deshalb hat sich neben den Ulkereien über Niklas Luhmanns Systemtheorie (wie erklärt man sie einem Roboter?) wohl auch der Terminus „Systemrelevanz“ erhalten, an den man sich im Umfeld all der Fachausdrücke, die Corona mit sich brachte, inzwischen nur noch schwach erinnert. Und so treffen „durchsubventionierte“ Festangestellte auf Gäste, also freie Mitarbeiter (Soloselbstständige?), was man nicht verstehen muss, was aber im semantischen Rauschen und im stoischen Klamauk des Ensembles äußerst erheiternd wirkt. Sachiko Hara gibt den leicht bekloppten, eben nicht perfekt programmierten Roboter Arty. Angelika Richter als Peter hingegen traut den Maschinen nicht und gerät in Konkurrenz zu einer prächtigen und „authentischen“ Kuh mit braunen Flecken auf dem hellen Fell, die in einer Szene hereingeführt wird.

          Zu den vielen Themenkomplexen, mit denen hier lustvoll-absurd jongliert wird, gehören theaterspezifische Anspielungen bis hin zur von Marie Rosa Tietjen als John am Schluss aufgeworfenen Frage, ob wohl „Intendanten auf irgendeiner Position im normalen Management da draußen etwas zustande bringen würden“. Darum kümmert sich Eva Maria Nikolaus nicht unbedingt, sie bezeichnet sich – „Willkommen in der Westwelt“ – als die Chefin des Berghotels. „Mittags müssen sie woanders essen“, sagt sie trotzig, und Sophie Rois als ihr Gast fährt schon wieder aus der Haut: „Ich klage an!“ In all dem fröhlich beschleunigten Patchwork der Gedankensplitter, Mutmaßungen und tollkühnen Behauptungen („Die Welt ist vielleicht eh nur eine Unterstellung“) liefert sie sich mit Peter die verrückteste Szene des Abends, indem sie, gefragt nach dem vollständigen Namen ihrer Figur, „Peppi“ antwortet und ein Feuerzeug zu Boden fallen lässt. Und als sie den ungewöhnlichen Nachnamen buchstabieren soll, sagt sie: „N.I.P.P. Bindestrich E.L.“ Nach so viel hemmungslosem Kuddelmuddel mit den Begriffen und Bedeutungen ist – „Tja, meine Herren!“ – eine völlig übermütige Saloonschießerei unvermeidlich.

          René Polleschs Inszenierung von „J’accuse!“ gelingt als turbulenter Theorieslalom zwischen den unterschiedlichsten Triggerpunkten, die sich ihren autonomen Spielraum wie ihre anarchische Kontextfreiheit im „Kommunikationsmedium Kunst“ schafft. Was für ein kluger Spaß! Was für ein schönes Theater!

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