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René Pollesch im Hamburger Schauspielhaus : Bei aller Lieblosigkeit

  • -Aktualisiert am

Man kann auch ohne Text zum Himmel schreien: Margit Carstensen im neuen Stückversuch von René Pollesch im Hamburger Deutschen Schauspielhaus Bild: dpa

Es geht um die Unmöglichkeit der Liebe in Zeiten des digitalen Kapitalismus - so zäh, dass es ein Jammer ist. René Polleschs „Neues vom Dauerzustand“ eröffnet die Umbausaison am Hamburger Schauspielhaus.

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          Der Abend, mit dem René Pollesch die finale Saison von Jack Kurfess als tapferem Interimsintendanten am Hamburger Schauspielhaus eröffnet, trägt den Titel „Neues vom Dauerzustand“, was insofern passt, als dieser Abend erstens tatsächlich etwas Neues bringt - gespielt wird erstmals auf dem sogenannten „Spielfeld“, einer ins Parkett gebauten Notbühne für diese Spielzeit, weil die eigentliche Bühne saniert wird. Und zweitens auch mit Pollesch der künstlerische Zustand der vergangenen Spielzeiten am Hamburger Schauspielhaus fortdauert. Leider.

          Es gehört dabei ja zur Erwartungshaltung der Fans an einen Pollesch, dass die Texte bei der Premiere unfertig wirken, jenes von René Pollesch quasi stündlich aktualisiertes Gebräu aus Ich-Befindlichkeiten und dem, was der populäre philosophische, politische und naturwissenschaftliche Diskurs weltweit so hergibt. Es gehört naturgemäß auch dazu, dass die Ich-Sager auf der Bühne, die natürlich nie Figuren sind, niemals eindeutig oder gar authentisch, in allem sanierungsbedürftig und besonders von der Komplexität des Aufgesagten überfordert sind.

          Kraft- und lieblos

          Es muss auch einfach sein, dass es dazu ein schön trashiges sogenanntes Setting gibt, das mit Vorliebe Filme zitiert. Hier hat Bert Neumann eine Panorama-Fototapete mit glutrotestem Vom-Winde-verweht-Himmel gewählt, dazu Western-Accessoires: leerstehende Villa im Hintergrund; abgebrochener Baum; Bretterzaun; Felsbrocken; schäbiges Klavier; alles auf einer Strohlandschaft.

          Es wird zudem erwartet, dass besonders die Pollesch-Veteranen, vertreten durch die Schauspielerinnen Sophie Rois und Christine Groß, sich mit Lust und Grandezza in eine feierliche Hysterie monologisieren - nach der goldenen Pollesch-Regel: Wenn einem gar nichts mehr einfällt, kann man ja immer noch laut „Ficken“ schreien! Doch selbst dazu sind die Darsteller diesmal allesamt zu schlapp. Eine Woche bevor in Berlin an der heimatlichen Volksbühne mit „Don Juan“ (und Martin Wuttke) die nächste Pollesch-Premiere steigt, blieb für das Hamburger Schauspielhaus nur ein kraftloses, ziemlich lieblos arrangiertes Gekräusel im großen Strom der Pollesch-Texte, in dem es seit ein paar „Stücken“ verstärkt um die Liebe geht. Um deren Waren- und Marktwert und Austauschbar- und Unmöglichkeit in Zeiten des digitalen Kapitalismus. Auch diesmal, aber so lieblos und dabei unkonzentriert arrangiert, so arm an Spannung, so statisch zäh in der Praxis und überraschend arm an Theorie, dass es ein Jammer ist.

          Eine Irgendwie-auch-Western-Persiflage

          Man könnte jetzt die besten Sätze zitieren, sagen, wie eigenwillig die Rois im weißen Südstaaten-Reifrock-Kleid den Titelsong aus dem Joan-Crawford-Western „Johnny Guitar“ singt, wie rotzig sie über das Leiden an linken Psycho-Eltern ätzt, gegen die man sich ja zwangsläufig mit der Waffe wehren müsse. Aber das wäre unfair, das sind nur Momente.

          Pollesch selbst gibt natürlich wieder schöne und aufs Gesamtbild passende Sätze vor, etwa: „Das habe ich mir alles selber gebaut. Jedes Brett, jede Planke. Ist es nicht elend, zu sehen, dass nicht viel mehr dabei herausgekommen ist als Lebenserhaltung?“ Wir entscheiden uns aber für ein Zitat von Adorno, mit dem die große alte Schauspielerin Margit Carstensen, die als Heilige Johanna im Kettenhemd ungläubig wie unduldsam durch diese Irgendwie-auch-Western-Persiflage stapft, nach glücklicherweise nur 75 Minuten den Dauerzustand beendet. „Man findet niemals eine bessere Liebe, Niemals. Wen man das denkt, hat man nie geliebt.“ Aber man findet ganz sicher einen besseren Pollesch.

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