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René Pollesch in Zürich : Wie Seife auf dem feuchten Wannenrand

  • -Aktualisiert am

Polleschs Hirn emtsprungen, in King Kongs Klaue sicher gelandet: Kathrin Angerer, Rosa-Marie Tietjen und Martin Wuttke in Zürich Bild: Leonore Blievernicht

Wenn funktionierende Kommunikation heute nur noch auf Lügen aufbauen kann, sind René Polleschs Assoziationsketten der richtige Weg: glitzernd, intelligent, unterhaltsam.

          3 Min.

          Der Knacks. Das Drama. Der Terror. Der Affe. Das Mädchen. Die Waschanlage. Und überhaupt: „Alles Leben ist eh ein Prozess des Niedergangs.“ Bestehend aus lauter verpassten Bussen und falschen Abzweigungen. Gerade erst waren sie aufgetreten, die drei großartigen Schauspieler Kathrin Angerer, Marie Rosa Tietjen und Martin Wuttke, gerade erst hatten sie sich eingerichtet in dem von Barbara Steiner in Erinnerung an Bert Neumann mit tausend Glühbirnen eingefassten Bühnenportal, das aussah wie ein riesiger Schminkspiegel, gerade erst hatten sie sich eine Zigarette angezündet und die Beine übereinandergeschlagen, da war der Abend schon wieder vorbei.

          Sechs Stunden Sommernachtstraum, oder waren es achtundvierzig? Niemand konnte es genau sagen, die einen sprachen von Kindern, die durch die Wüste liefen, die anderen hatten einen riesigen Affen im Zirkus gesehen. Offensichtliche Lebenstäuschung: Beim Versuch, raus aus der schlechten Unendlichkeit hinein ins spielerische Hier und Jetzt zu gelangen, waren die drei auf einer spiegelglatten Diskursfläche gestrandet, auf dem die Assoziationen hin und her rutschen wie Seifenstücke auf einem feuchten Badewannenrand.

          Scheinbare Möglichkeiten sind hier gar keine, sondern tun nur so, genau wie die Zukunft, die auch nicht mehr das ist, was sie einmal war. Das einzig Beruhigende ist, dass die Körper noch Körper sind und die Katastrophen Katastrophen bleiben. Für Herzschmerz ist also gesorgt. Ansonsten gibt es wie immer Ärger mit den Objekten. Surfbrett, kleiner Springbrunnen und eine kolossale Affenhand – das passt alles nicht zusammen, das provoziert doch Anschlussfehler, ganz viele, schreckliche Anschlussfehler.

          Die Sprache der unausgesprochenen Dinge finden

          „Ich weiß nicht, was ein Ort ist, ich kenne nur seinen Preis“ ist das beste Pollesch-Stück seit langem. Weil es so unvermittelt und ehrlich ist. So geradeheraus, ohne viele Schlenker auf das Entscheidende zu sprechen kommt: Die Überzeugung, dass das ganze Leben sprachlich nicht zu fassen ist. „Man müsste eine Sprache für alle unausgesprochenen Dinge erfinden“, heißt es einmal, aber solange es diese Erfindung nicht gibt, solange da draußen vor allem das „Scheiß Loblied des Realismus“ gesungen wird, müssen wir uns mit Vorübungen begnügen. Wenn die so sprühend komisch und dadaistisch sind wie diese hier, dann ist man gerne genügsam und schaut mit großem Vergnügen hin und hört zu und freut sich an der ausgestellten Aussichtslosigkeit.

          Ausgangshypothese des Abends ist, dass eine funktionierende Kommunikation nur auf Lügen aufbauen kann, deswegen sprechen die drei vergnügten Königskinder mit Verve aneinander vorbei. Sagt der eine „Kein Schwein kümmert sich um mich“, antwortet die andere: „Apropos Haustiere“.

          Während der flapsig-beherrschte Martin Wuttke und die manieriert-schmollende Kathrin Angerer noch aus Berliner Volksbühnen-Zeiten ein großartiges Pointen-Paar sind, das sich die Wortwitze zuspielt wie ein altes Clowns-Duo, wirkt die junge Marie Rosa Tietjen stets ein wenig außen vor. Mit staunendem, mitunter amüsiertem Blick steht sie dabei und wundert sich darüber, dass keiner ihrer Sätze bei den Mitspielern ankommt und überhaupt die ganze Welt unter ihrem Sprechen nicht mehr nur leicht fugenlos, sondern ganz und gar zweifelhaft geworden scheint. Sie repräsentiert gewissermaßen noch die ernsthafte Frage, während die beiden anderen schon lange nicht mehr nach vernünftigen Antworten suchen.

          Was Pollesch kann, zeigt er in Zürich in Bestform: Nämlich die grundlegenden erkenntnistheoretischen Haltungsprobleme der Postmoderne nicht einfach nur abstrakt zu thematisieren, sondern sie durch Wort- und Körperspiele sinnlich auszudrücken. Nie kann man dabei genau sagen, ob das, was man von den endlos kreisenden Suaden mitkriegt, nur ironische Kritik oder durchaus ernsthafte Forderung sein will. Wenn beispielsweise von „Identität“ und „Herkunft“ als derzeit heißesten Codewörtern des Repräsentationssprech die Rede ist und dem „weißen männlichen Blick“ eine Wirkung „auf die Transparenz der Welt“ attestiert wird, dann macht Pollesch sich recht unzweideutig über breitgetretene Ausläufer jenes Theorie-Quarks lustig, aus dem er, der einmal in Gießen Angewandte Theaterwissenschaft studiert hat, selber kommt.

          In der Autowaschanlage

          Und wenn es wenig später heißt: „Ohne Paradoxie kommen wir nicht weiter“, dann kann man das sehr wohl als ein Fanal gegen die Vereinfacher auf beiden Seiten des ideologischen Spielfeldes verstehen, die meinen, mit einer rigiden Veränderung der Sprache die Wirklichkeit besser und überschaubarer zu machen.

          Dieser Theaterabend glitzert und strahlt, ist intelligent und unterhaltsam. Absolut hinreißend ist der Waschanlagen-Monolog von Kathrin Angerer: Auf der Handfläche einer überdimensionierten King-Kong-Klaue liegend, erzählt sie von ihrem ersten Besuch in einer Autowaschanlage. Mit einem Jaguar („nicht Februar“) hatte sie sämtliche Stoppschilder übersehen, Radioantennen abgebrochen und Wärmeduschen über sich ergehen lassen. Wie sie davon im Tonfall absurder Unschuld berichtet, vom Achthundertsiebzigsten ins Neunhunderttausendste kommt und nebenbei heimliche Liebeserklärungen an ihren Affenliebhaber unterbringt, lässt einen erst kichern und dann laut lachen.

          Der Abend endet, wie er begann: im Nichts. Das Ganze ist nur ein weiterer, aber eben diesmal besonders starkes Glied in Polleschs Assoziationskette, die er seit nunmehr einem Vierteljahrhundert auf den Theaterbühnen inszeniert. Kurz bevor der Vorhang fällt, noch ein Satz, der einen weiterträgt: „Bitte lachen Sie nicht zu laut, die Welt ist sehr alt und könnte davon einen Sprung kriegen.“ Dann verbeugt sich das großartige Schauspieler-Trio und aus den Boxen dröhnt Jovanotti: „Mi fido di te“ – „ich vertraue Dir“ – aber nur, wenn dein Name Zweifel ist.

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