https://www.faz.net/-gqz-8f6ek

René Jacobs im Gespräch : Die Choräle sind wir alle

  • Aktualisiert am

Bachs Vorbild, das Dreifaltigkeitsmotiv von Lucas Cranach. Bild: Museum der bildenden Künste Leipzig

Für das Label Harmonia Mundi hat der belgische Dirigent, Sänger und Musikwissenschaftler René Jacobs die Johannes-Passion in zwei verschiedenen Versionen neu eingespielt. Wozu der Aufwand?

          5 Min.

          Herr Jacobs, wieso haben Sie so lange einen Bogen gemacht um die Johannes-Passion? Das war Bachs erste Passionsmusik. Aber Sie nehmen sie als Letztes auf. War Ihnen diese Musik zu krass?

          Nein, so kann man das nicht sagen. Es stimmt, ich habe lange bis zu dieser Aufnahme gewartet, aber dirigiert habe ich beide oft. Es war dann der Wunsch der Plattenfirma, dass ich zuerst die große Matthäus-Passion einspielen soll. Dann haben wir ein bisschen Zeit ins Land gehen lassen bis zur Johannes-Passion, damit sich das nicht in die Quere kommt.

          Also banale editionslogistische Gründe?

          Ja, wie das meistens so ist. Die Matthäus-Passion verkauft sich leichter, sie ist nun mal viel populärer. Die Johannes-Passion weniger, und das finde ich sehr schade.

          Schon Robert Schumann fand die Johannes-Passion viel interessanter, ja, besser, weil sie dunkler ist, romantischer …

          Besser nicht, aber anders. Schumann hat seine eigne Fassung erstellt, mit romantischer Instrumentation. Mir wäre es am liebsten gewesen, wenn ich von den vier Fassungen, die es von Johann Sebastian Bach gibt, diese beiden, die geläufige von 1748 und diese selten gespielte von 1725 direkt nebeneinander hätte aufnehmen dürfen, so, dass man beide von Anfang bis Ende durchhören kann. Sie ist so interessant, diese zweite Fassung! Die Uraufführung hatte ja 1724 in der Nikolaikirche stattgefunden. Ein Jahr später, zu Ostern 1725, führt Bach das Werk noch einmal auf, diesmal in der Thomaskirche, und er tauscht Anfang und Schluss aus, außerdem noch vier weitere Nummern. Der neue Eingangschor steht in Es-Dur, dunkel und geheimnisvoll, alles konzentriert sich sofort auf das Thema der Sünde: „Oh Mensch, bewein’ dein Sünde groß“. Man kann sich keinen größeren Kontrast vorstellen zu dem triumphalen „Herr, unser Herrscher“-Chor der Erstfassung als diesen. Noch viel rätselhafter und schöner ist in der zweiten Version der Schlusschor. Da geht es um das „Lamm Gottes“, also, das lateinische Agnus Dei, mit der Schlussformel: „Dona nobis pacem“, in der Übersetzung von Martin Luther. In diesem Chorsatz kehrt Bach am Ende nicht zur Haupttonart zurück. „ Gib uns Frieden“, diese Bitte wird am Ende nicht erhört. Es bleibt sozusagen eine offene Frage stehen.

          Warum hat Bach für die Thomaskirche eine andere Version geschrieben als für die Nikolaikirche?

          Dazu gibt es viele Theorien. Eine hat zu tun mit dem Bild von Lucas Cranach dem Älteren, das damals in der Nicolaikirche hing. Bach kannte es gut. Es zeigt eine Art Kreuzabnahme, allerdings als Dreifaltigkeit. Gottvater hält den toten Christus in den Armen, der heilige Geist sitzt als Taube auf dessen linkem Knie, rundherum Engelschöre. In der Johannes-Passion findet die eigentliche Passionsgeschichte bekanntlich erst im Mittelteil statt. Am Anfang ist alles Freude, Glück, Triumph der Trinität und eine Verherrlichung Gottes! Cranachs Bild können Sie, wenn Sie wollen, in Bachs Musik wiederfinden: In „Herr, unser Herrscher“ klagt die Oboenmelodie vom Leiden Christi. Die Wellenbewegung, die darunterliegt, von den Geigen gespielt, das ist der Flügelschlag der Taube, die Schwingen des Heiligen Geistes. Und Gottvater, der bildet das Fundament, das sind natürlich die Bassfiguren.

          Auf der CD gibt es beide Fassungen nur als Appendix, im Netz hingegen komplett: Da ist René Jacobs ganz Musikwissenschaftler.
          Auf der CD gibt es beide Fassungen nur als Appendix, im Netz hingegen komplett: Da ist René Jacobs ganz Musikwissenschaftler. : Bild: Josep Molina

          Sie haben in Ihrer Aufnahme diese Bässe stark herausgearbeitet. Zum ersten Mal habe ich bemerkt, dass hier der Rhythmus des Herzschlags zu hören ist, wenn auch leise am Anfang.

          Ich wollte pianissimo anfangen und den Klang dann langsam wachsen lassen. Die Herrschaft Gottes ist ewig, allumfassend, allgegenwärtig. Ich habe also zu den Musikern gesagt, sie sollen sich vorstellen, dass die Musik lange vorher angefangen hat. Dieser Triumph, dieser Engelsjubel, all das war schon ewig da, nur eben für uns nicht wahrnehmbar. ANTWORT: Wenn wir zum ersten Mal einsetzen, muss das wie aus dem Nichts kommen. Dann steigert sich das, aus dem Pianissimo ins Forte, und am Schluss geht Jesus dann ein zum Vater: Da hat ein Da capo endlich mal eine sinnvolle dramaturgische Funktion!

          Aber warum brauchte Bach für die Aufführung in der schlichteren Thomaskirche dann unbedingt einen anderen Eingangschor?

          Unbedingt vielleicht nicht. Manchmal hatte Bach ganz banale Gründe, etwas zu ändern, und wir müssen gar nicht so weit suchen. Wenn er die Besetzung nicht zur Verfügung hatte, die er braucht, dann schrieb er das eben um. In der Zweitfassung der Johannes-Passion war es wohl so geplant, dass sie sich als österliche Passionsmusik in einen Kantatenzyklus mit Choralbearbeitungen einfügen sollte. Der neue Eingangschor in Es-Dur ist jetzt also eine Choralbearbeitung, der Schlusschor ebenso. Und es gibt noch eine weitere Choralbearbeitung, die in der Mitte neu eingefügt ist: „Himmel reiße, Welt erbebe“ mit einem Sopran-Cantus firmus und dem Bass, der kommentiert.

          Die Gerichtsszene in der Johannes-Passion ist spannender als jede Opernszene. Pilatus versucht hartnäckig immer wieder, Jesus freizusprechen. Was, wenn es ihm gelungen wäre? Wenn die Kreuzigung nie stattgefunden hätte?

          Aber sie muss doch stattfinden! Genau das ist die theologische Idee. Man wünscht sich die Umkehrung der Geschichte, man ringt darum, dass dieser Kelch an uns vorübergeht, und weiß zugleich, wie unvermeidlich es ist. In der Matthäus-Passion hat Bach übrigens exakt denselben Konflikt komponiert, verteilt auf die beiden Chöre. Die habe ich deshalb damals sehr weit auseinander gesetzt. Der zweite Chor versucht immer wieder, auszusteigen. „Hört auf, Ihr Henker“, rufen sie den anderen zu. Aber es passiert, was passieren muss, damit die Menschheit erlöst wird.

          Ganz schön archaisch, diese theologische Idee. Sie verspricht Erlösung im Jenseits durch Menschenopfer im Hier und Jetzt. So haben es schon die Mayas gehalten. Auch die Selbstmordattentäter in Brüssel töten für eine Idee.

          Glücklicherweise ist es lange her, dass im Namen des Christentums gemordet wurde. Und glücklicherweise kam dann die Aufklärung.

          Auf die Gerichtsszene folgt die Auspeitschung, da wird der blutgefärbte Rücken besungen, der dem Regenbogen gleicht. Welche Rolle spielt Gewalt in Bachs Musik?

          Diese Arientexte stammen von Barthold Heinrich Brockes. Ja, sie sind drastisch, brutal, fast sadistisch. Ich glaube, Bach hat all diese barocken Vergleiche von Brockes nicht sehr gemocht. Er hat ja auch nie eine ganze Brockes-Passion vertont, wie es damals Mode war und wie es Telemann und viele andere gemacht haben. Und er hat die schlimmsten Stellen weggelassen oder abgemildert. Die Bildersprache von Brockes wird gerne als antisemitisch aufgefasst, weil er diejenigen, die Jesus töten, als Monster schildert. Ich finde das übertrieben, es sei denn, man verständigt sich darauf, dass alle Passionsgeschichten antisemitisch sind. In der Johannes-Passion wird jedenfalls an keiner Stelle gesagt, dass es die Juden waren, die Jesus getötet haben. Wir selbst sind es: Das wird gesagt! Und zwar in den Chorälen. Die, finde ich, sind das Schönste an der ganzen Johannes-Passion!

          Ich dachte immer eher, Choräle sind Bremsklötze ...

          O nein! Diese Choräle sind fast immer in Ich-Form gesungen. Wer da singt, das wir heute, das ist die ganze Gemeinde. Deswegen habe ich bei dieser Aufnahme auch Knabensoprane dazugenommen. Die Choräle geben Antworten auf alle wichtigen theologischen Fragen. „Wer hat dich so geschlagen?“ „Ich war’s!“ Und was bei Bach dabei harmonisch passiert, das ist so wunderbar, das verlangt unbedingt nach einer sehr subjektiven Interpretation. Oft wird das leider viel zu zügig gesungen, immer im gleichen Mezzoforte, mit kleiner Besetzung. Das ist viel zu objektiv, es klingt kalt. Und was dabei auch noch total übersungen wird, das sind die Fermaten am Ende jeder Zeile. Man muss innehalten und still stehen. Man braucht Pausen, um nachzudenken. Natürlich müssen solche Denkpausen ungleich lang und individuell unterschiedlich sein.

          Wieso hat Bach keine Oper komponiert?

          Ich denke, er war kein Gegner der Oper an sich. Dazu ist seine eigne Musik viel zu malerisch und theatralisch. Aber das Opernleben, all diese weltlichen Eitelkeiten nach italienischer Art hätte er vielleicht eher nicht so geliebt. In Hamburg wurde an der Gänsemarktoper in deutscher Sprache gesungen. Bach hatte sich auch mal nach Hamburg um eine Stelle beworben, und wäre nicht Telemann genommen worden damals, sondern er, dann hätten wir vielleicht heute ein paar schöne Bach-Opern. Aber ich bin eigentlich ganz froh, dass er nicht umgezogen ist nach Hamburg! Wir hätten sonst keine Johannes-Passion.

          In diesem Jahr proben Sie Oper zu Ostern. Dirigieren Sie keine Passion diesmal? Erstmals Auferstehung ohne Bach?

          Ja, ich bin ein großer Sünder. Ich weiß nicht, ob mir das verziehen werden kann. Aber am Ostersonntag dirigiere ich in Paris das „Stabat mater“ von Pergolesi. Das ist sicher nicht genug, aber, immerhin, etwas.

          Weitere Themen

          Diskret und stolz

          Neues Museum in Spanien : Diskret und stolz

          Die Extremadura überrascht mit einem neuen Museum für zeitgenössische Kunst: Die Galeristin Helga de Alvear hat hier im spanischen Cáceres ihren Traum verwirklicht.

          Ein Leben vor der Kamera

          Film über Billie Eilish : Ein Leben vor der Kamera

          Wie Billie Eilish liest, weint und lacht: Der Film „The World’s A Little Blurry“ erzählt die Geschichte eines ganz normalen besonderen Teenagers, der Kameras längst gewöhnt ist.

          Topmeldungen

          Auch 2021? Deutsche Urlauber am Strand von Mallorca

          Reisebeschränkungen : Chance auf Mallorca-Sommerurlaub steigt

          Auflagen und Verbote machen aktuell Auslandsreisen schwer bis unmöglich. Die Balearen-Insel und andere Ziele zeigen sich aber für den Sommer offen für Geimpfte und Getestete. Briten buchen schon.
          SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (Mitte) mit den beiden Parteivorsitzenden Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

          Wahlkampfprogramm : Die SPD tut so, als sei nichts gewesen

          Die SPD will mit ihrem Regierungsprogramm in der Zeit „nach Corona“ dort weitermachen, wo sie 2019 mit dem „neuen Sozialstaat“ stehengeblieben ist. Das reicht hinten und vorne nicht.
          Sollten die Impfreihenfolge aufgeweicht werden? Darüber wird zur Zeit debattiert.

          Stiko-Chef im F.A.Z.-Gespräch : Impfkommission besteht auf Priorisierung

          Stiko-Chef Thomas Mertens dringt darauf, die Bevölkerung so schnell wie möglich zu immunisieren. Er warnt aber vor einer willkürlichen Abgabe des Impfstoffs – und stellt sich gegen drei mächtige Ministerpräsidenten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.