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Rimini Protokoll in Frankfurt : Du bist nicht meine beste Freundin

  • -Aktualisiert am

Auf dem Rand eines Brunnens tanzen, mitten auf der Zeil? Wenn man fremdgesteuert ist, macht man auch das. Bild: Birgit Hupfeld

Eine Menschenhorde läuft wie ferngesteuert durch die Stadt, Passanten weichen aus und sind verwirrt: Beim Audiowalk „Remote Frankfurt“ von Rimini Protokoll kann man erleben, was eine computergenerierte Stimme mit Menschen macht.

          7 Min.

          Wie wäre es, wenn man als Mensch von einer synthetischen Stimme durch den öffentlichen Raum gesteuert würde? Im Zeitalter der selbstfahrenden Autos, des vernetzten Smarthomes und des permanenten Self-Trackings ist die Idee von der Mensch-Maschine nicht länger nur eine dystopische Vorstellung kulturpessimistischer Schriftsteller.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Frage nach Selbstbestimmung, nach dem zukünftigen Verhältnis von Mensch und Computer, von Privatheit und Öffentlichkeit hat sich auch das Kollektiv „Rimini Protokoll“ gestellt. Im Rahmen der Thementage „Digitale Welten“ des Schauspiel Frankfurt haben die freien Theatermacher Stefan Kaegi und Jörg Karrenbauer einen Audiowalk entwickelt, der die Grenze zwischen Mensch und Maschine, zwischen autonomem Selbst und gesteuerter Gruppendynamik auslotet. Drei Erfahrungen.

          Wer entscheidet, wann mein Fuß wippt?

          Es ist wie Sims-Spielen. Nur dass nicht ich die Kontrolle über das „Spiel“ habe, sondern selbst die Sims-Figur bin und mache, was der Spielmaster mir sagt. Zu schade, dass ich mir nicht wenigstens diesen abgefahrenen feuerroten Bob aussuchen durfte, wenn ich nun schon in die Rolle einer Figur schlüpfen muss. Ausgerüstet mit einem Kopfhörer lausche ich der Stimme von „Julia“, einer Computerstimme. Ich kenne die Stimme von Julia, mein Navi im Auto scheint auch von ihr besprochen worden zu sein. Julia spricht durchgehend zu mir, während ich ihren Anweisungen folge und gemeinsam mit 53 anderen Simsfiguren (niemand mit feuerrotem Bob) als „Horde“, wie Julia uns nennt, Frankfurt durchquere.

          Die Tour beginnt auf einem Friedhof, wo mir Julia erklärt, dass der Übergang von Natürlichkeit und Künstlichkeit schwer zu markieren sei, und dass es sich genau so mit der Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine verhalte. Es wird mir in Aussicht gestellt, dass mein fehlerhaftes und instinktgetriebenes Dasein früher oder später durch Maschinen, durch künstliche Intelligenz ausgebessert oder gar ganz ersetzt wird. Hier beginnt sie mir langsam, aber sicher unsympathisch zu werden. Während sie meine Horde und mich über den Friedhof geleitet, beobachten sich die Sims-Figuren gegenseitig. Hören die anderen das Gleiche wie ich? Mögen sie Julia auch nicht?

          Am Anfang ist das Ende: Teilnehmer von „Remote Frankfurt“ auf dem Bockenheimer Friedhof
          Am Anfang ist das Ende: Teilnehmer von „Remote Frankfurt“ auf dem Bockenheimer Friedhof : Bild: Birgit Hupfeld

          Nachdem wir ein Krankenhaus passiert haben und Julia uns versichert hat, dass wir früher oder später auch hier landen würden, geht es in den U-Bahn-Schacht. In der U-Bahn animiert mich Julia zu Van Halens „Jump“ zu wippen, sogar aus der Bahn hinaus auf das Gleis soll ich „jumpen“. Mitreißend ist der Song von selbst. Von einer Computerstimme zum Wippen aufgefordert zu werden, bringt mich eher zum Gegenteil. Ich will schließlich nicht die Kontrolle abgeben. Spätestens als Julia „shake it, baby“ sagt, bin ich froh darüber, nicht alles zu tun, was sie wünscht. Ein bisschen unheimlich ist es schon manchmal, wenn sie voraussagt, wie sich die Horde in bestimmten Situationen verhalten wird. Wie sich individuell sich die Einzelnen benehmen, um doch immer wieder zur Gruppe zu verschmelzen.

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