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Rimini Protokoll in Frankfurt : Du bist nicht meine beste Freundin

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„Wenn ich Dir jetzt sagen würde, dass du springen musst, würdest Du es dann tun?“
„Wenn ich Dir jetzt sagen würde, dass du springen musst, würdest Du es dann tun?“ : Bild: Birgit Hupfeld

Die Worte der Stimme werden im weiteren Verlauf dazu führen, dass ich eine Zigarettenspitze aus meiner Tasche ziehe, sie hoch in die Luft halte und der „Horde“ folge, in der nun jeder einen individuellen Gegenstand in die Luft reckt und in Richtung der Spiegeltürme marschiert. Ein stummer Protestmarsch, angezettelt von einer Computerstimme, die jedes Wort mit der gleichen Tonmodulation ausspricht. Ich frage mich, ob sich der Typ, der seine Kreditkarte in die Luft reckt, nicht blöd vorkommt. Aber – so hatte es zuvor die Stimme gesagt – „auch Konsum ist eine Art, seine Freiheit auszudrücken“. Klar, jeder hat die Freiheit, in Fesseln zu leben.

Eine Lektion in automatisierter Diktatur

Ständig spricht die Stimme von System und Horde. Aber auch von denen, die sie anführen, denen, die abweichen, und den schwächsten Gliedern. Sie transformiert die Gruppe ständig – spaltet uns, stellt uns vor Entscheidungen, spielt uns gegeneinander aus. Sie zieht uns auseinander und fügt uns wieder zusammen. Obwohl sie selber keinen Körper hat. Wer fährt mit der Rolltreppe, wer geht zu Fuß? – „um sein Leben zu verlängern“. Wer geht links, wer geht rechts. Dann sollen wir auch noch rennen. „Nee, oder“, denke ich, während ich mich an der Startlinie aufstelle und überlege, wie ich um die Sache rumkomme, ohne mich offensichtlich zu verweigern.

Hat die Stimme die Macht, oder die Gruppe? Hat die Stimme durch die Gruppe Macht? Ich denke kurz an meinen Kollegen, der ebenfalls Teil der Horde ist und Sportlichkeit ausgesprochen ernstnimmt. Während ich loslaufe, stelle ich mir vor, dass er auch hier keinen Spaß versteht und sich nach vorne kämpft, als ginge es um alles. Und noch während mich die mittelschwere Absurdität des Gedankens unwillkürlich lächeln lässt, schießt der Kollege in seiner froschgrünen Daunenjacke an mir und allen anderen vorbei.

So sind wir – die umgekehrte Variante des japanischen Sprichtwortes „Ein Pfeil bricht, viele Pfeile brechen nicht“. Denn je mehr wir sind, desto leichter brechen wir. Alleine, ungesehen, kann ich mich der Stimme vielleicht widersetzen. Aber in der Gruppe? „Gehe über die Ampel“, sagt die Stimme später. „Auch wenn sie rot wird.“ Wir hasten und gehorchen. „Jede Ampel“, sagt die Stimme, „ist eine kleine Lektion in automatisierter Diktatur.“ Das trifft nicht nur auf jede Ampel zu. Es trifft auch auf diesen Abend zu. Denn das gibt uns die Stimme noch mit auf den Weg: „Du wirst mehr Zeit mit mir verbringen als mit deiner Familie“ und „Ich werde dir sagen, was du denken sollst, das verspreche ich dir.“ Von mir aus, denke ich, Hauptsache ich muss nicht mehr laufen.

Axel Weidemann

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