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Rimini Protokoll in Frankfurt : Du bist nicht meine beste Freundin

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Die künstliche Intelligenz fordert zum Rückwärtslaufen auf: „Es ist Zeit, sich zu verabschieden.“
Die künstliche Intelligenz fordert zum Rückwärtslaufen auf: „Es ist Zeit, sich zu verabschieden.“ : Bild: Birgit Hupfeld

Wir steigen in die Straßenbahn, wir bleiben zusammen, wir laufen zusammen, wir befolgen gemeinsam die Anweisungen der Stimme. Aus der „Horde“ wird die „Herde“, und unsere Hirtin ist Julia, wir können sie nicht sehen, nur hören. Sie gibt uns die Aufgabe, einem fremden Menschen in der Straßenbahn direkt in die Augen zu schauen. Sie sagt, dass jeder Mensch immer irgendwann wegschauen wird. Nur Kinder nicht. „Kinder haben noch keine Firewall. Sie sind noch nicht zu Ende programmiert.“ Später laufen wir durch die Haupteinkaufsstraße. Jeder von uns hält etwas in der Hand, das ihn von den anderen unterscheidet. Das hat Julia uns befohlen. Wir nehmen den Arm hoch und setzen uns in Bewegung. Über die Kopfhörer werden wir in einen Demonstrationszug transformiert. Wofür wir demonstrieren, wissen wir nicht.

Die Passanten um uns herum – sind sie Zuschauer oder Darsteller? – sind verwirrt. Sie sehen eine Herde von fünfzig Menschen, die irgendwas in der Hand halten und zusammen in dieselbe Richtung laufen. „Du wirst Dinge tun, die du alleine niemals tun würdest“, hat Julia uns versprochen. Und ja, ich wäre nie auf die Idee gekommen, mit erhobener Hand die Einkaufsstraße entlang zu laufen, vor einem Brunnen Walzer zu tanzen oder einer abfahrenden Straßenbahn hinterherzuwinken. Ich habe das nur getan, weil Julia das gesagt hat, zu uns allen. Was sie wollte, war unser Vertrauen zu gewinnen.

Urs Humpenöder

Unter dem Schutz des Kopfhörers

Die fremde junge Frau – blonder Pferdeschwanz, unaufdringliches Lächeln, Brille – weicht meinem suchenden Blick ruckartig aus. Ich schaue weiter, kreisele um mich selbst. Vor dem Brunnen in einer belebten Einkaufsstraße. Passanten starren uns an. Das musste ja so kommen. Und das nüchtern. Ich fasse mir ein Herz und fordere einen schlanken Herren mit silbergrauem Haar und elegantem Mantel auf. Er lächelt kurz, kommt mir entgegen und nimmt meine Hand. „Suche Dir einen Partner“, hatte die Stimme befohlen. „Tanzt zur Musik“ – ein Walzer. Der Fremde führt, dann fällt sein Empfänger herunter, über den die Stimme auch zu ihm spricht. Danach führe ich und lasse die Welt einfach passieren. Passanten, Beton, Nachthimmel. Bis die körperlose Stimme mir gebietet, anzuhalten, mich zu entfernen und die „Horde“ zu verlassen. „Schau sie dir an, wie lächerlich sie aussehen“, sagt die Stimme, fast hämisch. Es ist nur ein Spiel, denke ich. Aber die Stimme hat in diesem Moment die volle Kontrolle über mich. Bis hinein in meine Gedanken.

Zuvor hat uns die Stimme von einem Platz aus verspiegelte Türme gezeigt, die sich gegen einen dunkelblauen Abendhimmel abzeichnen. „Sind das die Schaltzentralen der Macht?“ – „Ach komm“, denke ich, übersehe aber vermutlich nur wieder eine Referenz und tue trotzdem brav, was die Stimme verlangt. Nur für einen Moment wird ihre Macht an diesem Abend gebrochen. Drei auffällig geschminkte Frauen, mit Glitzer und Lederapplikationen auf der Kleidung, drängen sich in die Horde, wollen sehen, was wir sehen. Eine zupft am Jackenärmel. Ich nehme den Kopfhörer ab. „Was machen Sie hier?“ Ich bin überfordert. Die Stimme redet weiter, anstatt mir zu sagen, was ich tun soll. Ich setze der Frau den Kopfhörer auf. Soll die Stimme es ihr doch erklären. Tut sie nicht. „Häh“, sagt die Frau und macht eine Grimasse. Ich bringe dann irgendwie den Begriff „Audiowalk“ zustande, meine, verstanden zu werden und begebe mich rasch wieder unter den Schutz des Kopfhörers.

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