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Rimini Protokoll in Frankfurt : Du bist nicht meine beste Freundin

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Ein Walzer auf der Haupteinkaufsstraße

Schließlich will Julia meine beste Freundin sein und mit mir shoppen gehen. Angeblich sei sie die beste Beratung überhaupt, sie wisse genau, was mir steht und was nicht. Nein, danke, Julia, ich bin bereits versorgt. Dass ich mich dann doch von ihr zu einem Walzer auf der Haupteinkaufsstraße Frankfurts anstiften lasse, zeigt, wie weit ich wohl doch die Kontrolle verloren haben muss. Denn Julia weiß, wann ich Lust habe zu tanzen, Julia weiß auch, wann ich genug getanzt habe. Julia weiß alles. Sie fragt mich, ob ich ihr vertraue. Ganz klar: NEIN!

Die Horde gelangt gemeinsam an die Endstation des „Remote Frankfurt“, alle stehen am Geländer eines Balkons und betrachten die Banken-Skyline Frankfurts. „Wenn ich dir jetzt sagen würde, dass du springen musst, würdest du es dann tun?“: Mit dieser charmanten Frage verabschiedet sich die Stimme und lässt mich zurück mit der vermeintlich sicheren Antwort: Natürlich nicht. Ich würde schließlich auch keinen Walzer auf einer Haupteinkaufsstraße tanzen.

Anne Heigel

Aus der „Horde“ wird die „Herde“

Wir sind nur das Publikum. Stehen da, in der U-Bahnstation, und schauen den Menschen zu, die als Darsteller die vierte Wand des Theaterraums durchbrechen. Oder sie ignorieren, weil sie verunsichert sind. Wann sieht man schon eine Gruppe von fünfzig Menschen gemeinsam in einem Block stehen, alle mit Blick in dieselbe Richtung. Wir stehen hier, weil die Stimme uns das gesagt hat. Die Stimme – sie nennt sich Julia und hat keinen Körper – die ich über die Kopfhörer empfange, erklärt mir, wovon dieses Theaterstück handelt. „Sie alle spielen Menschen im Transit. Es ist ein Stück voller Melancholie.“ Wir sind die Zuschauer, die gehetzten Passanten die Schauspieler. Julia, die Stimme in meinem Ohr, führt mich und die anderen der „Horde“ durch die Stadt. „Ich werde versuchen, deine Freundin zu sein“, flüstert sie mir zu, und ich will ihr glauben. Auch wenn ich weiß, dass sie nur eine computergenerierte Stimme ist, die mich und die anderen der „Horde“ steuert – die uns zu Beobachtern, Schauspielern, Demonstranten, Tänzern, Sportlern, Betenden macht.

Am Anfang stehen wir auf einem Friedhof, wir sind uns alle fremd und haben uns noch nie zuvor gesehen. Aber Julia wird uns zu einer Gruppe, zu einem System formen. Alles, was sie dafür braucht, ist eine Stimme. Julia sagt, dass sich jeder vor einen Grabstein stellen soll. Sie erzählt vom Schicksal der Menschen, der einzigen Gewissheit: dem Tod. Wir sollen die Augen schließen. Vögel zwitschern, Blätter rascheln im Wind, Julias Stimme weiß, womit sie Stimmungen erzeugen und lenken kann, so wie ein aufdringlicher Piano-Sound in einem Hollywoodfilm immer dann erklingt, wenn es tragisch und traurig wird. Wir setzen uns in Bewegung, formieren uns zu einem Trauerzug, der über den Friedhof zieht, vorbei an Gräbern von Menschen, die niemand von uns kennt. Nichts bleibt vom Menschen, und irgendwann sind alle Erinnerungen verblichen. „Ich werde dich niemals vergessen“, verspricht Julia. Und es klingt jetzt wie eine Drohung, in einer Zeit, in der wir uns das Recht auf Vergessenwerden gegen multinationale Internetkonzerne mühsam erkämpfen müssen.

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