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Leipziger Musikhochschule : Die Bevölkerung ist musikalisch

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Und wenn die Studenten aus dem Ausland nicht mehr anreisen dürfen? Orgel im Großen Konzertsaal der Musikhochschule Leipzig. Bild: Picture-Alliance

Der Rektor der Leipziger Musikhochschule, Gerald Fauth, will mehr Nachwuchs- und Breitenförderung. Im Interview spricht er außerdem über die Folgen der Pandemie für die Hochschule.

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          Der Dresdner Pianist Gerald Fauth ist kürzlich zum Rektor der Leipziger Musikhochschule, der ältesten Deutschlands, gewählt worden. Er tritt sein Amt in schwierigen Zeiten an, setzt aber auf die Unverzichtbarkeit der klassischen Musik. Die F.A.Z. traf ihn in Leipzig.

          Herr Fauth, es gibt bessere Umstände, ein solches Amt anzutreten. Wie kommen Sie mit der Situation zurecht?

          Als ich mich im Januar beworben hatte, war hier an Corona noch nicht zu denken. Die Wahl im Juli hat mich mit großer Freude erfüllt, auch wenn die Sache inzwischen ganz anders aussah. Aber ich will die Dinge nehmen, wie sie kommen. Folglich gilt mein Wort, alles zu geben, um die Hochschule so gut wie möglich durch die kommenden Zeiten zu bringen. Natürlich bin ich ebenso wie alle anderen von diesen Umständen betroffen. Unsere Studierenden können keine Konzerte mehr geben, Wettbewerbe sind abgesagt, sie stehen vor einer höchst ungewissen Zukunft. Gerade in diesen Zeiten sehe ich die ganz große Aufgabe, Mut und Optimismus zu verbreiten. Wir brauchen die Musik, brauchen die Kultur, müssen jetzt Stärke beweisen und dürfen trotz allem unsere Ideale nicht verlieren.

          Hilft es Ihnen, dass Sie als bisheriger Prorektor die Hochschule und deren Zustand gut kennen?

          Wir sind ziemlich gut aufgestellt. Wir sind eine große Musikhochschule, haben hier nicht nur klassische Fächer mit Orchesterinstrumenten, Gesang und Klavier, sondern auch die Fachrichtungen Dramaturgie, Alte Musik, Jazz sowie ein großes Institut für Kirchenmusik. Zudem ist unsere Schauspielausbildung sehr erfolgreich, denken Sie nur an Albrecht Schuch von „Berlin Alexanderplatz“, das ist einer unserer Absolventen. Die Gesangsausbildung ist hervorragend, unser Hochschulorchester ist phantastisch, was natürlich an Matthias Foremny liegt, der phänomenal arbeitet. Das alles hat eine riesige Ausstrahlungskraft. Auch in der Professorenschaft finden Sie zugkräftige Namen, als Beispiel möchte ich stellvertretend Martin Schmeding nennen, von ihm kamen bisher fast monatlich Preisträger internationaler Wettbewerbe. Das alles ist absolut zukunftsorientiert, doch nun wir müssen unsere finanziellen Ressourcen sehr gezielt einsetzen, das ist momentan nicht so ganz einfach.

          Der Dresdner Pianist Gerald Fauth ist zum Rektor der Leipziger Musikhochschule gewählt worden.
          Der Dresdner Pianist Gerald Fauth ist zum Rektor der Leipziger Musikhochschule gewählt worden. : Bild: Jörg Singer

          Eine Folge der Pandemie?

          Ja, denn es fehlt an Einnahmen. Seit März können wir keine Konzerte mehr geben, dabei waren wir mit über sechshundert Veranstaltungen quasi der größte Konzertveranstalter Sachsens. Die Studiengebühren wurden teilweise halbiert, Anmeldegebühren sind weggefallen, wir haben unsere Lehrkräfte weiter bezahlt, auch die Lehrbeauftragten, und müssen nun sehen, wie wir das ausgleichen. Obendrein rechne ich für die Zukunft mit einem Rückgang bei öffentlichen Geldern; all dem müssen wir begegnen.

          Welche Ziele haben Sie sich da für die kommenden Jahre gestellt?

          Ich möchte unbedingt, dass wir uns mehr auf die Nachwuchsförderung konzentrieren. Zwar haben wir bereits eine Nachwuchsförderklasse, aber die dient vor allem der unmittelbaren Studienvorbereitung. Ich hätte gern ein gut durchdachtes, weit aufgestelltes Konzept, das auch in die Frühförderung und den Vorschulunterricht zielt. Dazu zählt die Vernetzung mit Musikschulen, Grundschulen und Gymnasien, um musikalische Talente rechtzeitig zu finden und zu fördern. Es geht mir nicht darum, dass sie alle studieren müssen, sondern darum, Musik als Kulturgut in die Hirne und Herzen zu bringen. Damit kann Kindern und Jugendlichen eine Perspektive geboten werden. Wir wissen ja, wie wichtig die Beschäftigung mit einem Instrument für Konzentration und Disziplin ist. Wenn es uns gelingt, junge Menschen für Kunst und Kultur zu begeistern, ist viel gewonnen.

          Gut aufgestellt: Die Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig.
          Gut aufgestellt: Die Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig. : Bild: Picture-Alliance

          Es geht also nicht nur um Berufsausbildung?

          Es geht nicht nur um Spitzenförderung. Wenn uns eine gute Breitenförderung gelingt, werden sich automatisch auch Spitzen durchsetzen. Musikalität ist in der Bevölkerung ja vorhanden, sie muss nur entdeckt und gefördert werden. Für diese Aufgaben braucht es natürlich auch Stellen und Personal, das ist im Moment noch Zukunftsmusik. Wir wollen jetzt aber damit anfangen und werden sehen, wie sich das ausbauen lässt. Ich habe das Thema Nachwuchsförderung bereits in meiner Bewerbung betont, weil da bislang zu wenig geschieht. Das sind wir dem Steuerzahler schuldig.

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