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Jubel für Kirill Serebrennikow : Lasst Polizisten singen

  • -Aktualisiert am

Barock steht hier für eine Sprache einsamer Exaltation: Rita Kron in der Inszenierung am Gogol Center. Bild: Ira Polyarnaya

Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow meldet sich aus dem Hausarrest zurück. Sein tragisches Revolutionstheaterstück „Barokko“, Summe seiner Gefangenschaft, besuchen Oppositionelle wie auch Erzkonservative.

          Der Sieg sei nahe gerückt, wenn auch noch nicht erreicht, erklärte der russische Regisseur Kirill Serebrennikow, als vor nahezu einem Monat das Moskauer Meschtschanski-Gericht den Hausarrest aufhob, der über mehr als anderthalb Jahre über ihn verhängt war. Der Prozess gegen Serebrennikow und seine drei früheren Mitarbeiter von der Theaterplattform „7. Studio“, Alexej Malobrodski, Sofia Apfelbaum und Juri Itin, denen vorgeworfen wird, mehr als 1,7 Millionen Euro staatlicher Fördergelder veruntreut zu haben, scheint eine Wende hin zu mehr Rechtsstaatlichkeit zu nehmen. Die Staatsanwaltschaft, die ihre Anklage allein auf die Kronzeugenaussage der früheren Buchhalterin Nina Masljajewa gründet, ohne irgendwelche Dokumente beibringen zu können, wurde von der Richterin endlich angewiesen, eine neue Beweisexpertise vorzulegen. Das hatte die Verteidigung mehrfach verlangt. Die nächste Verhandlung ist für den 17. Juni anberaumt.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Serebrennikow, der während seines Hausarrests den Kinofilm „Leto“ (Sommer) und die Theaterinszenierung von Puschkins „Kleinen Tragödien“ am Gogol Center fertiggestellt sowie per Fernregie in Stuttgart Humperdincks „Hänsel und Gretel“ und in Zürich Mozarts „Cosí fan tutte“ auf die Bühne brachte, will vor dem Ende des Prozesses nicht mit der Presse reden. Doch er lässt sich von Angehörigen der Opposition wie der Nomenklatura als Held der Moskauer Kulturszene feiern. Unlängst nahm er in Moskau den Theaterpreis „Goldene Maske“ für seine Ballettproduktion „Nurejew“ am Bolschoi-Theater und für die „Kleinen Tragödien“ entgegen. Im von ihm geleiteten Gogol Center moderierte er an zwei Abenden ein Konzert seiner Sänger-Schauspieler zu Ehren der sowjetrussischen Chanson-Legende Alla Pugatschowa, die jüngst siebzig wurde. Im ausverkauften Saal saßen außer der Jubilarin die Menschenrechtlerin Alla Gerber, aber auch die Tochter von Boris Jelzin, Tatjana Jumaschewa, die Serebrennikow demonstrativ umarmte; außerdem der Dirigent und Vertraute von Präsident Putin Wladimir Spiwakow.

          Der Prozess und der Arrest, dessentwegen er sich nicht von seiner Mutter verabschieden konnte, die 2018 starb, haben Serebrennikow gezeichnet. Der Mann am Regiepult ist fülliger geworden, seine Stimme hat ein helleres Timbre bekommen. Zwischen den Musiknummern erzählt Serebrennikow von seiner Mutter, die einst ihre schöne Stimme verloren habe und dafür umso mehr ihrem Kind Musik und Künste nahebringen wollte. Dank seiner Eltern habe er in den achtziger Jahren ein Konzert von Pugatschowa erlebt, die sich schon zu Breschnews Stagnationszeit unerhörte Freiheiten herausgenommen habe, erinnert sich der Regisseur. Wie die Show-Diva die sexuelle Revolution einfach praktizierte und, ohne Skandale zu fürchten, immer wieder neu ihr Glück suchte, liebte und weinte, das habe sie für das ganze Land getan, erklärt Serebrennikow und vergleicht die Sängerin mit der Natur, bei der auf Gewitter der Regenbogen folge. Und er zitiert den anwesenden Spiwakow, der, von ihm nach Pugatschowa gefragt, sie das Symbol Russlands und seinen Freiheitsengel genannt habe.

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