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Siemens-Musikpreis : Weiblich, jung, komponierend

  • -Aktualisiert am

Geboren in England, lebt in Berlin: Rebecca Saunders Bild: dpa

Fünfundvierzigmal wurde der Siemens Musikpreis bislang verliehen, nur ein einziges Mal ging er an eine Frau. Jetzt erhält ihn Rebecca Saunders – als erste Komponistin in seiner Geschichte.

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          Dass man ein Mann sein muss, um für den Ernst von Siemens Musikpreis in Frage zu kommen, möglichst im fortgeschrittenen Alter und dadurch über alle Zweifel an der Ehrwürdigkeit erhaben, das schien schon eine eiserne Regel zu sein und wurde in den vergangenen Jahren immer stärker kritisiert. Fünfundvierzigmal wurde der Preis bislang verliehen, zuerst 1974 an Benjamin Britten, und nur ein einziges Mal ging er dabei an eine Musikerin. Anne-Sophie Mutter erhielt ihn im Jahr 2008. Eine einigermaßen niederschmetternde Bilanz, die jetzt mit einer wichtigen Entscheidung korrigiert wird. Rebecca Saunders wird in diesem Jahr der mit 250.000 Euro dotierte Preis, gern als „Nobelpreis der Musik“ tituliert, zugesprochen, sie ist die erste Komponistin in der Geschichte des Preises (man staunt darüber immer von neuem) und nebenbei auch eine relativ junge Preisträgerin, mindestens im Vergleich zu ihren Vorgängern, welche die sechzig, siebzig oder achtzig meistens überschritten hatten. Rebecca Saunders ist 51 Jahre alt, wurde in London geboren und lebt in Berlin.

          Mit großer Eleganz

          Weiblich, jung, komponierend – damit wären die Kategorien abgehandelt, die das Kuratorium des Ernst von Siemens Musikpreises zu erwähnenswerten Kategorien gemacht hat mit den Entscheidungen der vergangenen Jahre. Schnell aber zur Komponistin selbst und der Tatsache, dass ihre Wahl, ganz abgesehen von allem schon Erwähnten, eine gute Entscheidung ist. Denn Saunders’ Werke, komponiert oft für Instrumente in kleiner Besetzung bis hin zum Duo und Solo, öffnen sich dem Hörer in ungewöhnlich direkter Weise. Und doch wird er kaum fertig mit ihnen: Weil es so viel zu entdecken gibt. Zu erleben etwa vor zwei Jahren, als beim Musikfest Berlin ihr bislang größtes Werk zur Uraufführung kam: „Yes“ für Sopran und neunzehn Instrumente, ein gut einstündiges Stück, für das Saunders den Monolog der Molly Bloom aus James Joyces „Ulysses“ zum Ausgangspunkt nahm.

          Mit großer Eleganz errichtete sie darin eine ständig sich wandelnde Klangskulptur, in deren Mitte sich der Hörer selbst befand: Die Architektur des Kammermusiksaals in der Berliner Philharmonie nutzend, verteilten sich die Musikerinnen und Musiker auf die Emporen und Erkerchen rundherum. Es ging dabei nicht nur um Raumeffekte, sondern um den Versuch, den Klang zu dezentralisieren und dadurch seine Perspektive zu vertiefen. Vordergrund, Mittelgrund, Hintergrund, das sind Parameter, die Saunders in ihren Ensemblestücken sorgfältig berücksichtigt. Bewegte Hörlandschaften können dabei entstehen, die auch im Abrupten und Aggressiven (was nicht selten vorkommt in den Stücken der äußerlich sehr ruhig wirkenden Komponistin) noch logisch und organisch erscheinen in ihrem Bau.

          Dabei nimmt Saunders, die in Edinburgh Komposition studierte und später bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe entscheidende Anregungen erhielt, oft eine forschende Haltung ein. „Was mich interessiert, ist der Übergang zwischen Nicht-Klang und etwas Konkretem, der Übergang aus der Stille und in die Stille, von Geräusch in Klang“, sagte sie einmal.

          Um herauszufinden, was bei solchen Übergängen möglich ist, arbeitet sie eng mit den Musikern zusammen, für die sie schreibt. Die Vokabeln ihrer Stücke entwickelt sie oft gemeinsam mit ihnen, inspiriert auch von der Art, wie sich jemand beim Musizieren bewegt. Dicht ist bei Rebecca Saunders dadurch die Verbindung von Stück und Musiker, vielleicht hat man auch deshalb das Gefühl, dass sich ihre Musik ganz ungezwungen und natürlich aus der Realität eines Instrumentes herausschält.

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