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Ravenna Festival : Stille Ekstasen unterm Sternenhimmel

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Ravenna Festival Bild: FABRIZIO ZANI FOTOGRAFO

Zu Dantes auratischen Zeilen endete ein Abend der italienischen Musizierlust. Das diesjährige Ravenna Festival zeigte durch seinen ganz eigenen Sog, dass Live-Performances für die Kunst unerlässlich sind.

          3 Min.

          In der Kirche San Francesco, unweit vom Grabmal Dantes, ereignet sich eines der ideenreichen Konzerte, mit denen das diesjährige Ravenna Festival Dante ehrt. Ein Schauspieler deklamiert Verse aus dem Paradiso, die von den wundersamen Klängen der Musik handeln, und das Alte-Musik-Ensemble La Fonte Musica lässt dazu Kompositionen aus der zweiten Hälfte des vierzehnten Jahrhunderts erklingen: Zwei Sätze aus Guillaume de Machauts „Messe de Nostre Dame“, zwei Kanons und ein Virelai aus den sinnenfrohen Mariengesängen im „Llibre Vermell“ der Benediktinermönche von Montserrat und weitere Perlen der Ars nova.

          Der Abend endet, wie könnte es anders sein, mit Dantes auratischen Schlusszeilen von der alles bewegenden Liebe, und das Ensemble antwortet darauf mit einem jubelnden Credo von Antonio Zacara da Teramo. In der Interpretation verbindet sich wissenschaftlich basierte Aufführungspraxis mit italienischer Musizierlust, die melodischen Exaltationen dieses Prachtstücks einer Ars subtilior werden in einem farbenprächtigen vokal-instrumentalen Mischklang eingefangen, der auf die Renaissance vorausweist. Die Kraft der Worte und Klänge öffnet Dantes Welt dem Publikum von heute.

          Tiere in Dantes Universum haben große Bedeutung

          Solche Konzerterlebnisse vermitteln etwas von der ungebrochenen Verehrung, die in Italien dem Sommo Poeta, dem höchsten Dichter und kulturellen Zentralgestirn des Spätmittelalters, bis heute weit über Fachkreise hinaus entgegengebracht wird. Der Schauplatz Ravenna stellt den Dichter zudem in eine historische Perspektive, die bis in die Spätantike zurückreicht. Von den sternenübersäten Mosaikhimmeln der byzantinischen Sakralbauten, so heißt es, habe er sich für sein Paradiso inspirieren lassen.

          In Dantes Universum leben auch Tiere. Die Sopranistin Laura Catrani durchforstete die Texte nach Tiermotiven und ließ die drei Komponisten Fabrizio de Rossi Re, Matteo Franceschini und Alessandro Solbiati dazu kurze Stücke schreiben, die sie in ihrem Soloprogramm mit fabelhaft beweglicher Stimme vortrug. Der Schriftsteller Tiziano Scarpa steuerte Reflexionen aus heutiger Sicht bei, Videoprojektionen eines bildenden Künstlers ergänzten das musikalische-literarische Duett zur kleinen Multimediadarbietung. Um Dantes Dichtung musikalisch fruchtbar zu machen, braucht es keine sinfonischen Großformen. Treffsicher gestaltete Miniaturen erweisen sich inhaltlich als ebenso substantiell und aussagekräftig.

          Zum großen Ereignis geriet der Auftritt des Kammerchors Kiew unter der Leitung von Mykola Hobdych mit zwei neuen Werken von Valentin Silvestrov. Die neun Chorsätze „In Memoriam“, die auf dem politisch intendierten Zyklus „Majdan 2014“ basieren und mit einem Memento mori von John Donne schließen, haben die Form eines Requiems. Die zehnteilige Kantate „O luce etterna“, ein Auftragswerk des Ravenna Festivals, basiert auf ins Ukrainische übersetzten Versen aus Dantes „Paradiso“ und einem Gedicht von Taras Schewtschenko, dem ukrainischen Nationaldichter des neunzehnten Jahrhunderts. Aus zarten Melodiefäden entsteht eine schwebende Musik von überwältigender harmonischer Reinheit und verhaltener Ekstase. Die spätantike Basilika Sant’Apollinare in Classe bildete dazu einen idealen geistigen und architektonischen Resonanzraum.

          Die Vielfalt der Darbietungsformen ist charakteristisch für das Ravenna Festival, das sich über zwei Sommermonate erstreckt und inhaltlich weit gefächert ist. Mit einer diversifizierten Programmgestaltung erreicht es breite Schichten der lokalen Bevölkerung, dazu kommen viele Besucher aus der Region und touristisches Publikum. Sinfonische Akzente setzen die Konzerte des 2004 von Riccardo Muti gegründeten Orchestra Giovanile Luigi Cherubini mit Sitz in Ravenna und Piacenza, das nun während des Festivals auch kurz in Armenien gastierte. Für die vielfältigen Projekte szenischer und halbszenischer Art und die Konzerte von Alter Musik bis zu den Zeitgenossen stehen in der mit einzigartigen historischen Bauwerken gesegneten Stadt zahlreiche Veranstaltungsorte zur Verfügung.

          Fulminante Interpretation

          Die Ruinen einer römischen Festung bilden die stimmungsvolle Kulisse für aufwendige Freiluftproduktionen. Hier gingen das argentinische Gastspiel einer Tango-Oper von Astor Piazzolla und ein Tanzabend mit Werken von Igor Strawinsky über die Bühne. Für die Folge von Szenen aus Werken der russischen Periode und des frühen Neoklassizismus hatte man internationale Solisten von New York bis Hamburg sowie das Tanz- und Choreographenpaar Sasha Riva und Simone Repele aus Genf engagiert; die teils rekonstruierten Choreographien stammten von Michel Fokine, Georges Balanchine und, beim Divertimento aus dem „Kuss der Fee“, vom persönlich anwesenden John Neumeier. Ein russisch-italienischer Schauspieler mit Strawinsky-Brille und passendem Outfit führte als Conferencier mit semi-autobiographischen Kommentaren durch das Programm. Die lockere Präsentationsform passte zur warmen Sommernacht und tat der hohen tänzerischen Professionalität keinen Abbruch.

          Den spektakulären Abschluss machte Davide Dato von der Oper Wien mit einer von Uwe Scholz choreographierten Soloversion des „Sacre du printemps“, wobei die live gespielte fulminante Originalfassung für Klavier vierhändig zusätzlich Feuer unter die tänzerische Parforce-Nummer legte. Überdeutlich zeigte sich gerade bei diesem Ballettabend, was eine Live-Präsenz atmosphärisch ausmacht, auf die Künstler und Publikum nun so lange verzichten mussten. Etwas davon ist selbst noch in den Videoaufzeichnungen zu spüren. Sie sind auf der Website des Festivals dreißig Tage lang frei abrufbar.

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