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Uraufführung von „Rauschen“ : Expressionismus macht auch nicht glücklicher

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Getanzte Schwermut: Tänzer während der Fotoprobe «rauschen» von Sasha Waltz & Guests in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz. Bild: dpa

Getanzte Schwermut: „Rauschen“ von Sasha Waltz erlebt an der Berliner Volksbühne seine Uraufführung. In ihrem neuen Projekt beschäftigt sich Waltz wieder einmal tänzerisch mit der Untersuchung des menschlichen Seins.

          Der Bühnenraum, den Sasha Waltz mit Thomas Schenk in die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz eingezogen hat, wird nach hinten begrenzt durch eine schnürbodenhohe Apsis wie aus hellgrauem Beton. So beginnt die Uraufführung von „Rauschen“ mit einer Reminiszenz, wodurch die Choreographin die Volksbühne in eine Erinnerung an die Schaubühne verwandelt. Als wollte sie sagen, auch dieses Haus mit seiner schwierigen jüngsten Geschichte der Entzweiung kann wieder wie ein zu den schönsten Hoffnungen berechtigender Saal wirken, wie neu. Als wollte sie sagen, ich stand schon einmal ganz am Anfang in einem Haus, das ist ein wunderbarer Moment, wenn die Zukunft so offen scheint.

          Und wieder einmal nutzt Waltz, neunzehn Jahre später, den Tanz zu einer Untersuchung, was der Mensch sei und wozu er aufgelegt sei. Nur ist es dieses Mal nicht eine Anatomie des Tanzes, die sie vorlegt, wie damals in „Körper“, sondern eine Seelendiagnose unter den Bedingungen der Digitalisierung. Zwei Themen scheinen in dem verwirrenden und fragmentarisch erzählenden Tanz einander in die Quere zu geraten. Die Tänzer sprechen von persönlichem Leid, von Selbstzweifeln und Einsamkeit, und diejenigen, die in ihrem Kommunikationsradius stehen, während sie das tun, reagieren unangemessen: zu wenig empathisch, zu schematisch, auf unbeholfene Weise kühl oder ungerührt. Die körperliche Assistenz, die sie den sich Offenbarenden anbieten, wirkt seltsam hilflos und gleichgültig, vielleicht sogar automatenhaft.

          Zu diesem krisenhaften Erleben der Wirklichkeit tritt hinzu, dass es sich offenbar nicht um durchweg menschliche Gegenüber handelt. Die rhythmisch zerhackten Bewegungen und die mitunter maschinelle Sprechweise sollen vielleicht andeuten, dass es sich um Avatare handelt, Humanoide, um Androide, Roboter mit menschlicher Oberfläche, Puppen, wie sie schon täuschend menschenähnlich gebaut werden.

          Digitalisierungskritik und Depression

          Dieses Durcheinander von Digitalisierungskritik und Depression ist seltsam. Eigentlich ist das Thema des Roboters geradezu geschaffen für den Tanz. Wie man in dem beliebten Ballett „Coppélia“ sieht, kann man viel Spannung aus der Ungewissheit der Protagonisten ziehen, ob sie Menschen oder Automaten vor sich haben. Aber die Gelegenheit dazu verschenkt das Stück. Dieser erste, einstündige, der Farbe Weiß gewidmete Teil ist zu lang, zu repetitiv, zu rätselhaft, alles wirkt so klinisch sauber wie in einer großen Fabrik. Die zwischen die Alltagsgeräusche geschobenen Songs der Beatles bewirken immer einen Energieschub auf den Tanz, der aber sofort verpufft, wenn das Lied zu Ende ist.

          Das alles ist so bedeutungsheischend, ohne dass man genau sagen könnte, zu welchem Sinn sich diese Details verbinden. Der binäre Code kennt 0 und 1, Weiß und Schwarz. „I’m so tired“ stammt vom Weißen Album, das vor fünfzig Jahren entstand, das gesellschaftskritisch und von langen Indien-Aufenthalten inspiriert ist und zugleich in Disharmonien zwischen den Bandmitgliedern aufgenommen wurde.

          Waltz ist nur unwesentlich älter als diese Musik, und vielleicht will sie ihrem Stück diese Energie schenken und ausdrücken, dass man, wenn man älter wird, vielleicht noch stärker innere Prozesse ausdrücken möchte, mehr zu dem wirklich Wichtigen durchdringen möchte. Aber die dramaturgische und choreographische Konstruktion des Stücks ist zugleich zu offensichtlich auf der Aussage-Ebene und zu wenig substantiell, zu wenig konkret, zu wenig vielschichtig, um als Kunstwerk auf verschiedenen Ebenen zu funktionieren.

          Das Problem von „Rauschen“ ist das Problem desjenigen, der am Tanztheater als loser, assoziativer Theaterform festhält und mit ihr unterzugehen droht. Warum wohl hat Pina Bausch in ihren späten Jahren immer Reisen unternommen? Um neue Anekdoten, neue Bilder, neue Geschichten zu entdecken, die sie nacherzählen konnte mit den Mitteln des Tanztheaters. Außerdem kehrte sie zurück zu einem vertieften Interesse am Tanz. Das kam auch, weil sie ästhetisch sämtliche Barrieren eingerissen hatte und sich thematisch genre-kritisch, ballettkritisch, gesellschaftskritisch, männer-frauen-beziehungskritisch längst ausgedrückt hatte.

          Waltz ist im zweiten, schwarzen Teil näher an Pina Bausch denn je und näher noch an den choreographischen Vorgängerinnen vor Bausch, also Mary Wigman etwa. Die halbrunde Rückwand sieht nicht mehr wie Beton aus, sondern wie Leinwand und wird von den Tänzern immer wieder mit schwarzer Farbe aus Kanistern mit Schläuchen bespritzt. Diese schwarzen Schlieren verblassen auf geheimnisvolle Weise immer wieder. Das Wort „NOW“ wird da mit der Zaubertinte hingeschrieben. Dass der Expressionismus glücklicher macht als die gescheiterte Kommunikation im ersten Teil lässt sich nicht beobachten. Die Frauen tanzen schwermütig mit nackten Brüsten und in schweren schwarzen Röcken wie einst in „Körper“ und wie schon bei Jiří Kylián. Die letzte einsame Frau auf der Bühne, zu der sich ein Mann nur wie zufällig verirrt, schreit herum und wirft ihr Haar. „Rauschen“ ist über weite Strecken so, als würden wir etwas beiwohnen, das nicht für fremde Augen bestimmt ist und das gleichwohl gezeigt wird. Das schmerzt.

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