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Theaterpremiere in Wien : Der Spaß ist auf unserer Seite

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Ihre Lieblingmehlspeise ist Apfelstrudel: Szene aus Rainald Grebes „Sisi“-Spektakel in Wien Bild: Volkstheater Wien

Rote Rosenkriege und bunte Apfelstrudel: Rainald Grebe und seine neunundneunzig „Sisi-Szenen“ am Wiener Volkstheater.

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          Regisseur Rainald Grebe und sein Ensemble versprechen zwar bereits im Titel dieses Abends, „Ach, Sisi – Neunundneunzig Szenen. Eine Staatsaktion, ein Nichts, ein Volkstheater“, kaum Einzuhaltendes, aber das erfüllen sie dann – so viel sei schon jetzt verraten – mit Bravour. Man hätte ja auch, so „k. und k. Hof-Dramaturg“ Ulf Frötzschner vorab in einer Aussendung, sehr viel recherchiert und recht Erstaunliches zutage gebracht. Ja, sogar eigene Verse der Kaiserin Elisabeth habe man aus ihren postum (tatsächlich 1958 in der Schweiz) veröffentlichten Tagebüchern für diese Inszenierung herangezogen, und der für die musikalische Untermalung zuständige Jens-Karsten Stoll habe diese in abwechslungsreiche – von Kammermusik über Volkslied bis Rocksong – Liedform gegossen. Das ist ihm wirklich, begleitet an diversen Instrumenten – Akkordeon, E-Geige bis hin zu Bassklarinette – von Simon Frick und Christopher Haritzer, sehr unterhaltsam gelungen. Und ob sich das Copyright für die Texte wirklich einst bei „Sisi“ befunden hat – wen kümmert das schon?

          Die Bühne (Jürgen Lier) ist nahe an der Rampe durch eine Wand mit Riesentür und zahlreichen weiteren, kleineren, verdeckten Fenstern und Durchgängen begrenzt. Davor spielt sich fast alles ab. Wenn in einigen der Szenen die große Tür dann doch geöffnet wird, darf man im Hintergrund die andere Bühne erahnen, auf der wohl das Musical „Elisabeth“ gegeben wird. Der Spaß aber, der ist auf unserer Seite! In sehr oft wechselnden Kostümen (Kristina Böcher), meist in den Farben Schwarz, Weiß oder Rot, fast ausschließlich im Stil des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts, hüpft, schreitet, tanzt, reitet gar auf Steckenpferden das Ensemble vor der Wand fröhlich hin und her. Dazu tragen (fast) alle stets gelb-schwarze (die Farben der Habsburger!) Bergsteigerstiefel. Alle erzählen irgendwelche Anekdoten, geben „Weisheiten“ preis (etwa zur geographischen Anordnung der 23 Bezirke Wiens) oder plaudern aus ihrem Leben und fiktiven Bezügen zu „Sisi und Franzel“, also dem längst verblichenen Kaiserpaar. Auf die Wand werden manchmal Texte, manchmal Bilder, bisweilen auch Interviewausschnitte mit für diese Inszenierung zu Spezialthemen Befragten projiziert.

          Was kostet ein Mieder?

          Wie ist das Verhältnis der Österreicher, besonders der Wiener, zu den Deutschen, den Piefkes (Wienerisch korrekt ausgesprochen: Biffge[s]) – Elisabeth entstammte ja dem bairischen Hochadel – denn nun wirklich? War „Sisi“ bipolar gestört (früher hätte man gesagt: manisch-depressiv)? Was kostet ein Mieder heutzutage? Anna Rieser mimt meist Sisi, wenn sie nicht gerade als „Radiomoderatorin“ über Sisi erzählt. Eine der besten Szenen: Rieser und Andreas Beck schlüpfen in die Rollen von Romy Schneider und Karlheinz Böhm und spielen mit deren Originalton aus dem ersten „Sissi“-Film (1955, Regie: Ernst Marischka; daher stammt vermutlich das zweite „s“ im Kosenamen der Kaiserin, die eventuell in Wirklichkeit mit „Lisi“, aber in ziemlich unleserlicher Handschrift, unterschrieben haben soll) die erste Begegnung zwischen Elisabeth („Prinzessin in Bayern“) und Kaiser Franz Joseph nach. Sie: „Meine Lieblingsblumen sind rote Rosen!“ Er: „Meine auch!“ Sie: „Meine Lieblingsmehlspeise ist Apfelstrudel!“ Er (entzückt): „Meine auch!“ Sie (noch entzückter): „Wirklich?“ Dabei wird der Ton immer schneller abgespult und zum Schluss wieder verlangsamt.

          Obwohl der Abend von den angekündigten zwei Stunden auf fast zweieinhalb Stunden anwächst, muss beim Erreichen der – auf der Bühne stets elektronisch angezeigten – Szenenanzahl von 99 ein bisserl geschummelt werden. Im Nachhinein betrachtet hätte man auf diese Verlängerung durchaus verzichten können und gerne die letzten Auftritte, quasi ein Übergang von „Elisabeth“ auf der Hinterbühne zu den Verbeugungen vor uns, dem echten Publikum, um zwanzig Minuten, also pünktlich, vorziehen können. Und dennoch, diese „Ach, Sisi“-Inszenierung, so sinnbefreit sie sein mag, ist mit großem Abstand die heiterste und sowohl für das Publikum als auch das Ensemble die erfreulichste in der neuen Direktionszeit des Wiener Volkstheaters.

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