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Rainald Grebes „EFFZEH!“ : Das Leder zappelt in der Masche

Effzeh! Effzeh! Ein Fußballoratorium. Bild: david baltzer / bildbuehne.de

„EFFZEH! EFFZEH!“ Typisch Köln: Der Liedermacher Rainald Grebe widmet dem 1. FC Köln ein eigenes Fußballoratorium im Schauspiel Köln.

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          Weit oben in der ewigen Tabelle der besten Fußballzitate steht ein Satz von Sepp Herberger: „Die Leute gehen ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Umgekehrt gilt: Die Leute gehen ins Theater, weil sie wissen, wie es ausgeht. Sie kennen den „Tell“ oder den „Tyll“, haben das Stück in der Schule durchgekaut oder den Roman gleich nach Erscheinen verschlungen und wollen gerade deshalb sehen, was der Hauptdarsteller und der Regisseur daraus machen. Das galt jedenfalls früher. Heute kann es dem Dauerkartenbesitzer passieren, dass die Sache anders ausgeht als im Reclamheft oder auf Schallplatte und beispielsweise am Ende der Oper „Salome“ von Richard Strauss nicht die Titelheldin niedergemetzelt wird, sondern die Männerwelt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          „EFFZEH! EFFZEH!“, ein Stück des Liedermachers Rainald Grebe, ist zwar soeben erst am Schauspiel Köln uraufgeführt worden, aber man darf dem Autor bescheinigen, dass er sich als sein eigener Regisseur eine Bestnote für Werktreue abgeholt hat: Der Titelheld ist einfach nicht totzukriegen. Das ist schon daran zu erkennen, dass die Apostrophe des Titels auch jenseits der Grenzen des Erzbistums und sogar des Sendegebiets des WDR richtig verstanden werden wird: Die Abkürzung einer Abkürzung bezeichnet nicht den FC Bayern München, den FC Schalke 04, den FC St. Pauli oder gar den 1. FC Heidenheim, sondern den 1.Fußball-Club Köln, der in diesem Jahr seinen siebzigsten Geburtstag feiert.

          Der Abend im Depot 2 in Mülheim, zweite Lieferung einer kölschen Trilogie der Leidenschaft, die 2014 mit Grebes Karnevalsstück „Die fünfte Jahreszeit“ begann, war nicht als Geburtstagspräsent gedacht, sondern für 2017 angekündigt und musste wie die Wiedereröffnung des Schauspielhauses am Offenbachplatz verschoben werden. Typisch Köln: Zuerst hatte man kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu – der FC, der im vergangenen Jahr die Rückkehr in den Europapokal feierte, muss in diesem Jahr die Rückkehr in die zweite Liga verarbeiten. Für Grebes Projekt erweist sich die Verzögerung indes als eine Art von Dusel: Die kurze Zeit in der Europa League scheint in eine unendlich ferne Vergangenheit versunken, kommt nur schemenhaft zur Sprache, mit Zitatfetzen eines grotesken Optimismus, und damit in so fragwürdiger Gestalt, dass man die phantasmagorische Natur des Vereinsgedächtnisses begreift, das dem Stück den Stoff liefert und eigentlich den Stoff bildet.

          Die totale Vergegenwärtigung wird von permanenter Verdrängung begleitet

          Der Fan lebt in einer ewigen Gegenwart, hält die gesamte Vereinsgeschichte präsent als Vorrat unvergesslicher Episoden, deren Wiederholung jederzeit möglich ist. Es gibt für diesen Anti-Historismus gleichsam keine epochale Tagesform, die den Durchmarsch an die Tabellenspitze vereiteln könnte. Großartig zur Einstimmung auf die Einbildungen eines Könnenbewusstseins, welches allein daran anknüpft, dass ein Spiel nach Regeln angesetzt ist, der Prolog: Johannes Benecke rezitiert den Monolog eines Platzwarts neuer Schule, der den optimal präparierten Rasen als Siegesgarantie anpreist. Beneckes melancholischer Habitus gibt zu verstehen, dass die gesamte Professionalisierung des Technik- und Taktikwesens im Profifußball nur das magische Denken der Fankurve verdoppelt.

          Die totale Vergegenwärtigung wird von permanenter Verdrängung begleitet. Freilich können Niederlagen nicht aus der Statistik gestrichen werden. Die Risse, die auf der Vereinserfolgsstraße klaffen wie in der Severinstraße in der Kölner Südstadt die Lücke des Stadtarchivs, werden eingeebnet, weil sich das kollektive Gedächtnis serieller Muster bedient, deren Gebrauch die Wiederholungsstruktur des Liga- und Pokalbetriebs nahelegt.

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