https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/ragna-schirmers-klavierabend-bei-den-europaeischen-wochen-passau-18163329.html

Europäische Wochen Passau : Auftritt Chopins als gewitzter Causeur

Ragna Schirmer moderierte ihren eigenen Klavierabend. Bild: Toni Scholz

Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa bejubelte Russlands Aggression gegen ihr Heimatland. Die Europäischen Wochen Passau luden sie deshalb aus. Ragna Schirmer gab stattdessen einen ebenso geistreichen wie beherzten Klavierabend.

          3 Min.

          Die ukrainische Pianistin Valentina Lisitsa aus Kiew hat gerade eine neue CD mit Musik von Frédéric Chopin herausgebracht und zudem das Programm des letzten Konzerts einstudiert, das Chopin am 4. Oktober 1848 – ein Jahr vor seinem frühen Tod – im schottischen Schloss Hopetoun House, unweit von Edinburgh, gegeben hatte. Denn Carsten Gerhard, der Intendant der Europäischen Wochen Passau, wollte sie mit diesem besonderen Programm, dazu noch gespielt auf einem historischen Pleyel-Flügel des Jahres 1848, aufgearbeitet in der Staufener Werkstatt von Christoph Kern, zu seinem diesjährigen Festival einladen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Doch Lisitsa gehört zu jenen Ukrainerinnen, die sich früh gegen die Euro-Maidan-Bewegung in ihrem eigenen Land positionierten. Sie hatte nach der Krim-Annexion demonstrativ Konzerte in Sewastopol gegeben und ihre Sympathien für die prorussischen Separatisten in der Ostukraine bekundet. „Politische Ambivalenzen müssen wir hier aushalten können“, sagt Gerhard, „solange wir uns einig darin sind, dass wir diesen Krieg verurteilen.“ Deshalb hatte er an Lisitsa festgehalten und mit ihr an einem gemeinsamen Kommuniqué gearbeitet, worin die heute abwechselnd in Russland und in den Vereinigten Staaten lebende Ukrainerin bekundete, niemals Putin – und auch nicht Biden – gewählt zu haben und jeden Krieg abzulehnen. Am 9. Mai freilich setzte sich Lisitsa unter freiem Himmel an eine Schindmähre von Klavier und spielte russische Kriegslieder – in Mariupol, zur Begrüßung der russischen „Befreier“. Da war für Gerhard – verständlicherweise – die Grenze tolerierbarer „Ambivalenzen“ überschritten: Er lud Lisitsa aus.

          Ein Verlust war das nicht angesichts der Künstlerin, die an Lisitsas Stelle nun den besonderen Klavierabend im oberösterreichischen Schloss Zell an der Pram, einem Kleinod des Frühklassizismus, rettete: Ragna Schirmer ist eine Pianistin mit so viel Geist, Herz, Kenntnis und Könnerschaft, dass sie jedes Festival erfrischt und bereichert, an dem sie mitwirkt. Schirmer hatte im Jahr 2019 viel Aufmerksamkeit dadurch gefunden, dass sie historische Konzertprogramme der Pianistin und Komponistin Clara Schumann nachgestaltete und dadurch Kontext und Wirkung bekannter Werke ganz neu erhellte.

          Bei den Europäischen Wochen Passau übernahm sie nun Teile des Programms aus Chopins letztem Klavierabend und setzte sie in Beziehung zu Musik des Virtuosen Friedrich Kalkbrenner, dem Chopin sein erstes Klavierkonzert gewidmet hatte, sowie zu Werken von Clara und Robert Schumann. Denn so wie Robert den bewunderten Chopin in einer Miniatur seines Klavierzyklus „Carnaval“ op. 9 porträtierte, so integrierte Clara dessen Werke bis zum Schluss in ihre Klavierabende und verankerte ihn damit im Kanon.

          „So wenig Noten und so viel Musik!“, muss man nach der Mazurka B-Dur op. 7 Nr. 1 von Chopin sagen, besonders wenn Schirmer sie spielt: pointiert wie eine Causerie im Salon, mit einer leichten Dehnung auf dem Triller im dritten Takt, mit Punktierungen, die wirken, als würde beim Plaudern jemand karikiert (worin der Salon-Kabarettist Chopin ein Meister war: als Glanznummer galt seine Imitation Friedrichs des Großen). „So viele Noten und so wenig Musik!“, muss man nach Kalkbrenners Variationen über ebendiese Mazurka sagen: ein Geklingel an Schnörkeln, Terz-, Sext- und Oktavskalen, inhaltsleere Fingerfertigkeitsreklame, der Schirmer immerhin rhetorischen Aplomb und sängerischen Atem verleiht. Es ist gut, ab und an solche Musik zu hören, um zu wissen, gegen welchen mechanischen Murks Chopin und Schumann ihre pianistische Poesie behauptet haben.

          Ragna Schirmer moderiert ihren eigenen Klavierabend, spricht frei und doch druckreif, zugleich knapp, konzise, ohne Abschweifungen. Aus ihrer eigenen Nähe zur Sache stellt sie umstandslos auch für das Publikum Nähe zur Kunst her. Elf Millimeter betrage die Spieltiefe der Tasten auf einem heutigen Konzertflügel, nur sechs bis sieben Millimeter seien es auf einem Flügel der Chopin-Zeit. Das verkürze die Wege, mache andere Geschwindigkeiten möglich, erzeuge eine besondere Leichtigkeit. Aber im Mittelteil des h-Moll-Scherzos op. 20, wo Chopin das polnische Weihnachtslied „Schlafe, liebes Jesulein“ in H-Dur zitiert, hört man bei Schirmer auch die gesangliche, weit tragende Wärme in der Mittellage dieses Pleyel-Flügels, den Jonas Frank für diesen exquisiten Abend eingerichtet hat.

          Clara Schumanns vier Charakterstücke op. 5, das Werk einer Vierzehnjährigen, sind Miniaturen einer schwarzen, hoffmannesken Romantik. Im gleichzeitig entstandenen „Carnaval“ von Robert Schumann ließ Clara, wenn sie ihn später spielte, bestimmte Miniaturen aus, erzählt Schirmer: nämlich „Coquette“, das Porträt der Prostituierten Christel, mit der Schumann eine uneheliche Tochter hatte, die als „Replique“ gleich nach „Coquette“ auftaucht, sowie als dritte dann „Estrella“, Schumanns damalige Verlobte Ernestine von Fricken, die im nordböhmischen Asch lebte. Die Tonbuchstaben As-CH, Es-C-H-A und A-Es-C-H für ASCH und SCHumAnn tanzen durch diesen klingenden F-ASCH-ing. Das Konzert einer deutschen Pianistin in einem oberösterreichischen Schloss mit einem Zyklus, der auf eine böhmische Stadt anspielt, könnte kaum sinnfälliger und glücklicher für die Dreiländer-Idee der Europäischen Wochen Passau stehen, deren siebzigste Saison am kommenden Wochenende ihren Abschluss finden wird.

          Weitere Themen

          Wie eigens von Gott gesandt

          Salzburger Festspiele : Wie eigens von Gott gesandt

          Farben und Ausdruck von ungeheurer Intensität: Daniil Trifonov macht bei den Salzburger Festspielen Klaviermusik von Szymanowski, Debussy und Brahms zu einem Ereignis, auch wenn sich das Auftreten des Pianisten geändert hat.

          Topmeldungen

          Die EU-Länder haben sich vorgenommen, ihren Gasverbrauch um mindestens 15 Prozent zum Frühling zu reduzieren.

          Standpunkt : Wo ist die Energiestrategie gegenüber Russland?

          Es ist, als spielte Europa Schach mit bereits festgelegten Zügen, unfähig, auf Russlands Vorgehen zu reagieren. Dabei gibt es die Möglichkeit, das Heft des Handelns zu übernehmen. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.