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Radiohead auf Welttournee : Das große, seufzende Ganze

  • -Aktualisiert am

Leadsänger Thom Yorke während eines Konzerts der Band „Radiohead“ in der Lanxess-Arena in Köln Bild: Brill, Thomas

Die britische Band „Radiohead“ tourt seit dem Frühjahr um die Welt. Gerade ist sie auf dem Weg nach Neuseeland und Australien. Davor waren die Musiker um Thom Yorke für ein Konzert in Köln.

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          Auf dem gelben Transparent über der Unterführung an der Kölner Lanxess-Arena steht: „Udo Jürgens Köln feiert Radiohead DJ Bobo“. Angesichts dieser Einebnung der kunstsinnigen Schmerzenspopper in den hiesigen Kulturkonsens mag manchen Radiohead-Anhänger beim Gang zur Halle sicherlich linder Ekel überkommen, aber so sieht es nun mal aus: Die Rock-Verweigerer aus Großbritannien um den Indie-Außerirdischen Thom Yorke sind freilich auch nur Massen-Entertainment.

          Bloß für eine andere Masse. Vielleicht aber ist das am Ende das beste Kompliment, das man Radiohead nach ihrem Konzert in der mit elftausend Zuschauern gut gefüllten Schepperhalle machen kann. Es gelingt ihnen mit ihrer Musik, selbst diesen Banal-Bau, der eigentlich keine Schönheit zulässt, in einigen Momenten zur Kathedrale werden zu lassen.

          Phantastische Show für Auge und Ohr

          Vor Radiohead fluten aber zunächst Daniel Victor Snaith und sein Projekt Caribou die Halle mit ihrer abstrakten Alarm-Psychedelia. Man muss für Snaiths Musik wohl die richtigen Drogen dabeihaben, vielleicht rennen deshalb so viele Menschen immer wieder gen Toilette. Am Ende betreibt Snaith sogar Klatschanimation; es ist deutlich zu spüren, dass er schon ein bisschen länger mit Radiohead auf Arena-Tour ist: Mitklatschen beim Neo-Psychedelic-Konzert - toll! Grinsend wippt der Oberrang.

          Nach kurzem Umbau - der zum Bedudeln der Halle mit Versuchen in der Disziplin „intelligente elektronische Musik o.ä.“ genutzt wird - darf dann endlich dieser beispiellose Klangkörper namens Radiohead bestaunt werden. Und, ja, es ist tatsächlich pures Staunen, das die ersten fünfzehn Minuten prägt. Mit „Bloom“ vom Album „King of Limbs“ geht es los. Zwei Schlagzeuge zwischen Marsch, Jaki Liebezeit und Cumbia, darüber eine klingelnde Afrobeat-Gitarre und schließlich Thom Yorkes Gesang: „Open your mouth wide.“ Das Universum seufzt - darunter machen sie’s nicht.

          Auch die Bühnenbauten sorgen erst einmal für offenstehende Münder. Auf achtzehn quadratischen Projektionsflächen sind Detailaufnahmen der Musiker oder ihrer Instrumente zu sehen. Ein bisschen seltsam ist diese Aufsplittung ins Detaillierte schon, geht es bei Radiohead doch eben nicht um Einzelleistungen, sondern um das Erschaffen eines großen Ganzen. Trotzdem: „Beeindruckend“, möchte man fast denken, es ist, als befände man sich auf einer Elektronik-Messe und bekäme das Nonplusultra der modernen Musik-Visualisierung vorgeführt.

          Ein Sound namens Radiohead

          Doch gerade als der distanzierte Betrachter erwägt, sich dem Ennui anheimzugeben, wird das alles plötzlich egal. Es übernimmt endgültig mit Wucht die schiere Schönheit der Musik. „The National Anthem“ beginnt als böses Bass-Gebratze, es setzt ein Beat ein, der klingt wie „Krautrock trifft Talking Heads“, und Thom Yorke - mit neckischem Zöpfchen - rumpelstilzt über die Bühne wie der letzte übrig gebliebene Tänzer im leeren Elektro-Club. Bei „Reckoner“ wirft sich Yorke dann erstmals in seine Paraderolle und wimmert so schön wie ein angeschossener Engel. Kurz darauf wird ihm für „Pyramid Song“ erstmals sein Klavier in die Bühnenmitte geschoben.

          Es ist alles da an diesem Abend, was diese Band ausmacht: das freifliegend Genialische und das Aufgeblasene, das in seiner Interessantheit fast schon wieder Naheliegende und das Schöne. Das Beste aber: Es ist oft alles gleichzeitig vorhanden, gebündelt in einem Sound namens Radiohead, der mit jedem Stück zwingender wird. Was war noch gleich so schlimm an künstlerischer Ambitioniertheit?

          Am Ende, nachdem man nach drei Zugabenblöcken wieder erwacht ist und durch die unanheimelnd beleuchteten Gänge der Arena läuft, fragt man sich nur eines: Was soll diese Band noch machen? Eine Instrumentalplatte? Ein Country-Album? Sich auflösen? Ein Live-Album an der Akropolis aufnehmen und sich dabei von irgendeinem wilden Jungregisseur filmen lassen? Nein, einfach war es noch nie für Radiohead, zu keinem Zeitpunkt in ihrer Karriere. Aber andererseits: Udo Jürgens, DJ Bobo und die feierfreudigen Kölner haben’s auch nicht leicht.

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