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„Werther“ in Stuttgart : Das Geheimnis der Berührung

Im Tod vereint: Rachael Wilson und Arturo Chacón-Cruz Bild: Philip Frowein

Die Musik von Jules Massenet weiß von den intimsten Geheimnissen der Menschen, ohne sie heraus zu posaunen. Mit Rachael Wilson als Charlotte in „Werther“ an der Staatsoper Stuttgart gibt es eine ideale Sängerin dafür.

          3 Min.

          Rachael Wilson – diesen Namen muss man sich ab heute merken! Man kann den Blick und das Ohr nicht abwenden von dieser Sängerin. Sie sitzt in der Staatsoper Stuttgart auf dem weißen Manegenrund, das Katharina Pia Schütz als kargen Grundriss einer Beziehungsdruckkammer entworfen hat, und ist hin- und hergerissen zwischen Werther und Albert. Sie sagt nichts, sie singt nichts. Man sieht nur ihr Gesicht, auf dem ein hinreißendes Lächeln zum Zeichen des Kampfes wird. Sie ringt als Charlotte um Contenance inmitten einer furchtbaren Verstörung. Loyal will sie bleiben zu Albert, den zu heiraten sie der verstorbenen Mutter gelobt hat. Aber Werther, dieser begossene Pudel in viel zu großen Hosen und einem Seidenblazer mit hängenden Ärmeln (erdacht von Elke von Sivers), dieser Werther mit seinem roten Rosenstrauß hat sie angerührt: durch seine Offenherzigkeit, seine himmlische Begabung, berührbar zu sein für die ganze Welt und diese Nahbarkeit auch auszustrahlen.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber wenn Rachael Wilson dann doch noch singt, sich erst wehrt gegen die Komplimente von Werther, dann später ihrer Schwester Sophie von den Tränen erzählt, die geweint werden müssen, damit sie nicht nach innen, in die Seele fallen, bis alles verödet und man das Herz lähmt (wozu das Tenorsaxophon stöhnt wie ein in der Ferne sterbender Hund), dann geschieht ein Wunder: Rachael Wilson macht sich die Rolle der Charlotte ganz zu eigen – und zwar gegen den traditionell herrschenden Typus eines vollen, auch barmenden Mezzosoprans. Ihre Stimme hat nicht die sinnlich blühende Üppigkeit einer Brigitte Fassbaender oder einer Elina Garanča. Wenn Wilson singt, denkt man überhaupt kaum an einen Mezzosopran; eher erinnert sie an die Jugendzeit der Sopranistin Elly Ameling, die im französischen Repertoire eine exzellenzfundierte Hoheit ausstrahlte. Seidenmatten Glanz hat Wilsons helles Timbre. Auch bei den Nasalen schwingt die ganze Maske im Kopf beneidenswert mit. Ihre französische Diktion ist vorbildlich, die Dynamik überaus nuancenreich. Sie trägt nicht dick auf – und gerade deshalb passt sie so wunderbar zur Musik von Jules Massenet, die von den intimsten Geheimnissen des Menschen zu erzählen weiß, ohne sie herauszuposaunen.

          „Werther“ zeigt an der Staatsoper Stuttgart auch die Handschrift des neuen Intendanten Viktor Schoner, der die Musik am Haus – die guten Stimmen, die Sensibilität des Orchesters, dieses Mal überaus fein geleitet von Marc Piollet – wieder mehr stärkt, nachdem unter seinen Vorgängern die Dramaturgie alles beherrschte und man kaum den Versuch machen musste, in Stuttgart delikate Arbeit an der Musik erleben zu wollen. Auch der Albert ist mit dem polnischen Bariton Paweł Konik vorzüglich besetzt. Er strahlt eine vokale Noblesse aus, die ihm der Regisseur Felix Rothenhäusler nicht gönnt, wie er auch die zarte Eleganz von Aoife Gibney als Sophie szenisch abqualifiziert als geschäftsmäßige Gefühlskälte. Arturo Chacón-Cruz als Werther hat eine herzerwärmende Ausstrahlung, singt mit Kraft und schönem tenoralem Material, aber etwas unbedacht. Alles kommt offen aus der Kehle; er deckt die Vokale nicht von oben ab, setzt kaum verstärkende Resonanz in der Maske frei; auch sein Französisch verlangt noch etwas Nachbereitung. Er könnte stimmlich noch durch Arbeit an der Technik viel gewinnen; seine Naturgaben sind phantastisch.

          Der Regisseur Felix Rothenhäusler hat Massenets „Werther“ nach Johann Wolfgang Goethes Roman zu einem Thesenstück über die stress- und effizienzgetriebene Unfähigkeit des modernen Menschen, sich berühren zu lassen, gemacht. Diese thesenartige Zuspitzung geht auf Kosten der Nebenfiguren Albert, Sophie, auch des Amtmanns (mit Kraft, aber auch väterlicher Zartheit gesungen von Shigeo Ishino). Doch in sich ist diese Zuspitzung schlüssig und eindrucksvoll: Immer im Uhrzeigersinn, der Zeit hinterher, laufen die Figuren im Kreis, jagen sich, weichen einander aus. Berührung, Resonanz – das Programmheft bringt, durchaus hilfreich, einen Artikel von Hartmut Rosa und Martin Pfleiderer zur Theorie der sozialen Resonanz in der Musik – gibt es nur durchs Ausscheren aus dem Kreislauf, durch den Gang in die Mitte. Und das ist dann jeweils ein Erdbeben.

          Das Schlussbild verbindet den Theatereffekt mit einem denkerischen Coup: Charlotte und Werther liegen Kopf an Kopf auf dem Bühnenboden in einer Flut von roten Rosenblättern. Rothenhäusler erhebt diesen visuell verbrauchten Kitsch der Parfüm- und Dessouswerbung zur Kunst durch seine Herleitung aus der metaphorischen Verfremdung. Minutenlang hatte es Rosenblätter geregnet – anstelle des Schnees, der bei Massenet am Heiligen Abend fällt. Die Blätterflut ist dann das Blut, in dem Werther liegt, nachdem er sich erschossen hat. Nichts von dem wird gezeigt: der Schnee nicht, der Schuss nicht, das Blut nicht. Es gibt keine Abbilder und keine erzählerischen Verdopplungen. Aber es gibt das Sinnbild der Berührung und der überwältigenden Resonanz. Dafür darf es auch rote Rosen regnen.

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