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„Pussy Riot“ als Doku-Tanz : Feigheit ist die schlimmste aller Sünden

Die Kunst des Verhörs im Maschinenraum der Macht: „Pussy Riot“-Mitglied Maria Alechina kniet in „Burning Doors“ vor dunklen Schergen des Gewaltsystems. Bild: Alex Brenner

Das Belarus Free Theatre zeigt in Hamburg die Doku-Tanz-Performance „Burning Doors“ aus der Unterwelt des Putin- Regimes. „Pussy Riot“-Mitglied Maria Alechina spielt darin ihre eigene Geschichte.

          4 Min.

          Bei einem der wichtigsten Theater auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sind Kopf und Körper räumlich getrennt. Das Belarus Free Theatre, eine unabhängige Schauspielertruppe in Minsk, führt seine harten Dokumentardramen in Privatwohnungen und Garagen der weißrussischen Hauptstadt auf, doch die künstlerische Leitung lebt im Londoner Exil. Nikolai Chalesin, ein Journalist, der Stückeschreiber und Regisseur wurde, und seine Frau und Ko-Künstlerin Natalia Kaliada waren, weil sie 2010 an einer Protestdemonstration gegen Fälschungen bei der Wiederwahl des weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenka teilnahmen, verhaftet worden. Nach ihrer Freilassung flohen sie in den Westen. Was Chalesin und Kaliada keineswegs daran hindert, weiterhin mit dem Minsker Ensemble Stücke zu erarbeiten. Sie schalten sich per Skype zu den Proben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          So entstand die akrobatische Dokumentar-Tanz-Performance „Burning Doors“, die anhand der Erfahrungen des Aktionskünstlers Pjotr Pawlenski, des ukrainischen Filmregisseurs Oleg Senzow und Maria Alechinas von der Punkgruppe „Pussy Riot“ vorführt, welche unheimlichen Energien politische Repression produziert. Das Stück, das die Gefängnismaschine erleben lässt, die Systeme wie das von Wladimir Putin und Lukaschenka im Innersten zusammenhält, wurde jetzt im Rahmen des Festivals „Theater der Welt“ im Hamburger Kampnagel vorgeführt. Dass die anmutige Maria Alechina dabei als Darstellerin ihrer selbst auftrat, verlieh ihm anrührende Authentizität.

          Warum das Verhör eben keine Kunst ist

          Die ebenfalls von Chalesin entworfene Bühne ist eine kalt ausgeleuchtete Arena für ungleiche Kämpfe. Von einem Chromgerüst hängen bodenlange Seile. Die weiße Rückwand, auf der die deutschen Übertitel der durchweg russischen Dialoge leuchten, vergegenwärtigt mit drei rostigen Gittertüren die drei Strafverfahren gegen die Künstler. Aus einer tritt Alechina hervor, und während im Hintergrund ein fahles Schwarzweißvideo von dem wilden „Pussy Riot“-Punkgebet in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale läuft, wird sie im schwarzen Trikot wieder zur Gefangenen. Sie erzählt davon, wie die Häftlinge gedemütigt werden, etwa durch ausgiebige Leibesvisitationen. Die Schauspielerin, die dabei die Gefängnisgynäkologin verkörpert, verhöhnt sie mit süßer Stimme. Manchmal wird dabei – wie drei Schauspieler mit Alechina vorführen – das Oper auch am Seil aufgehängt.

          In dieser Unterwelt herrschen extreme Druckverhältnisse. Das Verhör von Pawlenski, dessen Aktion „Bedrohung“ mit dem brennenden Hauptportal der Staatssicherheitsbehörde dem Stück seinen Namen gibt, ist choreographiert als vielfiguriger Männerkampftanz. Wechselnde Darsteller intonieren den Dialog, während ihre muskulösen Körper quälend langsam miteinander ringen. Der Fahnder, der Pawlenski Kulturgutzerstörung vorwirft, versucht, den Künstler mit dessen eigenen Waffen zu schlagen. Ich bin auch ein Künstler, sagt er, meine Kunst ist das Verhör. Mein Publikum ist die Staatsanwaltschaft. Das ist schon falsch, widerspricht Pawlenski. Kunst wendet sich an die Welt, überwindet Grenzen. Außerdem gehe er selbst achtsam mit fremdem Leben um und malträtiere nur sich selbst.

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