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Puccinis „Tosca“ als Film noir : Knaben, Mafia und Pistolen

  • -Aktualisiert am

Ein Leben für die Kunst: Anja Harteros als Tosca Bild: dpa

Bei den Osterfestspielen in Salzburg erzählen Michael Sturminger und Christian Thielemann Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ als Film noir. Dabei leuchtet die Stimme von Anja Harteros in der Titelpartie.

          3 Min.

          Noch kein Ton ist gespielt im Orchestergraben, da gibt es auf der Bühne schon die erste Schießerei. Die Sirene eines Polizeiautos heult, Beamte in Splitterschutzwesten rennen durch eine Tiefgarage, ein Mann im weinroten Hemd streckt sie nacheinander nieder. Als es niemanden mehr zu erschießen gibt, entkommt er über eine Wendeltreppe und landet oben – der Bühnenaufzug hat sich gesenkt – in einer Kirche. Gesegnet die Kirche, die über eine eigene Tiefgarage verfügt!

          Beißender Pulverqualm im Salzburger Festspielhaus, wo ein Schild an der Tür das Mitbringen von Waffen untersagt: Dass er Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ als Krimi inszenieren wolle, hatte Michael Sturminger bereits im Vorfeld verraten. Wie ernst er es damit meint, bringt der Anfang sehr deutlich in Erinnerung. Erst sprechen die Waffen, dann die Musik, und als das Orchester mit Posaunenkrachen und Bassdüsternis loslegt, hat das nach der Schießerei etwas Kultiviertes, wie man es vom polternden Beginn dieses Stückes sonst nicht kennt. Ein Eindruck, den Christian Thielemann am Pult der Dresdener Staatskapelle den Abend über sorgsam weiterpflegen wird.

          Polizeichef Scarpia (Ludovic Tézier, Mitte) und seine Entourage (Mikeldi Atxalandabaso links, Rupert Grössinger rechts)
          Polizeichef Scarpia (Ludovic Tézier, Mitte) und seine Entourage (Mikeldi Atxalandabaso links, Rupert Grössinger rechts) : Bild: OFS/Forster

          Kein ordinärer Ton ist vom Orchester zu hören, so schlimm es in der Handlung auch zugehen mag, veredelt oder zumindest kontrolliert klingt hier noch jede grausame Regung. Dabei fordert Thielemann in fast unheimlich anmutender Disziplin nicht nur von den Bläsern Zurückhaltung, sondern auch von den Streichern, wenn man so will: von den Geschmacksträgern des Orchesterklangs. Recht diätisch ist der Eindruck dadurch besonders im ersten Akt, doch öffnet sich auch ein Blick mitten hinein in die Konstruktion von Puccinis Musik: Wie fein der Komponist die Stimmen übereinanderschichtet, wie er sie ineinander übergehen und sich wieder trennen lässt, wie in diesem kunstvollen Spiel auch die zweiten Stimmen noch tragende Rollen übernehmen und sie hier auch hörbar machen dürfen. „Tosca“ als Kunstwerk feiner Polyphonie: Das ist ein Zugang, wie er vielleicht nur einem Menschen nördlich der Alpen in den Sinn kommen kann.

          Und würde Thielemann seine analytische Kontrolliertheit nicht auch einsetzen, um sehr überlegt dramaturgische Schwerpunkte zu setzen, die umso bedeutender aus der Handlung herausragen, könnte man sich fragen, ob er mit seinem Ansatz denn wirklich so viel entdeckt bei Puccini – abgesehen von kompositorischer Kunstfertigkeit und instrumentaler Schönheit. Denn neue Bedeutungsebenen, die die Handlung auf der Bühne kommentieren, wie es die Vielstimmigkeit in den Opern von Richard Strauss leistet, ergeben sich hier kaum.

          Es bleibt besonders der Eindruck, wie sorgfältig und klar Thielemann diese „Tosca“ musikalisch erzählt. Sturminger tut es ihm auf der Bühne gleich – oder auch umgekehrt. Auf den schießwütigen Beginn folgt eine Inszenierung, die die grellen Effekte zunächst meidet. In einer Halbwelt, in der sich Klerus, Staatsmacht und Mafia die Hände reichen, spielt bei Sturminger die Handlung, düster ausgeleuchtet, in Rom verortet, wie es das Libretto verlangt, auch an den Originalschauplätzen, die Renate Martin und Andreas Donhauser leicht stilisiert und modifiziert (Tiefgarage!) ins Bild setzen. Eine Fotografie von Papst Franziskus, im dritten Akt an einer Wand zu sehen, erzählt davon, dass die unmittelbare Gegenwart gemeint ist.

          Eher Fiktion im Stil des film noir, weniger Realitätsbeschreibung dürfte Sturmingers römische Vision sein. Ludovic Tézier spielt und singt darin einen Polizeichef Scarpia, der seine Brutalität versteckt hinter seriösem Auftreten und einer Baritonstimme, die, schmeichelnd weich, gewinnend warm, für sich einnimmt. Umgeben ist er wie ein Mafia-Pate von schwerbewaffneter Entourage, die ihre Augen hinter Sonnenbrillen verbirgt.

          Das Außergewöhnliche im Gewand des Alltäglichen

          So weit entfernt dieser Scarpia von allem Trampeligen ist – die noble Staatskapelle ruft ihn musikalisch passend ja auch gar nicht erst auf den Plan –, so fern liegt Anja Harteros als Tosca alles Hysterische. Möglichst gewöhnlich soll diese Frau bei Sturminger sein, worin er wiederum einer filmischen Ästhetik folgt, die das Außergewöhnliche nur im Gewand des Alltäglichen zeigt. Als ein Fächer in der Kirche von der Anwesenheit einer möglichen Nebenbuhlerin erzählt, nimmt Tosca das mit einer zum Phlegma tendierenden Enttäuschung hin, und so jugendlich unschuldig und in berührender Weise ungekünstelt Anja Harteros später das berühmte „Vissi d’arte“ singt, mag man die blutige Tatkraft ihrer Figur, wie sie sich später zeigt, kaum zutrauen.

          Aus solch überraschenden, sehr präzise dargestellten Wendungen zieht Sturmingers Inszenierung ihre Kraft. So auch, wenn ihm zu Beginn des dritten Aktes eine bestürzende Interpretation gelingt für die Rolle des Hirten, den Knabensopran, der hier so seltsam traurig und gottverlassen im Morgengrauen singt. Bei Sturminger ist es der Schüler eines kirchlichen Internats. Die Kleriker aus dem Umfeld Scarpias sind die Betreiber. Zum Wecken streicheln sie den Knaben, die hier Pritsche an Pritsche liegen, noch die Köpfe, später kommen Scarpias Foltermänner hinzu und weisen die Schüler in den Gebrauch der Pistolen ein. An der Erschießung Cavaradossis sind sie beteiligt, eine brutale Wendung, die sich Sturminger leisten kann, weil er zuvor heftige Effekte vermied.

          Cavaradossi selbst kommt in der Inszenierung unter die Räder. Weniger Maler als Anstreicher scheint er zu sein, Aleksandrs Antonenko vermag ihm auch stimmlich kaum jene Noblesse zu verleihen, die ihn auf eine Stufe mit den anderen Hauptfiguren stellen würde. Scarpia ist dadurch der Gewinner, aber so muss es wohl sein in einem wirklich finsteren Film. Nächstes Jahr soll es weniger düster zugehen. Richard Wagners „Meistersinger“ stehen dann auf dem Programm der Osterfestspiele.

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