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Provokation am Broadway : Liebe bis zur Verständnislosigkeit

„Slave Play“ entfachte während seines Laufs am Off-Broadway einen Hype, der Madonna ebenso ins Theater gelockt haben soll wie Whoopi Goldberg und Scarlett Johansson. Bild: Matthew Murphy

„Slave Play“ von Jeremy O. Harris ist die jüngste und stärkste Provokation am Broadway. Mit seiner radikal witzigen Art räumt es mit Sklaverei und Rassismus auf – und ist trotz seiner Komik todernst.

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          Nur für einen, den ersten Augenblick, scheint die Szene eindeutig. Doch schnell wird klar, etwas stimmt hier nicht. Eine junge Frau in langen Röcken und Schürze, das Haar mit einem blauen Band nach oben gebunden, fegt die Bühne. Kaneisha heißt sie, und sie ist eine Sklavin auf der MacGregor-Plantage. Was nicht stimmt an diesem Bild, ist zunächst einmal ihre Twerking-Einlage zu Rihannas Song „Work“. Unvermittelt unterbricht das Lied die Fegerei, unvermittelt verstummt es kurz darauf wieder. Doch der Aufseher, der gerade zur Tür hereinkommt, hat den kurzen Tanz gesehen und will dreierlei: dass Kaneisha, die ihn Massa Jim nennt, erkennt, dass er anders sei als die Weißen im Herrenhaus; dass sie vom gerade gefegten Boden isst, der ihm nicht sauber genug erscheint; und dass sie die Röcke für ihn hebt, den Hintern kreisen lässt und seine Vergewaltigung als Liebesakt versteht. Was ebenfalls quer liegt zur vermeintlichen Eindeutigkeit der Szene, ist die Nervosität des Aufsehers. Und Kaneishas Schrei am Ende: „Call me your nasty negress!“, woraufhin Massa Jim erstarrt und seinerseits ruft: „Starbucks!“

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Es stimmt also eine Menge nicht an dieser Szene, mit der das in jeder Hinsicht erstaunliche „Slave Play“ von Jeremy O. Harris beginnt, das gerade am Broadway Premiere hatte. Allein die Leuchtreklame „Slave Play“ inmitten all der anderen auf der 45. Straße im Theaterdistrikt in unmittelbarer Nachbarschaft zu „Aladdin“, „Mama Mia“ oder „The Lion King“ ist eine Irritation. Schon die Tatsache dieses Schilds sei ein Erfolg, so meinen der Autor Jeremy O. Harris, der Regisseur Robert O’Hara und die Produzenten, die das Stück vom Off-Broadway hierhergebracht haben, nachdem es dort im vergangenen Winter für Aufsehen gesorgt hatte.

          Eine Spiegelwand und wenige Requisiten

          Aufsehen, weil Jeremy O. Harris dieses brüllend komische, grausame, sexuell explizite, provokante, mitreißende wie niederdrückende Stück noch als Student der Yale Drama School schrieb und zur Zeit der Premiere gerade einmal dreißig Jahre alt war. Aufsehen auch, weil der Regisseur Robert O’Hara sein ehemaliger Professor in Yale und seinerseits Theaterautor (unter anderem des ebenfalls unverschämt provokanten, ebenfalls urkomischen „Bootycandy“ vor einigen Jahren) ist, und „Slave Play“ während seines Laufs am Off-Broadway einen Hype entfachte, der Madonna ebenso ins Theater gelockt haben soll wie Whoopi Goldberg und Scarlett Johansson. Jetzt also prangt das Wort „Slave“ am Broadway, die Inszenierung ist die gleiche und auch die Besetzung, mit Ausnahme von Kaneisha. Sie wird am Broadway gespielt von Joaquina Kalukango. Und das Theater fasst statt knapp zweihundert Zuschauer wie Downtown annähernd neunhundert.

          Die Bühne besteht aus einer riesigen Spiegelwand, in der diese neunhundert Zuschauer sich, wenn das Licht entsprechend ist, selber sehen und darüber eine Zeile aus Rihannas Song: „nuhbody touch me you nuh righteous“. Gespielt wird vor diesem Spiegel, der einige Türen hat, wie sich herausstellt, mit wenigen Requisiten. Einem Tisch, dem Besen, einer Melone, einer Peitsche in der ersten Szene. Einem riesigen Bett, einer Geige, einem schwarzen Dildo in der zweiten. Einem Handwagen, ein paar Packen Baumwolle und wieder einer Peitsche in der dritten. Es geht nach der ersten ausdrücklich sexuellen Szene also weiter mit ebenfalls ausdrücklich sexuellen Duetten (oder auch Duellen): im Herrenhaus zwischen der Herrin und ihrem Haussklaven und neben der Scheune zwischen einem weißen Vertragsarbeiter und einem Sklaven, den die Plantagenbesitzer aus einer Laune heraus zu seinem Vorgesetzten gemacht haben. In jeder dieser Szenen stimmt etwas nicht, jede ist auf ihre Weise grausam und gleichzeitig urkomisch, und am Ende des ersten Akts ist auch klar, warum das so sein muss: Sie sind, was der Titel sagt: Slave plays, Elemente einer „Antebellum Sexual Performance Therapy“ für Paare, bei denen der schwarze Teil sexuell vom weißen Teil nicht zufriedengestellt wird.

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