https://www.faz.net/-gqz-7kkxf

Proteste gegen Valery Gergiev : Er heißt nicht Pontius Pilatus

  • -Aktualisiert am

Sein Name ist nicht Hase, aber er will trotzdem nichts wissen von den Menschenrechtsverletzungen in Russland: Valery Gergiev gibt sich betont unpolitisch. Bild: dpa

Von 2015 an soll der russische Dirigent Valery Gergiev die Münchner Philharmoniker leiten. Jetzt kommt es in der Stadt zu Protesten gegen ihn, weil er das Homosexuellen-Gesetz seines Freund Putin verteidigt.

          2 Min.

          Und Tschaikowsky? Dieser Zwischenruf vom Dienstag wird Valery Gergiev noch eine ganze Weile verfolgen. Wieder wurde gestern Abend gegen den russischen Dirigenten und Putin-Freund demonstriert, diesmal direkt vor dem Münchner Gasteig, wo er ein Strawinsky-Konzert mit den Münchner Philharmonikern dirigierte. Aufgerufen dazu hatte die Wählerinitiative Rosa Liste.

          Die Welle der Empörung westlicher Homosexueller, die Gergiev bereits in London und New York entgegenschlug und die ihn jetzt auch in der bayerischen Metropole einholt, ist ja keineswegs kleiner geworden durch die von der Stadt München eigens am Vortag einberufene Pressekonferenz. Sie hatte, so wünschte es sich Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers (SPD), zu einer „offenen Aussprache“ einladen und zur Besänftigung der Gergiev-Gegner dienen sollen.

          Nicht nur ein paar Aktivisten, auch ein breites Bündnis von Fraktionen im Stadtrat erwartet, dass sich Gergiev, der als designierter Chefdirigent von 2015 an Münchens Philharmoniker anführen soll, eindeutig distanziert von der Anti-Schwulen-Gesetzgebung in seiner russischen Heimat. Genau dies aber hat er nicht getan, nicht tun wollen.

          Keine Diskriminierung im eigenen Haus

          Gergiev verteidigte Putins Gesetz. Er gab zu Protokoll: Das Wort Homosexualität komme darin gar nicht vor; die Gesetzgebung sei vielmehr als Schutz vor Pädophilie gedacht. Sie verbiete „nichttraditionelle Lebensformen“ und untersage es, Kinder damit zu behelligen. „Mit Kindern sollte man eher über Puschkin und Mozart sprechen.“ Und da schallte es ihm entgegen: „Und Tschaikowsky?“

          New Yorker Schwulen-Demo im vergangenen September vor der Saisoneröffnung der Metropolitan Opera, bei der Gergiev dirigierte
          New Yorker Schwulen-Demo im vergangenen September vor der Saisoneröffnung der Metropolitan Opera, bei der Gergiev dirigierte : Bild: AP

          Peter Iljitsch Tschaikowsky ist nur der prominenteste Fall eines russischen Künstlers, der als Homosexueller unter gesellschaftlicher Ächtung litt, der verfolgt und in seinem Schaffen behindert wurde. Womöglich kostete es ihn sogar das Leben. Im Musik- und Opernbetrieb, das ist heute nicht anders als damals, sind gerade unter den Kreativen verhältnismäßig viele vom anderen Ufer,

          Gergiev selbst hat täglich mit homosexuellen Kollegen zu tun, als internationaler Pultstar ebenso wie als Chef des Mariinsky-Theaters, und dort in Petersburg, das betonte er wieder am Dienstagabend, in seinem eigenen Hause, dulde er keinerlei Diskriminierung. Nur: Für alles andere sei er „nicht zuständig“.

          Dieser Pilatus-Satz fliegt ihm jetzt um die Ohren. Die Kritik an Menschenrechtsverletzungen ist nicht aufteilbar in Sprengel oder Zuständigkeiten. Schon meldete sich Münchens Staatsopernintendant Bachler zu Wort und erklärte, sie gehöre zum „Fundament der Kunst“. Die Fraktion aus Freien Wählern, ÖDP und Bayernpartei stellte gestern in Münchens Stadtrat die dringliche Frage, ob es einen Plan B gebe für den Fall, dass Gergiev als designierter Orchesterchef politisch nicht haltbar sein sollte.

          Oberbürgermeister Ude (SPD) erklärte dagegen,  er halte die „mißverständlichen“ Äußerungen Gergievs „im Wesentlichen für ausgeräumt“.  Wie verlautet, hat der Stadtrat bekundet, er werde an Gergiev festhalten.  Aber es hilft alles nichts:Gergiev muss Freund Putin kritisieren. Jetzt. Öffentlich. Ist ja nur ein Wort.

          Weitere Themen

          Da herrscht das Chaos

          Briten zur Bundestagswahl : Da herrscht das Chaos

          In Großbritannien blickt die Presse nicht allzu hoffnungsfroh auf die Bundestagswahl. Manche machen das an Angela Merkel fest, die als überschätzt gilt. Ihr Erbe wird nicht nur bei den Euroskeptikern kritisch gesehen.

          Topmeldungen

          Verpuffte Reform : Wie groß wird der neue Bundestag?

          Der Bundestag hat eigentlich 598 Sitze, doch derzeit sitzen dort 709 Abgeordnete – und nach der Wahl könnten es noch viel mehr sein. Wir erklären Schritt für Schritt, wie das kommt und was bisher dagegen unternommen wurde.

          Haitianer-Camp aufgelöst : Biden gibt nicht nach

          Der amerikanische Präsident Joe Biden schiebt Tausende Migranten nach Haiti ab, wo nach wie vor Chaos herrscht. Das Camp in Del Rio wurde aufgelöst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.