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„März“ & „Die Jagd nach Liebe“ in München : Sollen die Künstler denn krepieren?

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Es ist zum Händeringen: In den Münchner Kammerspielen wird Heinar Kipphardts Roman „März“ dramatisiert Bild: Julian Röder

Wie gehen die Theater mit Unangepassten um, angeblich ihren Lieblingsfiguren? Sie vernichten sie - brutaler, als es jede Gesellschaft vermöchte. Beispielhaft zu erleben in zwei Münchner Premieren.

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          Zwei Künstler. Ziemlich auffallend. Denn ihr Material ist nicht Leinwand, Farbe, Stein, Papier und Klang. Ihr Material ist allein: ihr Leben. Der eine heißt Claude Marehn, stammt aus dem Jahr 1903, ist eine Figur aus dem rauschhaften Roman „Jagd nach Liebe“ von Heinrich Mann. Der andere heißt Alexander März, stammt aus dem Jahr 1976, ist eine Figur aus dem dokumentarischen Roman „März“ von Heinar Kipphardt.

          Claude, unermesslich reicher Alleinerbe windiger Münchner Bauspekulanten, schneidet die ganze, große Welt der großbürgerlichen Décadence auf eine Frau, eine Schauspielerin zu, die ihn nicht liebt, der er dennoch sein Geld, seine Liebe, sein Leben nachwirft - in der er aber nur sich, seine Begierden und Wünsche anbetet. Als sei er in ihr und durch sie ein anderer, von sich Abgespaltener. Bis zum Untergang. Claude stirbt an Auszehrung. Ende eines schizoiden Lebensverdichters. Heinrich Mann, der Bürgerkritiker, setzt dem bürgerlichen Antibürger Claude ein Epitaph.

          März, unermesslich armer Erbe dumpfer schlesischer in den Westen geflohener Spießer, schneidet die ganze große Welt kleinbürgerlicher Dumpfheit auf sich zu und wirft ihr seine Phantasie, seine Verdrehtheit, seine Wut entgegen, als sei er in diesem Wurf ein ganz anderer, von sich Abgespaltener, in dem er seine ganz anderen Möglichkeiten, Begierden, Wünsche, Verrücktheiten und Verwundungen anbetet. In einer buchstäblich aus der Welt gerückten verrückten Sprache. Was die Welt mit der Einweisung in die Psychiatrie quittiert. Bis zum Untergang.

          Zwei theatralische Vernichtungen von Außenseitern

          Der schizophrene März bringt in der Liebe zum ebenfalls psychiatrisierten Mädchen Hanna ein einziges Mal den einen März und den anderen März in sich zur Deckung. Flieht mit ihr glücklich auf eine bukolische Alm. Aber die psychiatrischen Häscher reißen sie wieder aus der Idylle. März steigt nackt in einen Apfelbaum, übergießt sich mit Benzin. Zündet sich an. Ende eines Lebensverdichters. Sein ihm zugewandter Anstaltsarzt Dr. Kofler hat’s aufgeschrieben. Heinar Kipphardt, der linke Dramatiker und Dramaturg („Bruder Eichmann“, „In der Sache J. Robert Oppenheimer“), der auch gelernter Psychiater war und von 1922 bis 1982 lebte, setzt dem Psychiatrie-Opfer März ein antipsychiatrisches Epitaph.

          Claude und März, die beiden Außenseiter, sind jetzt auf zwei Münchner Bühnen zu sehen. Claude im Marstall des Bayerischen Staatsschauspiels, wo Barbara Weber „Die Jagd nach Liebe“ von Heinrich Mann in Szene zu setzen versucht hat, März in der „Spielhalle“ der Münchner Kammerspiele, wo der regieführende Hausherr Johan Simons laut Programmheft-Auskunft die Geschichte des mit einer Hasenscharte geschlagenen Alexander März privat zu nehmen gedenkt: „Es interessiert mich nicht, einen Patienten oder ein wahnsinniges Genie zu zeigen. Für mich ist ,März‘ die Geschichte meines Vaters, der ebenfalls eine Hasenscharte hatte.“ Als bekomme er seine öffentlichen Gelder dafür, um im Familienalbum zu blättern.

          Abgesehen davon, dass weder Weber noch Simons von den Romanen, die sie da dramatisieren, irgendeinen literarischen Begriff zu haben scheinen, Weber nur ein klapperiges Ungefähr-Handlungsskelett aus Manns Epos herausschnitzt, Simons nur den „Nachtrag“ von Kipphardts Roman, also die dokumentarischen Splitter der Almflucht- und Käse-Szenerie, benutzt und die ganzen großen gesellschaftlich-biographischen Schreckensherleitungen und Kindheitskatastrophen, die Dr. Kofler aus der Patientenakte von März zitiert, unterschlägt, sieht man zwei theatralischen Vernichtungen von Außenseitern zu. Das Theater, eigentlich dazu da, solche Figuren wie Claude und März, die ihren Schmerz, ihre Liebe, ihre Tollheit und Widerständigkeit im Übermaß verschwenden, zu feiern oder wenigstens zu verstehen, nimmt sie am Schlawittchen. Und tunkt sie ein.

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