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„März“ & „Die Jagd nach Liebe“ in München : Sollen die Künstler denn krepieren?

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Claude wird im Marstall zwischen Plüschsofaecke, Goldlamé- und Revuekulissen zu einem krähenden Dünnbart-Kasperl im türkisen Glitzersamtanzug. Ein harmlos bunter Springinsrund. Seine geliebte Ute ist eine Art gedrungene Rotmähnen-Löwin im kurzen Schwarzen mit Reibeisenstimme. Nichts von Décadence, alles von Mesalliance. Zusammen mit Mimenkollegen, die wie aus dem Studententheater (Proseminar-Fasching) entlaufen scheinen, hüpft man durch eine Szene, in der alles Pappe, nichts Substanz ist. Dass Claude trunken vor Schönheit, berauscht von Liebe, wahntoll von Verschwendung ist, sieht man hier nicht.

Höllenfahrt in einen Gesellschaftsabgrund

Bei Heinrich Mann beglaubigt so was ein alles durchschauender Erzähler. Für ihn findet man im Marstall keinen szenischen Ersatz. Außer den armen Claude selbst, der sich und alles andere schnell haspelnd erklärt, so à la „Hallo, ich bin der Claude und habe ein Problem“. Das Theater, das er seiner Ute am Ende baut, um sich damit völlig zugrunde zu richten, präsentiert er gleich von Anfang an sinnloserweise „den sehr geehrten Damen und Herren“ im Publikum. So hat er gleich sein Pulver verschossen.

Dass bei Mann eine Höllenfahrt in einen Gesellschaftsabgrund hinein stattfindet, sieht man hier schon wegen eines völligen Mangels an Gesellschaft nicht. Dafür ein paar plumpe Gags: Opernzitate („Manon Lescaut“ von Puccini) samt Übertiteln. Manns seelenwunder Claude hat gegen den das Maul zum Playback aufreißenden Marstall-Claude keine Chance. Zumal sich Manns Sprache schön lesen, aber wohl so schwer sprechen lässt, dass die Münchner Schauspieler nur an sie heranzuschreien vermögen. Die Tralala-Vernichtung eines Außenseiters. Hallodri-Kitsch statt Manns Schärfe.

Szene aus „Die Jagd nach Liebe“ in der Münchner Inszenierung

Ein paar hundert Meter weiter in den Kammerspielen: die Plansch-Vernichtung eines Außenseiters. Man sitzt in der „Spielhalle“ des Hauses im hoch ansteigenden getreppten Viereck um ein tief drunten liegendes, grau gestrichenes Bassin herum, in dem der Schauspieler Thomas Schmauser in grauer Pudelmütze, grauem Pullover und grauer Hose, die er dauernd an- und auszieht, und schon auch mal nackt sich durch die Zuschauerreihen auf den Treppen zwängt, wie ein total Durchgedrehter schreiend, keifend und tobend ins Wasser schmeißt. Wenn er seiner geliebten Hanna gerade nicht an die geblümte Wäsche geht.

Ewige Verlängerung des elenden Theaters

Man sieht in Schmausers Verrückten-Schmiere nicht den von der Gesellschaft ausgestoßenen Phantasten, der in seiner Sprache, seinem Leben und seiner Kunst eine Gegenwelt aufbaute und dafür die Ruhe und die Nachdenklichkeit brauchte, die Kipphardt ihm human spendiert: als einem Dichter des Leisen und Querständigen. Vielmehr scheint dieser schreihalsige, bassinwassersaufende, seinen Pimmel begutachtende und wortverschluckende Durchgeknallte wohl völlig zu Recht psychiatrisiert und weggesperrt.

Das Theater hält sich die Figur rotzig vom Leib. Kein Verständnis. Keine Form. Nur tiefe Verachtung. Eine Folter eigentlich. Die umso folteriger wird, als Simons das Ganze, wenn es eigentlich fertig wäre, von vorn beginnen lässt. Ewige Verlängerung, aber nicht des Elends des armen März, sondern des elenden Theaters. Dass Sandra Hüller als Hanna mit zäher Zartheit (hie und da gar mit poetischer Sanftheit und Nüchternheit) und Sylvana Krappatsch als hie und da aus Akten zitierender Dr. Kofler mit hilflosem Gelächel dem Tob- und Planschsüchtigen assistieren, ändert nichts an dessen Erniedrigung, zumal Hanna am Ende dem Planschbecken erliegt und im aufsteigenden Nebel verschwindet. Sauerkitsch statt Kipphardts engagierter Humanität.

Zweimal drückt sich in München das Theater völlig lieblos vor denen, die eigentlich seine Lieblinge sein sollten. Es interessiert sich nicht für sie. Es dreht sich nur um sich selbst. Und wird, wenn es so weitermacht, wohl irgendwann auch in sich selbst verschwinden. Dass am Ende das Wasser aus dem Bassin in der „Spielhalle“ gurgelnd wieder abgesaugt wird, ist ein schönes Bild dafür.

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