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Frankfurter Premieren : Nabelschau am Blutwursttag

Der Misanthrop und Familentyrann: Wolfram Koch als Theatermacher Bruscon im Schauspiel Frankfurt Bild: Thomas Aurin

Frankfurter Doppelpremiere: Das Schauspiel befragt mit Thomas Bernhards „ Der Theatermacher“ und „Ode“ von Thomas Melle die eigene Zunft nach ihren Grenzen und Gesetzen.

          4 Min.

          Kann es Zufall sein, dass am Frankfurter Premierenwochenende gleich zwei Stücke zur Aufführung kommen, die sich im Theater mit dem Theater, der Kunst an sich beschäftigen? Wohl kaum. Durch die Pandemie waren die Häuser für Monate verriegelt und also gezwungen, sich vor allem sich selbst zuzuwenden. Neben Hygienekonzepten, die es auszutüfteln galt, hatte die unfreiwillige Nabelschau, die dramatische Selbstbefragung durchaus etwas Existentielles: Wo sich verorten in der Gesellschaft, wie weitermachen, wenn es keine Aufführungen, kein Publikum gibt, und was überhaupt ist und will Theater heute sein? Zumal die robuste Selbstverständlichkeit der Bühnenlandschaft ja nicht erst im vorigem Jahr einen Knacks bekommen hat. „Wenn wir ehrlich sind, ist das Theater an sich eine Absurdität“, heißt es bei Thomas Bernhard.

          Sandra Kegel
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Mit Thomas Melles Diskursstück „Ode“, einer 2019 uraufgeführten Auftragsarbeit für das Deutsche Theater, kam am Samstag mit Studenten der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in den Kammerspielen die erste künstlerische Introspektion zur Aufführung. Tags drauf wurde im großen Haus Thomas Bernhards moderner Klassiker „Der Theatermacher“ von Herbert Fritsch inszeniert. Melle, der sich spätestens mit dem Roman „Die Welt im Rücken“ in die erste Reihe der deutschsprachigen Literatur geschrieben hat, geht in seinem Lehrstück die Frage nach der Freiheit der Kunst am Beispiel einer provokanten Skulptur namens „Ode an die alten Täter“ an und stellt sich mitten hinein in die derzeit heißumkämpfte Debattenzone. Galt Yasmina Rezas Augenmerk in den neunziger Jahren in ihrem ähnlich ausgerichteten Stück „Kunst“ ästhetischen Fragen, ist es Melle um die politische Ausdeutung, ja die Politisierung von Theater zu tun. Zwei Gruppen treten bei ihm in den Ring, die sich über mehrere Jahre an der künstlerischen und biographischen Hinterlassenschaft der Konzeptkünstlerin Anne Fratzer (Anna Bardavelidze) abarbeiten.

          Theater um die Theaterkrise?

          Der offenkundig rechten Vereinigung „Wehr“, die „Originalkonflikte“ und „Originalkostüme“ einfordert und in jedem Kunstwerk „marxistischen Gehalt“ wittert, steht eine Gruppe gegenüber, die zwar Teil der Künstlerboheme oder jedenfalls mit diesem Anspruch ausgestattet ist, zugleich aber nicht minder dezidierte Forderungen an die Kunst stellt: Geht es den einen um Brauchtum und Nationales, befragen die anderen Repräsentanz, wer wen auf der Bühne verkörpern, was wie gezeigt werden darf. „Wir sind wir und stellen nichts mehr dar“, sagt eine Schauspielerin während einer Probe zum Regisseur, der vergeblich auf Ambivalenz pocht.

          Fenna Benetz, Nina Plagens und Sabah Qalo in „Ode“ von Thomas Melle, in Frankfurt inszeniert von Anne Bader
          Fenna Benetz, Nina Plagens und Sabah Qalo in „Ode“ von Thomas Melle, in Frankfurt inszeniert von Anne Bader : Bild: Jessica Schäfer

          Die Kunst steht von nationalen Rechten hier ebenso unter Beschuss wie von linken Moralisten. „Das ist also das Ende des Theaters, wie wir es kennen“, wird schon im Prolog das Theater abmoderiert. Und auch am Frankfurter Folgeabend wird in Thomas Bernhards Theaterschmäh um einen abgehalfterten Staatsschauspieler, der in der Provinz – „Utzbach wie Butzbach“ – seinen Größenwahn austobt, die Hybris seiner ganzen Zunft bloßgestellt. Als Provokation funktionierte das zweifellos zu einer Zeit, als die Stellung des Theaters unangefochten war. Das Stück, 1985 von Claus Peymann während der Salzburger Festspiele uraufgeführt, sorgte damals für Aufsehen. Aber heute?

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