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Premieren in München : Wehrt euch, sonst tut es jemand anders

  • -Aktualisiert am

Kleists „Die Verlobung von St. Domingo“ eröffnet am Bayrischen Staatstheater gemeinsam mit zwei anderen Stücken die aktuelle Spielzeit und gibt alten Konflikten ein modernes Gewand. Bild: © Andreas Pohlmann

Das Bayerische Staatsschauspiel beginnt seine neue Spielzeit mit Inszenierungen nach Peter Weiss und Heinrich von Kleist und einem Stück von Sulayman Al Bassam. Die Gegner heißen Maßlosigkeit, Machtgier, Martyrium und Vergeltung.

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          Der Unterschied zwischen einer Revolution und einer Gegenrevolution ist, dass die Revolution zuerst da war, was für deren Ausgang jedoch keine Rolle spielt. „Ich bin die Revolution!“, ruft der Sozialist Jean Paul Marat. „Ich bin die Revolution!“, ruft seine Mörderin Charlotte Corday. So stritten die beiden morgen noch, hätte das Theater nicht den Szenenwechsel erfunden. Die gespielten Revolutionäre trollen sich protestlos. Die Botschaft ist ohnehin angekommen: Wehrt euch! Sonst tut es jemand anders.

          Der nächste Abend, dieselbe Stadt: Über eine andere Bühne wird eine meterlange Lunte gespannt. Die Lunte fängt Feuer – von beiden Seiten. Zum Verwechseln ähnlich verschlingen die zwei kriegerischen Fronten ihren Weg. Doch wo die beiden züngelnden Flammen sich treffen, wird es dunkel. Weiter nichts. Eine Zündschnur mit zwei brennenden Enden – wer macht denn so was? Das Theater. Und die Botschaft ist angekommen: Was haben wir aus viertausend Jahren Krieg gelernt? Nichts.

          Das Argument ist die Andersartigkeit

          Der dritte Abend, dieselbe Stadt: Auf einer weiteren Bühne wechselt eine merkwürdige Kopfbedeckung fortwährend ihren Träger. Wer diesen neongrünen Totenkopf besitzt, erlangt die Macht, im Kräftemessen um die „richtige“ Hautfarbe. Dieser Trick funktioniert natürlich nur auf dem Theater. Aber die Botschaft ist angekommen: Das Argument, um gegen den anderen zu kämpfen, ist seine Andersartigkeit.

          Drei Premieren läuten die neue Spielzeit am Bayerischen Staatsschauspiel ein und fahren starke Gegner auf. Die heißen Wille und Maßlosigkeit, Erinnerung und Machtgier, Liebe und Martyrium, Verstand und Skrupellosigkeit, Gerechtigkeit und Vergeltung, und sind manchmal sogar in ein und derselben Figur zu finden. Ein Konflikt steht dabei immer und sehr heutig im Raum: der zwischen Individuum und Politik. Und damit verbunden die Frage nach dem Feind im Spiegel.

          Das ist der Geist von Freiheit und Gleichheit der Französischen Revolution, den Peter Weiss 1963 von seinem Stockholmer Exil aus hinterfragt: im Zweiakter „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“. Das ist das Verhängnis der fehlinterpretierten, für Glaubenskriege instrumentalisierten und mutwillig zerstörten Kulturschätze, deren Jahrtausende überspannende Geschichte der kuweitische Theatermacher Sulayman Al Bassam in seinem Drama „Ur“ zur Uraufführung bringt. Und das ist das giftige Gespenst der Sklaverei, welches die barbarische Revolte als selbsterfüllende Prophezeiung sät. Eine Saat aus Misstrauen, die 1811 in Heinrich von Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ nur zu gut aufgeht, weil dort nach „Rasse“, nicht nach Gut und Böse unterschieden wird.

          Einstige Schullektüre

          Warum es diese einstige Schullektüre auf die Bühne des Cuvilliéstheaters geschafft hat, wird klar, sobald sich dort eine farbige Frau von den Bedrängungen dreier Albtraumwesen frei gemacht hat und Marie-Christiane Nishimwe im Gewand von Delacroix’ „Freiheit“ mit glasklarer Stimme die Bach-Kantate „Ich habe genug“ anstimmt. Es wird deutlich, wenn von Abschiebung nach Afghanistan die Rede ist, wenn die Figuren wie lebendige Denkmäler die Fotos haitianischer Revolutionäre auf ihren Oversize-Shirts tragen, sogar wenn ein Ballon mit dem lächelnden Foto von Horst Seehofer (alias Congo Hoango) dafür herhalten muss, die Flüchtlingspolitik des Hausherrn im Rokokotheater mit der Kompromisslosigkeit des Hausherrn in Kleists Novelle zu vergleichen. Und in Überlänge wird es deutlich, wenn Thomas Schmauser als auferstandener Michael Jackson den Kleist-Text rezitiert und dabei choreographiert, als sänge er gerade „Black or White“.

          Einen geräumigen Assoziationsteppich flickt Regisseur Robert Borgmann da zusammen: Kleist als kritisches Diskursmaterial. Während er live den elektronischen Sound beisteuert, kreist seine „Verlobung“ um Heiner Müllers „Auftrag“: „Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution“. Die Warnung vorm revolutionären Blutvergießen und der sich wiederholenden Geschichte wird indes auf einer anderen Bühne deutlicher.

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