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Theaterpremiere in Berlin : Wir sind keine Zeitgenossen!

Beim Reden kann man am besten zuhören: Milan Peschel als Arbeiter Lutz und Martin Wuttke als Arbeiter Klaus in René Polleschs „Und jetzt?“ Bild: Apollonia T. Bitzan

Rene Pollesch wirft einen wehmütigen Blick in den zerkratzten Garderobenspiegel der Volksbühne. Seine Inszenierung von „Und jetzt?“ hat alles, was Theater braucht: drei Schauspieler und eine Gewissheit.

          3 Min.

          Und dann läuft man die nächtlichen Berliner Straßen entlang, Torstraße, Rosenthaler, Auguststraße – und liest die Slogans der neu eröffneten Restaurants: „Contemporary Pizza“, „Vegan Burger Culture“, „Natural Superfood“. Weiter vorne strahlt das Licht so gleißend aus der hellerleuchteten Apple-Store-Kathedrale, als fände die Energiekrise auf einem anderen Planeten statt. Die Displays blinken, die Werbung wirkt – ein junges Paar steht andächtig davor und deutet auf seine Sehnsüchte. Und jetzt? Was soll noch kommen? Wie geht das alles weiter? Geschichte? Dialektik? Revolution?

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          „Und jetzt?“ heißt die neuste Theateretüde des alten Theoriehasen und neuen Volksbühnen-Intendanten René Pollesch. Es geht darin um zwei Facharbeiter des Petrolchemischen Kombinats Schwedt (PCK), die an einem lauen Sommerabend für das betriebseigene Arbeitertheater ein kritisches Lehrstück mit Namen „Horizonte“ proben. Vom Nachtwächter (mit echter Arbeitertheatererfahrung: Franz Blei) überrascht, kommen sie stattdessen bald auf den Einfluss der elektronischen Datenverarbeitung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und auf die Gefahr eines Spießbürgertums zu sprechen, das ganze Straßenzüge absperrt, nur um beim feierabendlichen Inlineskating eine Ahnung von Freiheit zu bekommen.

          Von Selbstprovokation, von Widersprüchlichkeit keine Spur mehr. Was also tun, in einer Gesellschaft, „die zum Kühlschrank geworden ist“? Das fragen sich Lutz und Klaus, die beiden Schwedter Arbeiter in ihren Overalls, auf ihren weißen Plastikstühlen, mit ihren Kippen in der Hand. Agitprop, das war einmal. Heute geht nur noch das bionadenernste Moralhappening. Oder eben die ironische Retrospektive.

          Mal mit ein bisschen Badminton-Spiel

          Alles, was Martin Wuttke als Klaus und Milan Peschel als Lutz an diesem Abend sagen, alles, was sie sich an Gedankensplittern z schlenzen oder als Geschichtsstückchen vorkauen, dient nur dem einen, auf ewig unerreichbaren Ziel: gegen das sinnlose Schweigen anzuplaudern, denn „beim Reden kann man am besten zuhören“. Der Anspruch des anderthalbstündigen Abends ist die ständige Antwort. Keine Frage darf offen, keine Meinung unkommentiert bleiben. Wuttke und Peschel treten von Beginn an als redseliges Kneipenpaar auf, als zwei in die Jahre gekommene Kollegen, die sich gegenseitig die Welt erklären, mal mit deklamierten Parteidoktrinen, mal mit ein bisschen Badminton-Spiel – und sie tun das gar nicht schlecht. Vor allem der Anfang und das Ende (die Mitte sackt kybernetisch etwas ab) wird getragen von einer unterhaltsamen Mischung aus lebensweltlicher Sentimentalität und theoretischem Anspruch.

          Die drei von der Schwedter Tankstelle: Franz Beil, Milan Peschel und Martin Wuttke
          Die drei von der Schwedter Tankstelle: Franz Beil, Milan Peschel und Martin Wuttke : Bild: Apollonia T. Bitzan

          Peschel treibt den manchmal etwas zu selbstgenügsamen Wuttke auf kollegiale Weise an, schickt ihn quer über den von Anna Viebrock wiederaufgebauten Freizeitbereich des PCK-Werks mit Schwimmbad und Zuschauertribünen, lässt ihn rhetorisch auflaufen, bringt ihn während des Sprechens zum Lachen, umarmt ihn gegen seinen Willen. Denn: „Wer gegen sich selbst denkt, weiß, dass es einen Rest gibt, der nicht vom Denken zerrissen wird“ – immer wieder tauchen aus der welligen Oberfläche des Privatdiskurses kleine Kurzplädoyers zum Wert des Dialektischen auf, wie Kassiber wirken sie, heimlich hineingeschmuggelt zwischen all dem Stoff und Mitgeteiltem, den „Zetteln mit Eselsohren“.

          Es ist angerichtet: Milan Peschel, Martin Wuttke, Franz Beil
          Es ist angerichtet: Milan Peschel, Martin Wuttke, Franz Beil : Bild: Apollonia T. Bitzan

          In Wahrheit steckt hier die entscheidende Nachricht dieses spielfreudigen Abends: Lasst uns die Lust am Zweideutigen nicht verlieren! Auffällig und geradezu provokant ist der Verzicht auf jede tagespolitische Anspielung. Alles ist hier historisch oder überzeitlich gemeint. Der geschichtliche Rahmen wird mehrmals kenntlich gemacht: 1968 schrieb der Autor Gerhard Winterlich für das Arbeitertheater Schwedt das an Shakespeares „Sommernachtstraum“ angelehnte Stück „Horizonte“, das im folgenden Jahr von Benno Besson und Heiner Müller für die Volksbühne adaptiert wurde. Schwedt und lauer Sommernachtstraum – das klingt heute, wo in der versehrten Stadt im Osten Deutschlands tausende Arbeiter eben jenes PCK-Werks um ihre Arbeit fürchten, weil ihre Raffinerie direkt vom Ölembargo betroffen ist, fast schon sarkastisch.

          Als würde das Berliner Hauptstadttheater sich für das wahre Schicksal der Arbeiter dort nicht interessieren, sie stattdessen nur als Folienfiguren nehmen für eine kleine unterhaltsame Retroshow mit Blitzlichtgewitter und Louis de Funes-Filmmusik. Diesen Vorwurf kann man dem Abend durchaus machen und sich dabei – ebenfalls retrohaft – ausmalen, wofür Polleschs Vorvorgänger Frank Castorf wohl den Stoff genutzt hätte: wahrscheinlich für brachiale Bundesrepublikkritik.

          Wir sind nie Zeitgenossen!

          Aber man kann Polleschs Pointenparalando auch freundlicher werten und aufnehmen – nämlich als unermüdliche Suche nach dem verlorenen Groschen. Und dieser Groschen heißt bei ihm nach wie vor: Pathos, heißt Tragik, heißt Theater, wie es einmal war. Im Grunde, so erklärt Wuttkes Klaus mit entwaffnender Naivität, sei doch alles immer schon vergangenen, wenn es auf die Welt komme: der Satz schon gedacht, der Blick schon geworfen, das Licht immer schneller als das Bild. „Also sind wir nie Zeitgenossen“.

          Polleschs Theaterabende sind wie letzte lächelnde Blicke in den zerkratzten Spiegel einer von allen Stars und Sternchen verlassenen Garderobe – ein kleines spielerisches En Passant mit schöner Musik und ein paar Theoriekritiken zwischendurch. Ohne Mikroports, ohne Kryptowährungen. Dafür: drei Schauspieler, eine Souffleuse und die Gewissheit: „Man muss mit so vielem fertig werden.“ Beim Gang durch die nächtliche Konsummeile hilft sie nicht. Da bleibt und treibt nur die Frage vom Anfang: „Und jetzt?“

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