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Prager Staatsoper : Keine Oper wie jede andere

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Eine Ausstattung, die das Auge erfreut, aber niemals ablenkt: Blick in den renovierten Saal der Prager Staatsoper Bild: dpa

Sie ist ein internationaler Ankerplatz: In Prag wurde nach drei Jahren Renovierung die kulturell hochbedeutende Staatsoper wiedereröffnet. Jetzt erstrahlt sie wieder in altem Glanz – gespickt mit hochmoderner Technik.

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          Ein neues Schmuckstück in einer an Schmuckstücken überreichen Stadt ist sie geworden. Die frisch renovierte Staatsoper in Prag. Am 5. Januar wurde das Gebäude in nächster Nähe zum Hauptbahnhof nach drei Jahren Renovierungsarbeiten wiedereröffnet. Natürlich hatte man den Tag sorgfältig gewählt. Am 5. Januar 1888 war das Haus als „Neues Deutsches Theater“ eingeweiht worden, mit Wagners „Meistersingern“ als Prager Erstaufführung. Und so gab es den Plan, mit dieser Oper auch die Wiedereröffnung zu begehen. Auf diesen ganz großen Auftakt wurde aber verzichtet, weil nicht sicher war, ob wirklich alles funktioniert.

          Das Galakonzert zum Anlass mit dem Orchester der Staatsoper unter der Leitung seines seit dieser Saison amtierenden Chefdirigenten Karl-Heinz Steffens war dann mehr als nur ein Platzhalter. Klug hatte man ein konzertantes Schaufenster arrangiert mit allem, was Ensemble und Orchester leisten können und leisten werden. Arien und Szenen aus tschechischer, italienischer, russischer und deutscher Oper, von Mozart bis Martinu. Die Staatsoper in Prag, so sagte ihr neuer Intendant, Per Boye Hansen, solle der Ort für das große internationale Repertoire werden. Und dafür sei nun, nach drei Jahren Arbeit, die Bühne bereitet.

          Endlich, so sind sich alle Zuständigen einig, befinde sich das Haus wieder in dem Zustand, in dem es bei seiner ersten Eröffnung gewesen sei. Neo-Rokoko, Stuck, Wandbespannungen aus Tuch und Sitzpolster aus Samt, nunmehr verbunden mit LED-Beleuchtung, Klimatisierung, Glasfaser und Informations-Technologie. Das Beste aus zwei Welten; die Pracht der Vergangenheit und der Komfort, der technische Stand unserer Zeit. Selbst der Bühnenvorhang wurde nach dem historischen Vorbild rekonstruiert. Vermutlich hatte man nur eine Wahl gehabt: irgendwann den Spielbetrieb einzustellen, weil so vieles in einem in die Jahre gekommenen Theater (zuletzt war es 1970 technisch überholt und nach dem Geschmack der kommunistischen Ära renoviert worden) nicht mehr funktioniert, Mitwirkenden und Besuchern nicht mehr zumutbar oder schlicht und einfach gefährlich geworden ist. Oder alles so instand setzen, dass man quasi von vorne beginnen kann. In Prag, in ganz Tschechien mit seiner großen Hingabe an das Theater und die Musik gab es wohl keine Diskussion, dass die Staatsoper renoviert gehört. Da stellte sich nicht die Frage, ob einer Stadt mit 1,3 Millionen Einwohnern im Großraum nicht die zwei anderen Opernbühnen – das Nationaltheater am Moldauufer und das Ständetheater mitten in der Altstadt – für die Versorgung mit Oper genügen würden. Zumal die Staatsoper – die Státní Opera – die größte der drei, allesamt historischen, Spielstätten ist.

          Prunk von einst, Stimmung von morgen

          Von außen sieht man dem sich klassizistisch anbietenden Gebäude sein aktuelles Fassungsvermögen von etwas über 1100 Besuchern nicht an. Das von den damaligen Stars des Theaterbaus, dem Büro Fellner und Helmer, geplante Gebäude wirkt schlank, versammelt, aber mit Energie gefügt. Das Nationaltheater, das alleine wegen seiner Lage am Fluss optisch viel mehr hermacht und das Stadtbild prägt, bietet nur neunhundert Plätze; sechshundert Plätze sind es im Ständetheater, das im achtzehnten Jahrhundert erbaut wurde. Außerdem ist die Staatsoper ein Symbol des speziellen kulturellen Selbstverständnisses der Stadt. Sie wurde gebaut als das Theater des deutschsprachigen Bevölkerungsteils, und ihr Eröffnungsjahr kommt nicht von ungefähr. 1883 war das tschechischsprachige Nationaltheater eröffnet worden, als ein Monument der kulturellen Identität der tschechischen Bevölkerung. Der deutschsprachige Teil wollte nicht nachstehen und seinen eigenen Kultur-Tempel haben. Dieses Wort fiel häufiger bei den Besichtigungen der drei Opernhäuser am Wochenende der Wiedereröffnung.

          Gegenschuss: Blick auf die Bühne der Staatsoper

          Daher ging der Auftrag an die besten Theaterarchitekten ihrer Zeit, das Büro Fellner und Helmer in Wien. Ferdinand Fellner und Hermann Helmer hatten am Ende ihrer Laufbahn 1919 fast fünfzig Theaterbauten in ganz Europa geplant und errichtet. Sie wurden bekannt durch eine effiziente, kostengünstige und in den Zeitplänen zuverlässige Bauweise; sie lieferten Häuser, die die Ansprüche sowohl der Künstler wie auch des Publikums erfüllten und in der technischen Ausstattung sowie beim Brandschutz das Modernste der Zeit boten. Die Staatsoper, das damalige „Neue Deutsche Theater“, ist Fellner und Helmer de Luxe.

          Man betritt ein Haus, das im ersten Moment intim, gar nicht opernmäßig wie Wien oder Paris wirkt. Schnell merkt man aber, wie klug der Platz kalkuliert ist. Vom ovalen Empfangsraum gehen nicht Prunkstiegen, sondern Funktionstreppen ab: Die Besucher sollen sich schnellstmöglich verteilen, zu den Garderoben, an ihre Plätze kommen. Im Zuschauersaal selbst hatte das Büro ein Maximum an Karyatiden, Putten, Messingleuchtern und Schmuckrelief aufgefahren, mit sicherem Geschmack für das Maßhalten jedoch. Das Auge zeigt sich vom Prunk erfreut, niemals aber abgelenkt.

          Wiedereröffnung ist ein Startschuss

          Für den Intendanten Per Boye Hansen war die Wiedereröffnung ein gelungener und wichtiger Tag. Der Norweger Hansen, der bis 2017 die Oper in Oslo leitete, ist seit August 2019 Opernintendant aller drei Häuser des Nationaltheaters. Seine Berufung war nicht unumstritten. Die künstlerischen und administrativen Mitarbeiter des „Nationaltheaters“, der Dachorganisation der drei Spielstätten, formierten Widerstand; sie schrieben im Mai 2019 einen offenen Brief an den Generaldirektor des Nationaltheaters, Jan Burian, in dem sie beklagten, das Berufungsverfahren für Hansen sei aus ihrer Sicht intransparent gewesen. Sie kritisierten, dass Hansen für sie keine erkennbare Vision für die künstlerische Zukunft der drei Opernbühnen formuliert habe und auch mit den organisatorischen Bedingungen nicht vertraut genug sei.

          Diese Stimmung scheint sich zu Hansens Gunsten geändert zu haben. Im Gespräch zeigte sich Hansen sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit dem gesamten Stab und beschrieb sein Konzept, wie er den einzelnen Bühnen ihr auch über Prag hinaus deutliches Profil geben wolle: das tschechische Repertoire, betont auch mit unbekannteren oder wenig gespielten Werken und Komponisten, im Nationaltheater; die internationalen Opernklassiker, bis hin zur Moderne, in der Staatsoper. Und das Ständetheater als das Haus für Mozart – dort wurden „Don Giovanni“ und „La Clemenza di Tito“ uraufgeführt – und für Barockoper.

          Das Galakonzert als Schaufenster gab den klingenden Beleg, wie alle Beteiligten auf künstlerischer Seite bereit sind für diese Zukunft. Der Abend war der Geschichte des Hauses gewidmet – der 91 Jahre alte Pavel Kohout erinnerte in Videosequenzen daran mit der ganzen Autorität des weltweit respektierten Humanisten. Was er aber verbreitete, das war die Stimmung des Aufbruchs.

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