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Zum Tod von Jessye Norman : Pracht ohne Prunk

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In Stimmfächern nicht zu fassen – die unvergleichliche Jessye Norman (1945 bis 2019) Bild: Anatol Kotte/laif

Ihre Stimme war unerschöpflich, die Schönheit ihres Timbres einzigartig. Früh schon machte sie sich auf der Opernbühne rar, was ihren Auftritten nur umso mehr Präzision verlieh. Zum Tod von Jessye Norman.

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          Wenn Musikliebhaber Jessye Norman zum ersten Mal hörten, sei es auf einer LP, einer CD oder bei einem ihrer Auftritte, dann ergab sich nahezu immer der gleiche Effekt, den man als Mundoffensteh-Effekt bezeichnen könnte. Ist das möglich, eine Stimme von solch prachtvoller Schönheit und solchem Volumen, und das aus einer einzigen Kehle? Es war möglich, und es bleibt eine Seltenheit. Eine so unerschöpflich scheinende, geradezu ozeanisch flutende Stimme hat es in den letzten hundert Jahren nur wenige Male gegeben. Die Norwegerin Kirsten Flagstad oder die Amerikanerin Eileen Farrell fallen einem ein, keine der beiden Sopranistinnen hatte jedoch das spezielle Timbre Jessye Normans, das wiederum mit dem der von ihr besonders geschätzten Leontyne Price zu vergleichen wäre.

          Die in Augusta, Georgia, geborene Sängerin kam, ebenfalls wie Price, aus einer Familie der bürgerlichen farbigen Mittelschicht und sang schon als Kind in der Baptistengemeinde ihrer Heimatstadt – und wer sie einmal mit „Amazing Grace“ gehört hat, der spürte diese Prägung, die nicht zuletzt auch dazu beitragen konnte, stimmliche Talente sehr frühzeitig zu entdecken. Nachdem sie ihr Studium abgeschlossen hatte, ging Norman wie so viele andere Musiktalente nach Europa, sie kam nach Deutschland, wo sie sich 1969 als völlig unbeschriebenes Blatt beim ARD-Musikwettbewerb präsentierte und den ersten Preis gewann. Dies trug ihr sogleich ein Engagement an der Deutschen Oper in Berlin ein, wo sie als Elisabeth im „Tannhäuser“ debütierte.

          Mit einer Stimme von ihrem Format schien der Weg zum Wagnersopran geebnet, aber sie war klug genug, diesen Weg nicht dauerhaft zu beschreiten, sondern nur ausnahmsweise. Meist sang sie Wagner nur im Aufnahmestudio. Sie wusste jedoch auch auf der Bühne durchaus zu dominieren, wenn sie richtig eingesetzt und geführt wurde. Das bewiesen etwa ihre Ariadne und ihre Cassandre in Berlioz’ „Troyens“, wobei die Mächtigkeit ihrer Gestalt nicht entscheidend war. Jessye Norman strahlte, auch im Bewusstsein ihrer exzeptionellen Fähigkeiten, eine Autorität und Würde aus, die ziemlich einzigartig waren. Wer den schönen Porträtfilm kennt, den André Heller über sie gemacht hat, merkt, dass sich bei ihr einhüllende Wärme und Herzlichkeit mit Distanziertheit auf eindrückliche Weise verbinden konnten.

          Jessye Normans Auftritte in den achtziger und neunziger Jahren waren nicht so häufig wie bei anderen Sängerstars ihrer Generation. Die reine Opernkarriere hatte sie frühzeitig ausgeschlagen, ihre Energie investierte sie in eine Reihe von überragenden Plattenprojekten, von denen die meisten noch sehr lange Bestand haben werden, darunter auch einige exquisite Liedaufnahmen. Als Mahler-Interpretin, sei es bei den Orchesterliedern, der 2. und 3. Symphonie oder dem „Lied von der Erde“ war sie genauso überzeugend wie in Richard Strauss’ „Vier letzten Liedern“ mit Kurt Masur am Pult, einer ihrer berühmtesten Aufnahmen, die sie mit schier unendlichem Atem sang und bei der sie die schier unendlichen breiten Tempi des Dirigenten ausfüllte, ohne mit den Stimmbändern zu zucken.

          Es gibt von Jessye Norman keine schwachen oder auch nur schwächeren Aufnahmen. Selbst wenn sie Rollen im Studio sang, wie etwa Carmen oder Elsa aus Wagners „Lohengrin“, die mit ihrer sängerischen Signatur nicht wirklich harmonierten, war deren technische und musikalische Gestaltung frappierend.

          Vor allem aber hatte sie nie Angst davor, ihr Publikum auch mit Unbekanntem, Unerhörtem zu konfrontieren. Zu ihren schönsten Aufnahmen gehören das „Poème de l’amour et de la mer“ von Ernest Chausson und die Rolle der Pénélope in Gabriel Faurés gleichnamiger Oper; überhaupt hat es zuvor keine amerikanische Sängerpersönlichkeit gegeben, die in die französische Musik dermaßen überzeugend eintauchte, bis hin zu Offenbachs Schöner Helena.

          Immer wieder ist gerätselt worden, in welches Stimmfach Jessye Norman eigentlich einzuordnen wäre. Sie hat sich darüber gelegentlich mokiert, mit dem Hinweis, Stimmfächer seien nur etwas für Fachstimmen. Aber sie hatte auch leicht spotten. Nicht nur war die geradezu flauschige Fülle ihrer Stimme außergewöhnlich, nicht nur die Schönheit ihres Timbres, sondern auch die Ausdehnung in Tiefe und Höhe. So konnte sie Partien für Mezzosopran durchaus auch mit Alttönen singen, solche für Spintosopran bis hin zu den sogenannten hochdramatischen Rollen Wagners und anderer Komponisten. All das wurde nicht als äußerlicher Prunk herausgestellt, sondern diente einem hochdifferenzierten Musizieren.

          Von den neunziger Jahren an reduzierte Jessye Norman ihre ohnehin nicht mehr so zahlreichen Auftritte, sie suchte sich ihre Projekte sorgfältig aus, wirkte zunehmend in Stiftungen mit, war aber dann doch als repräsentative Sängerikone bei vielen Anlässen der Erinnerung oder Inauguration präsent. Unvergessen bleibt ihr Auftritt bei der Zweihundertjahrfeier der Französischen Revolution auf der Place de la Concorde, als sie, in ein umwerfendes Gewand mit den französischen Farben gehüllt, die „Marseillaise“ sang – ein Ereignis mit „camp“-Qualität, das leicht hätte ridikül wirken können. Doch sie veredelte selbst eine solche Show.

          Vor vier Jahren erlitt Jessye Norman eine schwere Rückenmarksverletzung. Nun ist sie an den Spätfolgen dieser Unfalls im Alter von vierundsiebzig Jahren in einem Krankenhaus in Manhattan gestorben.

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