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Zur Lage der Postdramatik : Du, ich und alles, was wir fürchten

In den Klauen der verästelten Formansprüche: Szene aus „In Ewigkeit Ameisen“, dem neusten Stück von Wolfram Lotz Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Lässt sich die Gegenwart nicht mehr zuspitzen? Ist Theater nur noch als fluide Stimmenkomposition denkbar? Der beispielhafte Blick auf zwei Gegenwartsdramatiker zeigt den Reichtum des Theaterschreibens.

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          Vor ein paar Jahren hielt der Hamburger Dramatiker und Hörspielautor Wolfram Lotz eine Laudatio anlässlich der Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises an seinen Kollegen Wolfram Höll. Nach einigen einleitenden Bemerkungen stellte er unumwunden und einigermaßen grob fest: „Die konventionelle dramatische Erzählstruktur ist unbrauchbar geworden, denn das Drama wollte immer zuspitzen, auf einen Punkt zusammenführen, Ursprünge finden...aber ich habe das Gefühl, dass sich die Gegenwart eben nicht mehr zuspitzen lässt auf einen Punkt hin, dass die Stränge in ihr nicht mehr zusammenführen, sondern eben auseinander, in die Weite und die Verästelung.“ Der Satz ging ein doppeltes Risiko ein. Einerseits behauptete er, dass frühere Gegenwarten linearer verlaufen und daher pointierter darzustellen gewesen seien. Andererseits tat er so, als ob es vor ihm noch nie gebrochene Erzählformen, keine verästelten Satzgefüge und dramatische Schritte „in die Weite“ gegeben hätte.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Den Kronzeugen für seine Feststellung rief Lotz in einem Nebensatz auf: Den Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann, dessen Name nie ohne Verweis auf sein bekanntes Buch über das postdramatische Theater genannt wird. Ihm zu Ehren hat die Kunststiftung NRW soeben eine neue Buchreihe finanziert, die jene seit den frühen neunziger Jahren auftauchenden Theateransätze vorstellt, die „bestehende Strukturen und Produktionsweisen in Frage stellen und zum wesentlichen Bestandteil ihrer Kunst machen“, wie es in einem begleitenden Gespräch mit den Herausgebern heißt. Ihr Versuch, die postdramatische Entwicklung zu historisieren, birgt die offensichtliche Gefahr, dass eine ursprünglich zur Innovation verpflichtete Theatertheorie langsam aber sicher selbst traditionell wird. Als eines von dreißig Jubiläumsprojekten der Kunststiftung rückt die Buchreihe das postdramatische Theater dorthin, wo es nie sein wollte: in die Mitte des Betriebs. Also noch einmal die Frage: Was genau heißt postdramatisches Theater heute? Wie stellt sich seine besondere Art der Gegenwartsbeschreibung dar?

          Kein herkömmliches Skript

          Kehren wir für ein Beispiel zum eingangs erwähnten Preisträger, dem 1986 in Leipzig geborenen Schriftsteller und Hörspielregisseur Wolfram Höll zurück. Die aufs Neue enge Beziehung vieler junger Dramatikerinnen und Dramatiker zu Hörspiel und Radio ist interessant und kann einen ersten Hinweis darauf geben, woher ihr spezifischer Umgang mit Sprache und Stimme kommt. Denn auch Hölls neustes Stück „Nebraska“ ist, wie so manch anderer gegenwartsdramatischer Text, den die Theaterverlage gerade zur Uraufführung ankündigen, ursprünglich als Hörspiel entstanden. Als fluide Stimmenkomposition muss man eher sagen, um nicht den falschen Eindruck eines herkömmlichen Skripts mit festen Rollenzuschreibungen und Textaufteilungen zu erwecken. Diese sind im Schriftbild allein durch unterschiedlich lange Einschübe markiert. Nur kurz bleiben die Sätze auf einer Zeile, brechen dann ab, versuchen es wieder auf einer nächsten, springen für einen noch kürzeren Ausruf – etwa ein „Du zahlst“ oder „Verpiss Dich“ – rasch zur Seite und lösen sich dann in drei kleine Punkte auf. Kurz angebunden sind die Stimmen in Hölls Stück, und doch klingen sie nach. Vielleicht gerade deswegen. „Alles stirbt einmal/Schätzchen/da kann man nichts machen/Mmh/Aber vielleicht/kommt alles, was stirbt/ja eines Tages/wieder zurück“ heißt es zu Beginn von „Nebraska“, das sich auf Lieder von Bruce Springsteen beruft, Motive und Figuren aus seinen Songs herausgelöst und überschrieben hat.

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