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Porträt Valery Tscheplanowa : Schrei nach Kontrollverlust

Niemals an Zwecke denken

Dann, 2016, kommt Castorf. Schon ein Jahr später steht sie bei ihm an der Volksbühne in seiner szenenschlachtschlagenden „Faust“-Produktion auf der Bühne. Für sie ist er Gotscheffs Nachfolger: mehr Schamane als Spielleiter, ein Mann mit „natürlicher Herrschaft“, der sie nicht als Figur ausstellt, sondern ihr Wesen herausfordert. Wenn Tscheplanowa über Castorf spricht, dann fallen Worte wie „Archaik“ und „Hunger“, „Schamlosigkeit“, „Leerlauf“ und „Freiheit“. Für sie sei er „eine Art Urzeitkröte“, die wahllos, aber immer unbedingt liest, liebt und träumt, aber dabei niemals an Zwecke denkt. Nach Castorfs berüchtigter Brüllerei auf Proben gefragt, entgegnet sie: „Ich finde nicht, dass er brüllt. Er ruft eher auf so eine bestimmte Art.“ Den Verweis auf die Vielzahl nackter Frauen in seinen Inszenierungen kontert sie mit der Beschwörung sexueller Kraft und der Sehnsucht nach einer Zeit der Gesetzlosigkeit (das Interview wurde vor Castorfs öffentlicher Verweigerung staatlicher Hygieneregeln geführt). Wer ihr weismachen wolle, dass ein barbusiger Aufritt in Stöckelschuhen sexueller Missbrauch sei, „falle auf Zeichen herein“.

Valery Tscheplanowa spielt auf der Fotoprobe von „molto agitato" im September 2020
Valery Tscheplanowa spielt auf der Fotoprobe von „molto agitato" im September 2020 : Bild: dpa

Tscheplanowa spricht mit einer erstaunlich rücksichtslosen Verve über sich selbst und ihre Ideale. Angst, so beschwört sie immer wieder, sei ihr die wichtigste Quelle künstlerischer Inspiration. Neben Gotscheff und Castorf lässt sie mithin auch nur Marina Abramović gelten. Deren unverhältnismäßiger Umgang mit dem Körper ist ihr Ansporn und Vorbild. Das Theater ist für die Tscheplanowa nur dann wirklich erfüllend, wenn es „Zeremonie“ ist, eine gemeinsame Suche nach Verausgabung und Kontrollverlust. Mit den vielen moralpolitischen Regeln heutigen Theatermachens scheint das nicht mehr möglich. Deshalb wendet sich die Tscheplanowa vom Theater ab. Sie, die sich nicht dafür rechtfertigen will, dass sie sich „für die männliche Kraft“ begeistert und darüber klagt, nur noch von „uninteressanten Körpern“ umgeben zu sein, gibt bitter ihren Abschied von der Bühne bekannt: „Wer dichtet jetzt? Bei den jungen Bühnenschriftstellern wurde ich nicht fündig. Um lebenden Dichtern zu begegnen, will ich zum Film.“ Das wäre ein weiterer schwerer Verlust. Noch eine grandiose Spielerin, die dem Theater den Rücken kehrt, abtritt von den Brettern und im ausgeleuchteten Filmset auf ihren Auftritt wartet. Nahezu alle eingangs Erwähnten haben es ihr vorgemacht: Die Hoss, die Wokalek, die Hüller – sie alle drehen jetzt vor allem und stehen nur noch nebenbei auf Bühnen. Wenn das Theater heute seine Besten einfach so ziehen lässt und sich beleidigt hinter seinen hochsubventionierten postdramatischen Barrikaden verschanzt, dann ist das ein Vorgang, der gerade in Zeiten des Kultur-Lockdowns diskutiert werden sollte. Denn wozu bei jeder Gelegenheit die „Systemrelevanz“ des Theaters behaupten, wenn nicht einmal die eigenen Stars, die bekanntesten Botschafter des Mediums, sie noch sehen?

Schmunzelnder Sadismus

Wird 2018 in Salzburg das letzte Mal gewesen sein, dass man die Tscheplanowa auf einer Schauspielbühne erleben konnte? Zusammen mit Katja Bürkle verkörperte sie da in Ulrich Rasches eindrucksvoller Adaption der „Perser“ den Ältestenrat. Gefasst und neugierig, geradewegs mit erotischer Wollust zählte sie da im Eingangslied des Chores die Namen der ausgezogenen Krieger auf und schien ihrem Untergang mit kindlicher Katastrophensucht entgegenzufiebern. Eine Art schmunzelnder Sadismus bewegte das klare Gesicht der Tscheplanowa, hin und wieder war auch eine Spur von Selbsthass zu sehen, der später, als die Botschaft der vernichtenden Niederlage eintraf, in Genugtuung umschlug. Den Satz, dass sich im tyrannischen Persien nun künftig „niemand mehr in den Staub werfen“ würde, sagte sie mit einer Befriedigung, als wäre damit ihr Lebensziel erreicht. Und wieder schrie sie, diesmal nicht urtümlich wie 2007 bei Gotscheff, sondern rhythmisch, mit scharf gesetzten Pausen, unheilvoll, aber kontrolliert. Das darf nicht ihr letzter Schrei gewesen sei. Unser Theater braucht Schauspielerinnen wie die Tscheplanowa. Sonst muss es gar nicht erst wieder aufmachen.

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