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Porträt einer Souffleuse : Jedes Wort von ihr bedeutet Rettung

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Auf ihre Lippen schauen im entscheidenden Moment die größten Schauspieler: Lisa Passow im Kleinen Haus des Staatstheaters Mainz Bild: Samira Schulz

Als Außenseiterin mittendrin: Die Souffleuse wird im Theater meistens übersehen, aber sie spielt eine wichtige Rolle. Ein Porträt der jungen Mainzer Souffleuse Lisa Passow.

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          Es gibt am Theater eine, die immer in der ersten Reihe sitzt. Meist kommt sie erst kurz vor Vorstellungsbeginn, wenn die Zuschauer schon still geworden sind, huscht ins Parkett, setzt sich auf ihren prominenten Platz in der Mitte, schlägt ihr Textbuch auf und schaltet, sobald das Saallicht ausgeht, ein kleines Lämpchen an. Der Souffleur oder – sehr viel häufiger – die Souffleuse ist das heimliche Rückgrat jeder Schauspielinszenierung. Sie begleitet eine Produktion von den ersten Konzeptionsproben bis zur Dernière, der letzten Aufführung. Mit ihr lernen die Schauspielerinnen und Schauspieler den Text, wegen ihr kann sich die Regie ganz auf ihre Einfälle konzentrieren, durch sie erfährt das geschriebene Wort Gerechtigkeit.

          Die Souffleuse verkörpert Verlässlichkeit, Beständigkeit, Sicherheit. Manch große Schauspielerin hat einen gelungenen Aufritt nur ihr zu verdanken. Manch kleiner Nebendarsteller hat seine Wut über einen vergessenen Satz schon an ihr ausgelassen. Die Souffleuse ist der Fels in der Brandung, auf dem die Theaterleute sicher auftreten und spielen können. Und doch wird sie von fast niemandem beachtet. In keiner Rezension fällt ihr Name. Bei keiner Premierenfeier wird sie erwähnt. Ein bisschen ist es bei ihr wie beim Schiedsrichter im Fußball: Man redet eigentlich nur über sie, wenn etwas schiefgelaufen ist. Der Deutsche Bühnenverein, auf den die Bundesagentur für Arbeit für eine genauere Jobbeschreibung verweist, nennt „Geduld, Konzentrationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen und Gelassenheit unabdingbare Voraussetzungen“ für den Beruf der Souffleuse. Darüber hinaus sollte man über „eine belastbare Stimme verfügen“.

          Kein Anspruch auf kreative Mitsprache

          Lisa Passow klingt in der Tat so, als könne ihr nicht vieles etwas anhaben. Seit 2018 ist die Achtunddreißigjährige eine von drei festangestellten Souffleusen am Staatstheater Mainz. Aufgewachsen im Ruhrgebiet, studierte sie zunächst Germanistik und Philosophie in Düsseldorf und verbrachte währenddessen viel Zeit in einem Wohnzimmertheater, wo sie zusammen mit anderen Laienschauspielern halbjährig Aufführungen erarbeitete. Von der besonderen Atmosphäre des Theaters fasziniert, wechselte sie nach Mainz für einen Master in den Theaterwissenschaften, arbeitete dem dortigen Schwerpunkt auf Improvisation entsprechend über den kanadischen Impro-Guru Keith Johnstone. Nach dem abgeschlossenen Studium hatte sie das Gefühl, mit leeren Händen dazustehen. Sie bewarb sich auf alles, was mit Theater zu tun hatte, fuhr sogar zu einem Vorstellungsgespräch als Bürokraft nach Heidelberg. Ohne Erfolg. Also begann sie bei einem kleinen Verlag zu lektorieren und arbeitete nebenbei als unbezahltes „Mädchen für alles“ in den Wiesbadener Kammerspielen. Schon während ihrer Studienzeit hatte sie am Studententheater jemanden kennengelernt, der als Souffleur in Darmstadt arbeitete und von der Arbeitsatmosphäre schwärmte. Also schrieb sie an das heimische Staatstheater Mainz, ob sie nicht einmal probeweise den Arbeitsalltag einer Souffleuse miterleben könne.

          Gelassen, so scheint es, war Passow schon immer. Zunächst blieb ihre Initiative unbeantwortet, aber dann ging eine der Angestellten auf eine mehrmonatige Reise und sie bekam plötzlich eine Chance. Erst als Praktikantin, dann auf Probe und schließlich als festangestellte Souffleuse. Seit gut vier Jahren arbeitet Passow jetzt am Mainzer Theater und ist glücklicher denn je. Es gibt keine Ausbildung für den Beruf der Souffleuse. Meist „rutscht man irgendwie hinein“, berichtet Passow, viele ihrer Kolleginnen waren früher Regieassistentinnen oder Schauspielerinnen. Der besondere Status, den eine Souffleuse am Theater hat, rührt von ihrer Stellung als intime Außenseiterin her. Einerseits ist sie ständig dabei, andererseits hat sie als einzige keinen Anspruch auf kreative Mitsprache am Kunstwerk. Sie hält den Laden am Laufen, ohne dass sie ihn mit ihren Ideen ausstatten muss. Die betrübliche Seite dieser Sonderrolle, so erzählt Passow, zeige sich mitunter in einem Gefühl der Isolation: nicht Teil des eigentlichen Teams zu sein, mit niemandem träumen, planen und streiten zu können. Aber dafür genießt sie den Luxus des Zuhörens und Aufnehmens von den ersten Proben an, wenn über das Stück und seinen Hintergrund gesprochen werde, da lerne man immer eine Menge, so Passow, das sei ein bisschen so „wie in einem spannenden Uni-Seminar“.

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