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Neue Leitung an der Volksbühne : Keine One-Man-Show

René Pollesch, Marlene Engel und Vanessa Unzalu Troya im Intendantenbüro der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Bild: Andreas Pein

René Pollesch ist als neuer Intendant der Volksbühne mit einem Team angetreten. Lange Zeit war trotzdem nur von ihm die Rede. Das soll sich jetzt ändern. Wie die Machtstrukturen am Theater überhaupt.

          6 Min.

          Müsste der Theaterbetrieb eine Liste der Wörter des Jahres aufstellen, stünden einige vermutlich weit oben: Struktur, Macht, System. Über diese Themen wurde in den vergangenen Monaten hitzig diskutiert, nicht nur an den Häusern selbst, sondern auch in On- und Offline-Feuilletons. Vielleicht, weil die durch Corona erzwungene Pause besonders viel Zeit ließ, um über bisherige Arbeitsweisen nachzudenken. Und ganz sicher, weil man sich nach Rassismus- und Sexismusskandalen, nach Vorwürfen des Machtmissbrauchs an gleich mehreren Schauspielhäusern – in Karlsruhe, in Düsseldorf und gleich doppelt in Berlin – in der Theaterwelt fragen musste: Ist ein einziger, mächtiger Intendant noch zeitgemäß? Viele meinten: nein. Aber was wäre die Alternative?

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Im Intendantenbüro der Berliner Volksbühne sitzen an einem Freitagnachmittag drei Personen, die eine Alternative sein möchten. Sie heißen Marlene Engel, René Pollesch und Vanessa Unzalu Troya und nennen sich „Träger:innen der Intendanz“. Ein Team also. Das war jedoch lange nicht das, was in der Öffentlichkeit ankam. Als nach Chris Dercon, den in Berlin niemand so richtig wollte, und Klaus Dörr, der die Volksbühne nach MeToo-Vorwürfen verließ, eine neue Intendanz für das Berliner Theater angekündigt wurde, hörte man zunächst nur einen Namen: René Pollesch. Und man hörte und sah dann auch eigentlich nur ihn in Interviews, in denen er immer wieder von „wir“ sprach, ohne dass klar wurde, wer das denn eigentlich sein sollte, dieses Wir.

          Das habe auch mit Erwartungen von außen zu tun gehabt, so Pollesch: „Uns ist aufgefallen, dass bei Interviewanfragen, bei denen wir vorgeschlagen hatten, dass jemand anderer von uns kommt als ich oder wir zu mehreren kommen wollten, oft schon auch gesagt wurde: Wir wollen lieber mit Ihnen allein reden.“ Polleschs andere Erklärung ist so verdreht, wie es mitunter auch seine Stücke sind. Sie geht so: Oft hätten sich zu den Anfängen neuer Intendanzen bei Pressekonferenzen Teams präsentiert, zwei Männer, zwei Frauen. Doch habe dies in vielen Fällen die eigentlichen Verhältnisse gar nicht abgebildet. Denn die Macht habe weiterhin bei einem einzelnen, männlichen Intendanten gelegen.

          Pollesch, der ja auch sonst gern alles anders machen will, wollte dieses Phänomen umkehren. Deshalb habe man gemeinsam überlegt, dass er allein auftreten solle: nicht als Team, hinter dem in Wirklichkeit nur einer steht, sondern als einer, der eigentlich ein Team ist. Wenig überraschend, wenn das kaum jemand verstand. Wer denkt schon derart um die Ecke? Und wer hält den alleinigen Antritt eines älteren weißen Manns an sich schon für progressiv – auch wenn dieser Mann René Pollesch ist, Liebling des linken Publikums? Eher schien sich hier doch zu bestätigen, dass an den starren Theaterstrukturen auch ein Haus wie die Volksbühne nichts ändern würde.

          Geteilte Intendanzen sind selten

          Um die staatlichen Theater in Deutschland aufzuzählen, in denen mehr als eine Person das Sagen hat, wäre eine Hand schon zu viel. In Marburg gibt es seit 2018 zwei Intendantinnen, das Theaterhaus Jena wird von einem Kollektiv geleitet. Das Maxim Gorki Theater hatte mit Shermin Langhoff und Jens Hillje für einige Jahre eine Doppelspitze, seit 2019 macht Langhoff den Job jedoch allein. Nun also die Volksbühne. Deren Leitung besteht jetzt offenbar aus einer ganzen Reihe von Personen, wer die sind, war aber bisher kaum in die Öffentlichkeit durchgedrungen. Das, sagt Pollesch, solle jetzt anders werden.

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