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Politische Operninszenierungen : So lernen wir gar nichts über Pegida

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Probenszene aus der umstrittenen „Freischütz“-Inszenierung in der Staatsoper Hannover, für die kurzfristig eine Altersempfehlung ab 16 Jahren ausgesprochen wurde Bild: dpa

Wie kann man die Oper aktueller und politischer machen? Schon die Frage ist falsch gestellt: Solch ein Musiktheater hält die Opernbesucher für dumm und serviert ihnen Politik als dünne Fettglasur auf einem alten Kuchen. Ein Gastbeitrag.

          Bilder von einer Penis-Amputation haben gerade in Hannover den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber für einen Theaterbesuch mit Kindern unbrauchbar gemacht. In der Inszenierung von Kay Voges stirbt eine Migrantin mit Kopftuch an der verirrten Freikugel; der Jägerchor tritt auf als Gruppe von Pegida-Anhängern. Immer wieder wird die Musik unterbrochen. In Blogs und Netzwerken liest man nun von der Frustration sogar jener, denen die Brisanz des Theaters am Herzen liegt. Vergleichsweise belanglos ist dagegen, dass die CDU-Fraktion im Niedersächsischen Landtag die Balance zwischen künstlerischer Selbstverwirklichung und Unterhaltung nicht mehr gewahrt sieht. Ist hier etwa gelungen, worüber sich kürzlich an der Deutschen Oper Berlin alle Parteien des Operngeschäfts bei einem Symposion den Kopf zerbrachen: Kann man auf diese Weise das schmale und überstrapazierte Kernrepertoire einer vierhundert Jahre alten Kultur mit dem Heute verknüpfen?

          Wenn darüber diskutiert wird, fehlt meistens ein Wort im Vokabular aller Sprecher ganz und gar: Publikum. Die Komponisten erwähnen es nicht, kaum einmal die Regisseure. Die Wissenschaftler, wenn sie über das Theater der Gegenwart reden sollen, listen als Erstes gern die Gedanken von Richard Wagner auf. Man kann den Eindruck gewinnen, hinter der imaginären vierten Wand der Bühne befände sich ein schwarzes Loch. Dass es diese Menschen gibt, die freiwillig die Oper besuchen, sei es aus Liebe, sei es, weil sie als Touristen in der Stadt sind - das kommt in solchen Diskussionen, wenn überhaupt, erst ganz am Schluss vor.

          Diese Perspektive ist paradigmatisch für unsere Gegenwart: Ideen und Ideologien sind die Götter, denen sich die Komponisten weihen. Sie sind umzingelt von einer bald siebzigjährigen Tradition, die ihnen das Experiment als Pflicht auferlegt. Gleichzeitig reden sie vom Theater, als ende es mit der Partitur. Die Regisseure sind beherrscht von Konzepten, vom Vergleich mit ihren Lehrern und Kollegen; sie wollen als schöpferische Individuen erkennbar werden. Das alles sind objektive Zwänge, denen sich jeder stellen muss, und nicht einfach nur persönliche Unzulänglichkeiten.

          Die Scham vor dem Wort „Publikum“ kenne ich gut aus meiner eigenen Welt: der Neuen Musik. Dort stößt man noch immer auf die Überzeugung: Beim Schreiben an den Hörer zu denken heißt schlecht schreiben, kommerziell schreiben, ganz so, als wäre publikumszugewandte Kunst automatisch gleichzusetzen mit „The Phantom of the Opera“. Die traurige Folge dieser Strenge aber ist, dass es der Neuen Musik - zumindest in weiten Teilen - nicht mehr gelingt, mit der unendlichen Leichtigkeit über Liebe, Angst oder Freude zu reden, wie es der Popmusik, dem Film oder der bildenden Kunst durchaus möglich ist.

          Die Entfremdung vieler Kunstformen vom Leben heutiger Menschen ist ein internationales Thema, das seit langem über Deutschland hinausgeht: Dass die Leute ihre eigenen Fragen und Einsichten nicht mehr in der künstlerischen Darstellung erkennen, beschäftigt Finnen, Russen und Engländer genauso. Weltfremdheit, Selbstbezüglichkeit und Platituden setzen der Musikszene zu, dem Journalismus und der Kirche. Darunter leiden die Zeitungen, das Fernsehen, die gesamten Medien. So steht dem medialen Alltag vom westlichen Wohlstand bei vielen ein gelebter Alltag zwischen Schulden und Burnout gegenüber.

          Diese Entfremdung manifestiert sich auch in Parolen wie jener von der „Politisierung der Gesellschaft“, die angeblich „in den letzten Jahren“ stattgefunden habe, ganz so, als ob Ludwig van Beethoven seine „Leonore“ nur aus großen, für die Wiener lebensfremden Ideen und Ideologien heraus erschaffen hätte, oder als ob die eisige Turandot kein Charakter wäre, den man nicht jeden Abend im grellen Ministerinnenkostüm in der „Tagesschau“ sehen könnte.

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