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Politische Operninszenierungen : So lernen wir gar nichts über Pegida

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Die Menschen haben keineswegs erst jetzt die Politik entdeckt und das Bedürfnis entwickelt, in der Kunst ihr Leben zu erkennen. Insofern ist schon die Frage ein Irrtum unserer Zeit: Wie kann man das Repertoire, das aus dreißig ewiggleichen Opern besteht, künstlich - also jetzt, außergewöhnlich für die Zuschauer - politisieren?

Was den Stoffen dabei vermeintlich an Aktualität fehlt, versucht man, mit kosmetischen Korrekturen herzustellen: Pegida-Demonstranten, eine dampfende Öl-Zisterne hinter einem Chor vor ägyptischer Landschaft, eine Ministerriege mit Afghanistan-Veteranen. Die wenigsten dieser Regie-Statements könnten als ernsthafte Beiträge in einer politischen Debatte bestehen. Wir lernen aus solchen szenischen Gags nichts Neues über Pegida oder den Zusammenhang zwischen europäischem Wohlstand und islamistischem Terrorismus. Solch ein politisches Musiktheater hält die Opernbesucher für dumme Leute, die nicht Zeitungen lesen, und serviert ihnen Politik als dünne Fettglasur auf einem alten Kuchen.

Nicht mit anderen Medien wetteifern

Ich verstehe den Aufruhr der Regisseure sehr gut. In unseren Zeiten, wo die Sprache stark visualisiert ist und die Leute auch das Theater vor allem über die Augen wahrnehmen, müssen sie sehr viel - durch persönlichen Einsatz - erfinden, um die Löcher gesellschaftlicher Narrative zu stopfen. Durch ihre Person und ihre Stärke als gesellschaftlicher Beobachter sollen die alten Stücke wieder unsere Zeitgenossen werden.

Moderne Oper als politische Oper ist durchaus möglich: nicht als klingende Glosse zur Tagespolitik, nicht als theatralischer Leitartikel, sondern als erzählte Geschichte, die uns - befreiend oder schmerzhaft - berührt. Ich selbst bin immer der Meinung gewesen, moderne Oper sollte nicht mit anderen Medien wetteifern. Sich mit der Popularität von Fernsehsendungen, Biographien prominenter Persönlichkeiten, berühmten Romanen oder Filmen zu quälen ist unfruchtbar. Oper nimmt auf ihre eigene Weise das menschliche Sein in den Blick und stellt - wie das Theater seit der Antike - Fragen an die Menschlichkeit. Das umfasst das ganze Leben, auch die Politik. Doch sich mit Tod, Angst, und Grausamkeit von einer höheren Warte aus, jenseits kurzatmiger Aktualität, auseinanderzusetzen, dessen ist das Theatergeschäft meinem Eindruck nach müde geworden. Der wichtigste Grund ist das Gefangen-Sein im Repertoire von stets denselben Opern.

Mischung aus Politik und Poesie

In dieser absurden - aber verständlichen - Situation, da sich der Betrieb mit alten Werken beschäftigt, aber nach Zeitgenossenschaft dürstet und unter dem Mangel an modernem Repertoire leidet, weil Komponisten und Librettisten kaum mehr theaterpraktische Erfahrungen sammeln können (und Erfahrungen braucht man, um eine gute Oper zu schreiben), verbleibt die Erörterung solcher Fragen auf der Ebene von Konferenzen oder Shitstorms, ohne Resultate für alle Beteiligten zu zeitigen.

Trotzdem gibt es diese Fälle, wo plötzlich und fast unmerklich gelingt, was das Theater braucht: diese Mischung aus Politik und Poesie wie im „Traumgörge“ von Alexander Zemlinsky, inszeniert von Joachim Schlömer vor einigen Jahren an der Deutschen Oper Berlin. Durch magische Veränderungen der Szene hatte der Regisseur die Falschheit politischer Rhetorik bloßgestellt, ohne uns mit der Nase auf aktuelle Beispiele zu stoßen.

Joseph Brodsky hat einmal gesagt, dass Schönheit, die nur um der Schönheit willen erstrebt wird, zu Kitsch und Chaos gerät. Sie könne nur als Nebenprodukt richtiger anderer Entscheidungen entstehen; ich selbst habe immer gedacht, das trifft auf vieles zu: Glück, Liebe, Hoffnung auf die Zukunft - und auf Politik in der Oper. Bleibt sie an der Oberfläche, so entfremdet sich das Theater nur noch weiter von den Menschen.

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