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„Polifemo“ in Schwetzingen : Mitleid mit des Monstrums Misere

  • -Aktualisiert am

Fingerzeig des Schicksals: Haris Andrianos hat als Polifemo in der Titelrolle der Schwetzinger Inszenierung einiges zu erdulden Bild: Florian Merdes

Eine neue Perle für das Schmuckkästchen des Schwetzinger Schlosstheaters: Dort wird Nicola Porporas Oper „Polifemo“ von 1735 neu entdeckt.

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          Welchen Preis würden Opernfexe heute für ein Abonnement der Londoner Spielzeiten in den Jahren nach 1730 bezahlen! Damals wetteiferten an der Themse gleich zwei Compagnien mit den weltbesten Sängern und den beiden berühmtesten Komponisten ihrer Zeit, Georg Friedrich Händel und Nicola Porpora, um die Gunst eines verwöhnten, zunehmend gelangweilten Publikums. Der Kampf endete ästhetisch unentschieden und ökonomisch mit einer Niederlage beider Truppen: einer fulminanten Doppelpleite.

          Während wir Händels Meisterwerke jener Jahre inzwischen gut kennen, ist sein Rivale Porpora fast gar nicht mehr präsent. Dass ein Werk wie „Polifemo“ durchaus mit den besten Erzeugnissen der Barockoper mithalten kann, überrascht angesichts von Porporas damaligem Ruhm und Einkommen keineswegs. Nun kann man sich im herrlichen Schlosstheater von Schwetzingen endlich einmal von den Qualitäten dieses neapolitanischen Komponisten überzeugen.

          Das Heidelberger Theater, das soeben in schweren Zeiten einen Quasi-Neubau in der Stadt gestemmt hat, behält dankenswerterweise auch seine winterliche Raritätenreihe bei. Ein ganz junges, beseeltes Ensemble, am Pult prima und flott geführt vom Routinier Wolfgang Katschner, macht den großen Häusern vor, was an versunkenen Schätzen der Musikhistorie noch alles zu heben ist. Denn immerhin wurden 1735 in der Nobility-Opera beide Glanzpartien von den weltbesten Sängern jener Zeit gesungen: von den Kastraten Senesino und Farinelli.

          Spott für den Zyklopen

          Wie nun die Countertenöre Jakob Huppmann und vor allem Terry Wey die vertrackten Koloraturenfolgen und weitragenden Melodiegewölbe ihrer Arien bewältigen, nötigt nicht allein Respekt ab, sondern dankbare Bewunderung. Vor allem das Paradestück des Aci, das sonderbar melancholische Dankgebet „Alto Giove“, vom Bühnenpraktiker Porpora als spätes Zuckerl kurz vors Happy End plaziert, hat das Zeug zu einem Ohrwurm.

          Dass der Europareisende Porpora, der in Rom und Venedig ebenso Triumphe feierte wie in Wien oder London, zu Lebzeiten auch als Großmeister der Gesangspädagogik galt, ist den kraftvollen, mit autonomem Orchesterpart unterlegten Arien jederzeit anzumerken. „Polifemo“ ist eine veritable Sängeroper und erzählt mit leichter Hand, doch noch ohne Rokoko-Rührseligkeit, von den Liebesverirrungen zweier Paare, welche das Libretto aus diversen Antikenmythen rund um den einäugigen Grobian Polyphem zusammengerührt hat. Der Titelheld im tiefen Register stellt - wie seinerzeit gebräuchlich - zwar nicht die musikalische Hauptrolle, ist aber als brummender Motor und Störenfried für die überirdischen Trällereien der Überirdischen unentbehrlich.

          Die luftige Regie von Clara Kalus macht nicht den Fehler, die von Haris Andrianos stimmschön und verständlich intonierte Monsterrolle zu überziehen - im Gegenteil: Als der Zyklop am Ende geblendet und verspottet seine Klagelieder singt und von hechelnden Koloraturen der Widersacher grell ausgelacht wird, neigt sich die Waage erneut. Die vom Mörder Polifemo begehrte Galatea wendet sich von ihrem Geliebten ab und scheint sich fast in den verstümmelten Loser zu verlieben.

          Menschen im Urwald ihrer Gefühle

          Solche feinen Ideen, welche die innere Kraft der Musik gut herausarbeiten, gibt es viele: Bewegliche Wände engen die verwirrten Helden schicksalhaft ein; mit Wölkchenhimmel, Reifröcken und Pappschwertern, mit Meeresrauschen aus gebauschten Tüchern und Konfettischnee wird die Barockästhetik liebevoll zitiert, aber immer auch stilsicher ironisiert. So bringt die Regie die Botschaft des ausgezeichnet aufspielenden Orches

          ters, das mit jedem Schwetzinger Barockwinter besser wird, mit einer ganz eigenen Poesie herüber: Hier agieren keine Kanarienvögel der Koloraturen und schon gar keine Pappkameraden der Musikhistorie, sondern passionierte Menschen, denen der Dschungel ihrer Gefühle zuweilen mächtig über die Köpfe wächst. Ist es angesichts all der raffiniert abgeschatteten Musik-Affekte zwischen Eifersucht und Begehren, Trauer und Verliebtheit ein Wunder, dass fürs kommende Jahr der Star-Counter Philippe Jaroussky eine ganze Porpora-Platte ankündigt?

          Am Schluss holt Clara Kalus ihr Zaubertheater wieder auf die Bretter zurück: Den abschließenden Chor singt das Ensemble, weit entfernt, mit dem Rücken zum Publikum in einen Guckkasten, der exakt dem weißblauen Schwetzinger Bühnenraum nachgebaut ist. Kaum hören wir mehr die Harmonien dieser erweckten Dornröschen-Oper. Porporas Meisterstück aus jenem unerreichbar reichen und erreichbar fernen London von 1735 wirkt da wie ein ferner Spiegel, in dem wir nach all der hässlichen Zeit wenigstens einen Anhauch von überzeitlicher Schönheit erahnen dürfen.

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