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Polen : Kurze Wege zwischen Musik und Politik

  • -Aktualisiert am

Eine Stadt als Kraftzentrum: Der Kulturpalast in Warschau Bild: dpa

Krakaus Bürgermeister ließ wissen, künftig keine ausländischen Künstler mehr zu fördern: So kam Warschau zu einem Beethoven-Festival. Ein Schritt mehr für Polens Hauptstadt auf dem Weg zur Kulturmetropole.

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          Der Bürgermeister von Krakau trieb Elzbieta Penderecka und ihr Beethoven-Festival aus der Stadt. So jedenfalls empfindet es die Ehefrau Krzysztof Pendereckis, des Doyens polnischen Komponierens unserer Zeit. Seit Jahrzehnten lebt das Paar in der Stadt, in einer für beide Seiten symbiotischen Beziehung. Madame Penderecka, eine grande dame alter, aber niemals unmoderner Schule, war es, die nach eigener Überzeugung Krakau zu Ostern musikalisch blühen ließ: mit dem Beethoven-Festival, das sie 1997 gründete und seitdem leitet. Und auch Metaphern waren, wenn "ihr" Beethoven klang, hoch über den Dächern der pittoresken Krakauer Altstadt aufgestiegen: vom Geist der Musik, die sich erhebe und in der stetigen Bewegung himmelwärts alle Menschen Brüder werden lasse, oder - nicht weniger fulminant: vom sprühenden Feuer aus der Menschen Geist. Ludwig van Beethoven soll das selbst gelegentlich über seine Musik gesagt haben. So zitiert Elzbieta Penderecka den Meister im Katalog der diesjährigen Festtage.

          Doch in ihren Hymnen auf das musikalische Genie ist heute ein neuer, melancholisch verschatteter Unterton zu vernehmen, der an Schärfe gewinnt. Vieles hat sich geändert in den vergangenen Monaten. Vor zwei Jahren war in Krakau ein neuer Bürgermeister angetreten. Im vorigen Jahr noch zeichnete er Elzbieta Penderecka mit einer Medaille für Verdienste um die Kultur aus, doch den unmittelbar darauf angesetzten Feierlichkeiten zum siebzigsten Geburtstag ihres Mannes entzog er die Unterstützung. Darauf sagte Madame Penderecka die Feier ab. Dann ließ sie der Bürgermeister wissen, daß es für das Beethoven-Festival im Jahre 2004 kein Geld von der Stadt gebe - man unterstütze in Krakau fortan keine ausländischen Musiker mehr.

          Wut und Wucht

          Die geradezu heilige Empörung, die Madame Penderecka ergriff, hat über die Monate, die seitdem vergangen sind, nichts an Wut und Wucht verloren. Eine Interpretation der Entscheidung des Krakauer Bürgermeisters allerdings überläßt sie klugerweise anderen. Von Ignoranz war die Rede, so jäh wie unerwartet aufbrechendem Chauvinismus, Xenophobie gar - vielleicht der schlimmste Vorwurf im Vorfreudentaumel unmittelbar vor dem Eintritt Polens in das erweiterte Europa. Ein mißverständliches Zeichen war es in jedem Fall.

          Der Streit um Beethoven setzte überdies einen neuen Gipfelpunkt auf das seit je gespannte Verhältnis zwischen Krakau und Warschau. Die Rivalität dieser beiden Städte läßt sich zurückführen bis ins Jahr 1596, als König Sigismund III. Wasa die Hauptstadt seines Reichs von Krakau nach Warschau verlegte. Über die Jahrhunderte haben sich die Gegensätze eher verschärft. Krakau nimmt für sich schon immer in Anspruch, intellektuelles Zentrum zu sein, während von Warschau aus die eher banale Wirklichkeit gesteuert werde. Die Rolle Warschaus als Kraftzentrum des ganzen Landes teilt sich auch dem Besucher unmittelbar mit. Die Stadt ist in ständiger Bewegung, von geradezu konstitutiver Unruhe erfüllt, die auf Anhieb stimulierend wirkt - und bald atemlos macht. Daß sie keine eigentliche Mitte hat, weder architektonisch-geographisch noch im spirituellen Sinne, ist der Stadt inzwischen selbst quälend bewußt geworden. Inzwischen hat Warschau begonnen, auch öffentlich über die Gründe nachzudenken, warum es den Bewohnern an verbindender Identität fehlt, einem gemeinsamen Interesse am gelegentlichen Innehalten im Aufbruch, der in seiner Überdrehtheit längst dem beständigen Rotieren im Hamsterrad gleicht.

          Am Boden zerstört

          Wer sich mit der Warschauer Mentalität beschäftigt, wird bei der Rückwärtsbewegung schnell an eine Grenze stoßen. Der Zweite Weltkrieg hinterließ die Hauptstadt am Boden zerstört. Achtzig Prozent ihres architektonischen Bestands waren dahin, die Bevölkerung tot oder vertrieben. Diese Wunde in der jüngeren polnischen Geschichte ist bis heute nicht verheilt, auch wenn die Lücken im Stadtbild Warschaus inzwischen geschlossen sind - mit größeren und schöneren Gebäuden als je zuvor. Nach dem Krieg wurde die Stadt auf Stalins Befehl schnell und ganz und gar neu errichtet - und von außen neu bevölkert. Das heutige Warschau ist genaugenommen erst fünfzig Jahre alt, auch wenn die Wurzeln der Stadt bis zurück ins dreizehnte Jahrhundert reichen. Eigenartiges Beispiel der ungeheuren Anstrengung, sich der eigenen Geschichte im Rückwärtstasten zu versichern, ist die Altstadt. Sie wurde in den fünfziger Jahren wiedererrichtet - Stein für Stein, als sei sie nie zerstört worden. Sogar die Patina der Gebäude ist gleichsam miteingebaut. 1980 wurde das Ensemble in die Schutzliste der Unesco für das Kulturerbe der Welt aufgenommen: als einzige Nachschöpfung eines verlorenen Originals weltweit.

          Vielleicht liegt es auch an der Unsicherheit der Menschen in Warschau über das, was geblieben ist und was bleiben wird, daß ihre Politiker das Krakauer Beethoven-Festival mit ausgebreiteten Armen aufnahmen. Beim Eröffnungskonzert in der Philharmonie trat der Bürgermeister Warschaus ans Mikrophon und sprach mit bebender Stimme davon, daß an diesem Abend eine neue Tradition begründet werde: Das Beethoven-Festival beginne ganz eigentlich erst mit seiner achten Ausgabe in Warschau.

          Ein Konzert als Staatsakt

          Inszeniert war das Konzert wie ein Staatsakt. Vor dem Gebäude patrouillierten finster blickende Muskelmänner mit Plastikknopf im Ohr und Ausbuchtungen unterm Jackett. Im Foyer wurde das Publikum wie auf dem Flughafen durch eine elektronische Durchleuchtungsanlage geschleust, dahinter gleißten die Lampen der Fernsehkameras. Unter den Ehrengästen fanden sich der polnische Premierminister, der Kulturminister und das fast vollständige diplomatische Korps. Das war nicht zufällig so, denn das Motto des Festivals lautete den politischen Zeitströmungen entsprechend: "Beethoven und die Musik der europäischen Nationen". Dort, wohin das Licht an diesem Abend in der Philharmonie nicht unmittelbar fiel, herrschte indes die anrührende Normalität polnischen Konzertalltags. An den Buffets standen Zuhörer in Abendgarderobe geduldig an, um für ein paar Zloty eine Tasse Tee zu erwerben oder ein einzelnes Stück Konfekt.

          Der große Saal blieb halb leer - der Sicherheit wegen, wie es später hieß. Deshalb waren auch keine der sonst üblichen Stehplätze verkauft worden. Der Selbstgewißheit des Abends tat das keinen Abbruch. Hinter einem Wall aus Frühlingsblumen trieb James Conlon einen berückend elastischen Klangkörper aus internationalen Gesangssolisten, dem Chor der Philharmonie und dem Radio-Symphonieorchester aus Kattowitz durch Beethovens neunte Symphonie. Es wurde eine gänzlich unpathetische Deutung, fast ein wenig wie im Vorübereilen, als gelte es, mittels der Musik den großen Worten nachträglich ihre Beschwernis zu nehmen: eine Darstellung, die ermutigend klang.

          Fünfundzwanzig Theater, sechzig Museen

          Auch Elzbieta Penderecka hat inzwischen erkennen müssen, daß ihre Entscheidung für Warschau in vielerlei Hinsicht unumkehrbar ist. Sie hat ein Zeichen gesetzt, gegen Krakau, die Stadt des Geistes, für die Hauptstadt, die so gerne auch Kulturmetropole wäre. Immerhin klingt ihre Bilanz imponierend: Fünfundzwanzig Theater zählt die Stadt, in der heute reichlich anderthalb Millionen Menschen leben. Es gibt in Warschau sechzig Museen, Dutzende Kinos und Kunstgalerien. Auch die musikalischen Gewichte wiegen dort schwer. Alle fünf Jahre findet der weltweit ausstrahlende Chopin-Klavierwettbewerb statt, seit Ende der fünfziger Jahre das Festival "Warschauer Herbst" für zeitgenössische Musik, veranstaltet vom polnischen Komponistenverband. Die Stadt hat Mozart-Festspiele, ein Festival für Alte Musik und eine lebendige Jazzszene. Die Litfaßsäulen sind vollgeklebt mit Ankündigungen von Gastspielen aus dem internationalen Rockzirkus. Daneben nahmen sich in diesen sonnigen, klirrend kalten Frühlingstagen die Plakate eher unauffällig aus, auf denen Beethoven mit ernster Miene aus einem Gitterwerk blauer Punkte blickte.

          Nach seinem Auszug aus Krakau blieb dem Festival nicht viel Zeit zur Vorbereitung in Warschau. Dafür war die Präsenz der Beethoven-Bilder auf Transparenten und Broschüren im Stadtbild denn doch eindrucksvoll. Als Elzbieta Penderecka mit ihrer vom Werk des Komponisten abgeleiteten Vorstellung musikalischer Menschheitsverbrüderung eintraf, erfuhr sie jenseits der Lokalpolitik nicht nur Zustimmung. Auch andere Festivalveranstalter müssen in Warschau um ihre Existenz bangen. Immerhin zeigte sich die Stadt auf Anhieb großzügig und brachte vierzig Prozent des Etats auf, der nicht mehr als eine Million Euro umfaßt. Das erscheint wenig für achtzehn Konzerte mit international bewährter Besetzung. Die meisten von ihnen standen unter Schirmherrschaft jeweils einer der in Warschau vertretenen europäischen Botschaften.

          Kotau vor der Politik

          Der musikalisch verhüllte Kotau vor der Politik führte zu kuriosen Programmfügungen, die jedoch in aller Regel durch eigene künstlerische Logik überzeugten: als Teil eines imaginierten Begriffs vom europäischen Ganzen. Barry Douglas etwa, der irische Pianist und Dirigent, machte bei zwei Gelegenheiten Beethoven mit anderen Komponisten bekannt: die Hammerklavier-Sonate mit Mussorgskys Originalversion der "Bilder einer Ausstellung" sowie das zweite Klavierkonzert und die siebte Symphonie mit einem Nocturne des irischen Zeitgenossen John Kinsella und der klagenden Streicherserenade Pendereckis. Alle verstanden sich gut miteinander. Irland hält zur Zeit die Präsidentschaft in der Europäischen Union, so wurde Douglas zum "artist in residence" des Festivals. Und kürzere Wege zwischen den Inszenierungen von Politik und Musik als bei dieser Beethoven-Lese kann es kaum anderswo geben.

          So trafen während eines überlangen Abends in der monumentalen Warschauer Oper Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen", in ansprechend verdunkeltem Ton vorgetragen von der jungen Berliner Mezzosopranistin Stella Doufexis, auf Dvoráks Cellokonzert (Solist: Frans Helmerson, der aus Schweden stammt und in Bonn lebt) und auf die Symphonie fantastique von Berlioz: in fulminanter Besetzung (sechs Harfen!) und luxuriös musiziert vom Radio-Symphonieorchester Kattowitz, das unter der Leitung seines Chefdirigenten Gabriel Chmura überwältigenden Reichtum an Farbkonstrasten demonstrierte. Vor diesem Eindruck verblaßte eine andere Episode, die gezeigt hatte, was Musik passieren kann, wenn sie sich einläßt auf die Banalität des Lebens - in Warschau oder anderswo. Da feierten tags zuvor die Repräsentanten des polnischen Unternehmerverbands dessen fünfjähriges Bestehen im scharf bewachten Teatre Polski mit solchem Enthusiasmus, daß für die nachfolgende musikalische Darbietung, von den Unternehmern finanziert, nicht mehr viel Aufmerksamkeit übrigblieb. Der Geiger Gidon Kremer und sein junges Ensemble "Kremerata Baltica" mühten sich sichtlich, doch gegen den schweren, braunen Vorhang, der ihre Hälfte der Drehbühne begrenzte und auch den Abend gleichsam in zwei Hälften teilte, hatte ihre Musik - originelle Bearbeitungen von Schubert und Schumann - nicht den Hauch einer Chance. Es gelang nicht jedem europäischen Abend dieses Festivals in Warschau, aus sich selbst heraus ein Glücksfall zu werden.

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